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    Marktheidenfeld

    Disco-Sterben im Landkreis: Wie ergeht es DJs aus der Region?

    Findet, die Leute sind durch das Musik-Streaming offener geworden: DJ Fajo alias Mario Väth aus Marktheidenfeld, hier bei einem Auftritt im Lichtspielhaus. Foto: DJ Fajo

    Das Discoleben in Main-Spessart? Es ist überschaubar geworden. Ende August 2019 sperrte Sascha Beeger die Tür des Lichtspielhaus in Marktheidenfeld für immer zu. Somit gibt es mit dem Meteor in Lengfurt nur noch eine Discothek im Landkreis. Was bleibt, sind eine Menge Fragen: Zum Beispiel, welches "Feier-Bedürfnis" haben die Menschen in der Region? Warum trägt sich das Disco-Konzept nicht mehr?  Die Redaktion Main-Spessart hat sich diese Fragen vorgenommen und versucht, Antworten zu finden. In mehreren Artikeln wird es um das "Feierleben im Landkreis gehen". Im Auftakt-Artikel erzählen DJs aus der Region, was sich aus ihrer Sicht verändert hat und wie sie das finden.     

    Mario Väth: Leute sind durch das Musik Streaming  offener geworden

    Mario Väth alias DJ Fajo aus Marktheidenfeld ist seit sieben Jahren als DJ unterwegs. "Ich bin mit 16 Jahren zum ersten Mal offiziell aufgetreten", erzählt der 24-Jährige. Seitdem geht es stetig bergauf. In den letzten zwei Jahren sei er im Schnitt zwei Mal pro Monat gebucht. In der Region war er im Lichtspielhaus, aber auch im Meteor oder auf der Magic Beat Night in Homburg zu hören. Zudem veranstaltet er zusammen mit zwei Würzburgern eigene Partys.

    Wie sich die Feierlaune der Menschen in den letzten Jahren verändert hat? Er spürt: Die Nachfrage nach "in den Club gehen" nimmt ab. "Ich habe den Eindruck: Die Leute gehen auf ein, zwei Festivals im Jahr, kosten das richtig aus und den Rest des Jahres reicht ihnen die Cocktail-Bar oder die Kneipe", so Mario Väth. Ein wenig aufgefangen werde das Problem des "Disco-Sterbens" seiner Meinung nach durch örtliche Vereine, die alte Veranstaltungen aufgreifen und wieder auf die Beine stellen. Allerdings koste so etwas auch viel Zeit, Geld und manchmal Nerven: Hallen müssen gemietet werden, Gema-Gebühren bezahlt, Sicherheitsstandards eingehalten. 

    Aber auch der Musik-Konsum an sich hat sich in Mario Väths Augen verändert: Als seine Zielgruppe bezeichnet er Leute zwischen 18 und 30 Jahren. Und die sei mittlerweile weniger auf eine bestimmte Musikrichtung festgelegt, als auf "einen guten Mix aus allem", so Väth. Er selbst hat mit elektronischer Musik angefangen, dann Hiphop und Dancehall aufgelegt. Heute seien die Leute durch das Musik-Streaming aber offener geworden und froh, wenn nicht nur ein Musik-Stil läuft. Der Nachteil: "Die Leute denken oft, dass das, was wir DJs tun, doch alles so einfach ist."  Nach dem Motto: Einfach runterladen und abspielen. 

    Tobias Grüdl: "Früher war es ein Privileg, die Musik zu haben und machen"

    Ähnlich sieht das Tobias Grüdl, langjähriger DJ im Lichtspielhaus in Marktheidenfeld. "Früher war es ein Privileg, die Musik zu haben und machen", erzählt der Hafenlohrer. Schließlich lief das, was in den Discotheken gespielt wurde, nicht im Radio und alle waren scharf darauf, diese Musik zu hören. Heutzutage seien die Menschen in dieser Hinsicht satt. Die Musik zu haben, ist nicht mehr das Entscheidende.  

    War lange Zeit Stamm-DJ im Lichtspielhaus: Tobias Grüdl aus Hafenlohr.  Foto: Grüdl

    Grüdl selbst hat in der Techno-Szene der 90er angefangen aufzulegen. "Ich hab mir immer schon Platten gekauft", erzählt er. Dazu kamen zwei Plattenspieler von Vater und Großvater und ein Mixer. "Mein erstes Tape war schrecklich, Ohrenkrebs", beschreibt der 49-Jährige. Mit Übung, einem besseren Equipment, wurde er bekannter. Und er fing an Partys zu veranstalten, zum Beispiel in Bergrothenfels. "Wir haben mit 200 Leuten gerechnet, es kamen 600", erzählt er. Angespornt von dem Erfolg mietete er zusammen mit seiner Clique als nächstes die Faulbacher-Festhalle für rund 1000 Leute an.  

    Durch Platteneinkäufe in Aschaffenburg lernte er die Partyszene kennen, legte im "Aladdins" in Goldbach auf, ebenso wie im Savoy in Zellingen. Ab 2004 stieg Tobias Grüdl als DJ im Marktheidenfelder Lichtspielhaus mit ein und wurde dort zusammen mit Sascha Beeger Resident-DJ. Als dieses schließen musste, wurde es auch ruhig bei Tobias Grüdl. Außer an Hochzeiten oder Geburtstagen legt er nicht mehr auf. Ob er es vermisst? "Ja! Das ist das Größte, wenn du mit deiner Musik die Leute zum Tanzen bekommst." Teils sechs Stunden am Stück hat er im Lichtspielhaus aufgelegt. Wichtig sei es gewesen, auf die Leute einzugehen, auch mal Musikwünsche zu berücksichtigen. 

