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    Karlstadt

    Dr. Kestel: "Darmkrebs ist vermeidbar, gehen sie zur Vorsorge"

    Dr. Walter Kestel ist Chefarzt für Innere Medizin I am Krankenhaus Lohr des Klinikums Main-Spessart. Foto: Jürgen Kamm

    "Nur Lungenkrebs führt häufiger zum Tod" sagte Dr. Walter Kestel, Chefarzt für innere Medizin I am Krankenhaus Lohr des Klinikums Main-Spessart im seinem Vortrag "Vorsorge ist besser als Darmkrebs". Denn mit der Darmspiegelung gibt es eine echte Vorsorgeuntersuchung, die nur etwa 20 Minuten dauert. Rund 20 Besucher verfolgten aufmerksam seinen mit einer Präsentation – samt Bildern und Videos aus dem Dickdarm – illustrierten Vortrag in der Karlstadter Volkshochschule.

    Echte Vorsorgeuntersuchung bedeutet, dass schon eingegriffen werden kann, ehe sich Tumore bilden. Neben der Darmspiegelung ist in der Humanmedizin nur der Gebärmutterhalsabstrich bei Frauen eine solche echte Vorsorgeuntersuchung, so Kestel in seinem Vortrag.

    Darmkrebsrisiko steigt ständig ab eine Alter von 50 Jahren

    Grundsätzlich ist Darmkrebs die zweithäufigste Tumorerkrankung in Deutschland mit über 60 000 Neudiagnosen im Jahr. Seit 1980 stieg die Anzahl der Neudiagnosen kontinuierlich an, doch 2010 kam es zu einer Trendumkehr, was Mediziner darauf zurückführen, dass die Darmspiegelung seit 15 Jahren als anerkannte Vorsorgeuntersuchung von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt wird. So schnell Effekte zu sehen, ist laut Kestel ungewöhnlich, umso mehr als nur 20 Prozent der berechtigten Personengruppe diese Untersuchung in Anspruch nehmen. Berechtigt sind Menschen über 55 Jahre, was daran liegt, dass das Risiko an Darmkrebs zu erkranken ab dem 50. Lebensjahr ständig steigt. Ihnen bezahlt die Krankenkasse derzeit zwei Darmspiegelungen im Abstand von mindestens zehn Jahren. Medizinisch wären aber auch Spiegelungen für über 70-jährige sinnvoll, sagt Kestel. Neben der Darmspiegelung wirkt sich auch der Test auf Blut im Stuhl aus. Er führte innerhalb von 13 Jahren zu 33 Prozent weniger Todesfällen durch Darmkrebs.

    Generell ist Darmkrebs eine Erkrankung der zweiten Lebenshälfte. Beeinflussbare Risikofaktoren sind der Lebensstil, insbesondere die Ernährung (rotes Fleisch, viel Kohlenhydrate und Alkohol sollten vermieden werden) mit viel Ballaststoffen, das Rauchen, Übergewicht und zu wenig Bewegung. Weniger Einfluss hat der Einzelne auf die Faktoren wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Rasse und Vererbung. So gibt es die Erbkrankheit FAP (familiäre adenomatöse Polyposis) mit einem massenhaften Befall des Dickdarms durch Polypen, bei der praktisch nur die Entfernung des Dickdarms im jungen Erwachsenenalter die Entstehung vom Darmkrebs verhindern kann. Sie ist sehr selten: Höchstens zehn von 100 000 Menschen sind betroffen, sagt Kestel.

    Polypen im Dickdarm gelten als Risiko für Darmkrebs

    Generell gelten Polypen, das sind meist gestielte Ausstülpungen der Schleimhaut, im Dickdarm als Risiko für Darmkrebs. Der große Vorteil der Darmspiegelung ist, dass sie bereits während der Untersuchung schmerzfrei entfernt werden können. Damit ist die Gefahr gebannt und die Wunde in der Darmschleimhaut verheilt innerhalb von zehn Tagen. Das kann kein anderes Verfahren.

    Natürlich erklärte Dr. Walter Kestel auch, wie eine Darmspiegelung abläuft. Letztlich wird über den After und Enddarm ein flexibles Endoskop in den mittels Abführmittel gereinigten Dickdarm vorgeschoben. Die eigentliche Untersuchung erfolgt dann beim Zurückziehen des Endoskops. Der erfahrende Mediziner riet dabei zur Möglichkeit der Sedierung, weil das eine ruhigere Untersuchung ermögliche. Die Erfolgsquote von 76 bis 90 Prozent verhinderter Tumore nach entfernten Polypen hänge damit zusammen, das manchmal etwas übersehen wird, gefunden würden 95 Prozent der Polypen oder Tumore. Das hänge auch von der Tagesform des Untersuchers ab, meist sei sie morgens besser.

    Falls Polypen gefunden und entfernt werden, werden sie feingeweblich untersucht und der Patient kommt ins Polypen-Nachsorgeprogramm mit mehr Untersuchungen als einer Spiegelung nach zehn Jahren.

    Definierte Darmabschnitte werden entfernt

    Im zweiten Teil seines Vortrages ging Dr. Walter Kestel darauf ein, wie Darmkrebs behandelt werden kann. Werden bei einer Spiegelung Tumore gefunden, läuft eine standardisierte Therapie an – die Behandlung ist laut Kestel in Lohr dann nicht anders als zum Beispiel in Hamburg. Typisch ist, dass definierte Abschnitte des Dickdarms und benachbarte Lymphknoten operativ entfernt werden. Wenig überraschend: In den frühen Stadien sind die Heilungschancen weit besser. Bei mittleren Stadien gibt es immer eine zusätzliche (aufgesetzte) Chemotherapie von der die Hälfte der Patienten profitiert.

    Bei spät erkannten Darmkrebs, wenn sich Krebszellen schon in anderen Organen angesiedelt haben, kann nicht mehr operiert werden. Doch auch hier gibt es Fortschritte. "Die Chemotherapie hat ihren Schrecken verloren", erklärte der Chefarzt, die Lebensqualität sei mit den modernen Medikamenten eine ganz andere als vor 15 Jahren. Gleichzeitig habe sich die Lebenserwartung bei einer solchen Diagnose von einem Jahr auf mindestens drei Jahre erhöht, was sehr viel für eine metastasierte Tumorerkrankung sei. Nach knapp zwei Stunden schloss der Arzt mit dem Appell "Darmkrebs ist vermeidbar, gehen sie zur Vorsorge".

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