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    KARLSTADT

    Die Seele aus den Häusern kitzeln

    Das Kapuzinerkloster brannte in der Nacht zum 11. September 1974 lichterloh. Das von den Mönchen 1965 verlassene Gebäude war angezündet worden – behördlich genehmigt. Reifen, Stoffreste, Stroh und Diesel ließen das grelle Feuer in den nächtlichen Himmel lodern. Fernsehkameras filmten die gespenstige Szenerie für eine Episode in einer Unterhaltungsserie über Feuerwehren.

    Ein Jahr später sahen die Karlstadter im ARD-Vorabendprogramm sechs Minuten lang ihr Kloster noch einmal brennen. Der Stadtrat hatte für das freiwerdende Gelände schon Pläne für ein neues Rathaus in der Schublade.

    Knapp 40 Jahre später würde kein Karlstadter Bürger dieses Spektakel gutheißen und keine Behörde das Niederbrennen des 400 Jahre alten Gebäudes genehmigen. Denn in den letzten vier Jahrzehnten haben vor allem die Bürger ihren Beitrag zur Sanierung der 12,8 Hektar großen, mittelalterlichen Altstadt geleistet, wurden Gesetze und Vorgaben beschlossen, die die historisch-wertvolle Bausubstanz schützen.

    Das am 1. Oktober 1973 in Kraft getretene Bayerische Denkmalschutzgesetz rettete das Kapuzinerkloster mit Kirche nicht, zu sehr steckte noch alles Bemühen in den Kinderschuhen. Wie lax das Landesamt für Denkmalpflege vor 1973 mit historischen Bauten umging, zeigen zwei Zustimmungen zum Klosterabbruch 1966 und 1970, die der damalige Bürgermeister Werner Hofmann einholte. In Bayern gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts Anfänge von behördlicher Denkmalpflege. 1908 wurde das Bayerische Landesamt gegründet, das nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit dem Wiederaufbau beschäftigt war.

    1975 begann in Karlstadt ein ehrgeiziges Projekt, dass die Kreisstadt zu einem oft besuchten Anschauungsobjekt gelungener Altstadtsanierung in Süddeutschland machte – das kleine Rothenburg, wie die Stadtväter stolz und ganz und gar unbescheiden ihr Städtchen bisweilen nannten. Die Stadtväter stiegen 1978 mit der Totalsanierung des historischen Rathauses von 1422 richtig mit ein und gaben den Hauseigentümern in der Altstadt in den Folgejahren ein Beispiel, wie sich ihre trist-grauen Häuser an abgelaufenem Gassenpflaster zu liebevoll gestalteten Schmuckstücken mit grünen Höfen entwickeln, in denen junge Paare ihre Familien gründen.

    Zwar schreckten die aus dem Ruder gelaufenen Kosten beim Vorzeigeprojekt Rathaus von vom Landbauamt angesetzten 2,8 auf 5,4 Millionen DM die ersten Sanierungswilligen ab. Aber junge und stilsichere Architekten wie Alfred Wiener, Werner Haase und Karl Gruber, die sich teilweise bald ganz auf Altstadtsanierung spezialisierten, die Seele jedes einzelnen Hauses ergründen und zudem die Fördertöpfe kennen, nahmen den Bürgern im Laufe der Jahre den Schrecken. Die Bewohner wurden Zeuge, wie sich ihr Wohnumfeld veränderte und wie sie freier in der verkehrsberuhigten Altstadt atmen konnten.

    In der 70er Jahren waren die Karlstadter reif für Denkmalpflege, auch wenn manche Querelen über Sinn oder Unsinn von Fachwerk, über Deckenbalken, Stuck und Raumhöhe mit den Konservatoren des Landesamtes den einen oder anderen Bauherren verdrossen.

    Bürgermeister Werner Hofmann schrieb 1976 in einem Vorwort für eine Dokumentation, dass Karlstadt seit 1967 die Grundlagen mit Aufstellung einer Denkmalliste und ersten zaghaften Voruntersuchungen gelegt hatte. Ziel war, die rückläufigen Bevölkerungszahlen und die nicht länger hinnehmbaren Wohnverhältnisse in Häusern, die dem Verfall preisgegeben waren, zu stoppen. Zudem führten zwei Bundesstraßen durch die Hauptstraße. Der Durchgangsverkehr drängte den Stadtverkehr in die Gassen, erinnert sich Hofmanns Nachfolger Karl-Heinz Keller, der bis 1990 als Chef der städtischen Bauverwaltung die Altstadtsanierung maßgeblich leitete.

    Steuerliche Anreize

    Keller macht den Start an einem Termin fest: 19. Juni 1971. „Das neue Städtebauförderungsgesetz gab uns ein Instrumentarium an die Hand, wie wir effektiv Stadtsanierung betreiben können. Es regelte auch die Finanzierung.“ Hinzu kamen steuerliche Anreize für Hauseigentümer.

    Der Unterhaltsaufwand der nicht sanierten Gebäude ohne Bundes- und Länderförderung hätte in Karlstadt Millionen DM verschlungen. Keller spricht von einem Dreiklang, der der Stadtsanierung bis in die heutige Zeit guttut: Planungsgruppe 7, Karlstadter Architekten und die aufgeschlossene Stadtverwaltung mit dem Stadtrat, der hinter Konzept und Zielen steht. Im Landkreis Main-Spessart war laut Keller nur in Karlstadt die Stadtsanierung so konsequent umgesetzt worden – nämlich von einem Altstadtquartier zum nächsten Viertel.

    Alleinstellungsmerkmal

    Die Restaurierung der stattlichen Bürgerhäuser aus dem 16. Jahrhundert, die noch nicht abgeschlossen ist – Keller spricht von 75 Prozent fertiger Sanierung –, und das nachbarschaftliche und familienfreundliche Ambiente in grünen Innenhöfen und schmucken Gassen ist ein Alleinstellungsmerkmal Karlstadts und strahlt auf die ganze Kreisstadt und den Landkreis Main-Spessart. Neben den gesetzlichen Vorlagen wie Denkmalschutz- und Städtebauförderungsgesetz sind es die Bürger, die bis heute einen nicht unerheblichen Beitrag für ein lebenswertes Karlstadt leisten.

    1987 schrieb der damalige Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalschutz, Michael Petzet, in einem Erfahrungsbericht nach zwölf Jahren Altstadtsanierung in Karlstadt: „Eine historische Stadt so zu sanieren, dass sie ihren authentischen Charakter nicht verliert, ist ein mühevoller Prozess.“ Der Aufbruch in den 70er Jahren war für Karlstadt ein Glücksfalls.

    Von unserem Redaktionsmitglied Martina Amkreutz-Götz

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