    Immer mehr zum Problem und somit auch mit entscheidend für die Wirtschaftlichkeit einer Disco wurde im Laufe der Zeit auch das Thema "Vorglühen". "Die Leute waren teils schon drüber, wenn sie in der Disco ankamen", erzählt er. Zudem sank die Akzeptanz und das Bedürfnis für den Disco-Besuch noch Geld auszugeben und teure Drinks zu kaufen.  

    Simon Alsheimer: Der Trend geht zu kleineren Clubs, oft in der Innenstadt

    Mehrmals im Monat im Club-Einsatz in Würzburg ist auch DJ Short-Cut alias Simon Alsheimer. Er kommt ursprünglich aus dem Sinngrund, wohnt mittlerweile in Karlstadt. Seine Leidenschaft gilt dem Hip-Hop. "Dazu gekommen bin ich durch diverse Hip-Hop-Dokumentationen. Außerdem war mein Freundeskreis infiziert mit dem "Hip-Hop-Virus". Manche waren als Breakdancer oder Rapper aktiv. Ich als DJ", erzählt der 35-Jährige, wie er 2001 startete. Mit der Zeit wurden die Buchungen immer professioneller. Von Keller-Sessions, über Gigs mit befreundeten Rappern, bis hin zu Club-Gigs. Heutzutage ist Alsheimer mehrmals im Monat am Wochenende im Club-Einsatz. Wenn es die Zeit erlaubt, produziert er nebenbei noch mit befreundeten Rappern eigene Musik im Heimstudio.

    Feiert nach wie vor gerne im Kleinstadt-Club: Simon Alsheimer alias DJ Short-Cut aus Karlstadt.  Foto: Philipp Gerner

    Auch für ihn ist klar: Das Weggehverhalten der Leute hat sich verändert – nicht nur in der Region. Der Trend geht zu kleineren Clubs, oft in der Innenstadt. "Die Leute ziehen oft durch mehrere Clubs an einem Abend und möchten alles gut erreichen", sagt er. Dafür würde sie auch längere Anfahrten in Kauf nehmen. Ein weiterer Vorteil: Die Anonymität der Stadt. Nicht jeder möchte beim Feiern jeden auf der Tanzfläche oder an der Theke kennen. "Bei manchen Leute gilt feiern im Kleinstadt-Club auch als uncool. Was ich persönlich nicht nachvollziehen kann", so Alsheimer.

    Hingegen machen Großraum-Discotheken immer häufiger zu. Einen Beitrag dazu leisten auch die Sozialen Medien: War die Disco früher der Ort, um sich zu treffen, auszutauschen und neue Musik zu hören, kann das ein junger Mensch heutzutage auch alles von Zuhause aus tun. "Meiner Meinung nach macht das aber nicht halb so viel Spaß", so Alsheimer. Er möchte auch nicht alles schwarz malen. So gebe es noch genügend gut gehende Clubs, meist etwas kleiner.

    Allerdings findet er es persönlich sehr schade, dass das Lichtspielhaus in Marktheidenfeld schließen musste. "Für einen Kleinstadt-Club war das LSH ein sehr sauberer, schicker und geräumiger Laden. Es wurden oft auch große Namen der Szene gebucht", so DJ Short-Cut. Er findet, die Region habe damit etwas Wichtiges verloren.

    Simon Schaub: Szene-Events mit exotischeren Acts und DJs locken keine Leute mehr an

    Schon lange als DJ unterwegs ist Simon Schaub alias "Simon VDS". Der 30-Jährige kommt ursprünglich aus Wiesenfeld und lebt mittlerweile in Steinbach. Zusammen mit einem Sendelbacher Kollegen hat er ein kleines Musikstudio. Zudem veranstaltet er Club-Events in Hallen in der Region. "Wir bekommen mit halbjährlichen Events das Jugendheim in Partenstein oder die Waldsassenhalle in Wiesenfeld noch gefüllt. Ähnlich läuft es bei der "Soundnight" in Wombach oder Veranstaltungen in der Wernfelder Halle", sagt er. Hingegen würden "Szene-Events" mit exotischeren Acts und DJs in MSP keine Leute mehr anlocken, so dass der Veranstalter die hohen Gagen umsonst zahle. Dazu diene das Club-Leben in Würzburg, wo es jedes Wochenende auch die Jugend aus Main-Spessart größten Teils hinziehe, so Schaub. Der Vorteil: In den kleinen Clubs werden noch auch die einzelnen Musik-Genres bedient, mit dem jeweiligen Publikum.

    Sagt, Szene-Events locken in MSP keine Leute mehr an: Simon Schaub alias DJ Simon VDS aus Steinbach.  Foto: Lukas Seufert

    Anders in Main-Spessart: "Wenn du auf Events in Hallen in MSP gehst, musst du damit rechnen, dass du die volle Breite an Party-Musik bekommst", so Schaub. Davon sei nicht jeder Fan. Aber das sei, was hier aktuell funktioniere. DJs aus MSP zieht es somit auch mit Bookings in die Würzburger, Bad Kissinger oder Aschaffenburger Richtung. Simon Schaub sieht an darin aber auch wieder eine Chance für die Region: "Wenn die Pläne des Lohrer Stadtstrands verwirklicht werden, hätte der dortige Betreiber auf jeden Fall eine Vielzahl an gewillten und talentierten Künstler für die unterschiedlichsten Veranstaltungen, direkt aus der Region."

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