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    LOHR

    Ein Erdrutschsieg für Mario Paul

    Bejubelter Wahlsieger: Dr. Mario Paul kam gegen 19 Uhr mit seiner Familie ins Rathaus und wurde von seinen Anhängern mit frenetischem Applaus begrüßt.
    Bejubelter Wahlsieger: Dr. Mario Paul kam gegen 19 Uhr mit seiner Familie ins Rathaus und wurde von seinen Anhängern mit frenetischem Applaus begrüßt. Foto: Johannes Ungemach

    „Das sieht nicht gut aus“ – als um 18.14 Uhr das erste Zwischenergebnis der Bürgermeisterwahl auf der Leinwand im Gewölbekeller des Rathauses erschien, machte sich bei Bürgermeister Ernst Prüße ein ungutes Gefühl breit. Im eigentlich als schwarze Hochburg bekannten Halsbach hatte er nur 22 Stimmen erhalten, sein Herausforderer Dr. Mario Paul hingegen 44.

    Ein Drittel zu zwei Drittel – diese Stimmenverteilung zog sich in der folgenden halben Stunde durch alle Wahllokale. Am Ende stand ein Ergebnis, das man in dieser Form getrost als Sensation bezeichnen kann: Mario Paul, der 39-jährige Herausforderer von Grünen und SPD, errang einen von keinem erwarteten triumphalen Wahlsieg. Amtsinhaber Ernst Prüße (CSU) erlitt ein in diesem Ausmaß ungeahntes Desaster.

    Während die Wahlergebnisse Stück für Stück im Rathaus eintrudelten, herrschte im Gewölbekeller des Rathauses beinahe gespenstische Ruhe. Die Resultate machten Befürworter und Gegner Prüßes gleichermaßen sprachlos. Die ganze Fassungslosigkeit Prüßes wurde in einigen Sätzen deutlich, die er zwischendurch zu seinen Begleitern, darunter Ehefrau Cornelia, raunte: „Ich verstehe das nicht.“ Oder: „Woran liegt das.“ Als um 18.46 Uhr das für ihn desaströse Ergebnis besiegelt war, verließ der Bürgermeister sofort den Raum. Wortlos. „Nicht heute. Vielleicht morgen“, sagte er zu den Pressevertretern, die ihn um eine kurze Beurteilung des Ergebnisses baten.

    Nachdem Prüße verschwunden war, herrschte zunächst ein viertelstündiges Vakuum im Rathaus. Denn der Wahlsieger Paul hatte den Abend bis dahin zuhause bei Familie und Pizza verbracht. Es war 19 Uhr, als er begleitet von seiner Lebensgefährtin Diana Weis und den drei Kindern Max, Luise und Frieda durch den Haupteingang schritt und frenetischer Applaus sowie Mario-Mario-Sprechchöre im Foyer aufbrandeten.

    „Mit diesem Ergebnis habe ich niemals gerechnet.“
    Dr. Mario Paul Neuer Bürgermeister von Lohr

    „Ich freue mich unglaublich“, sagte Paul bewegt in die Runde. Die monatelange Arbeit eines großen Teams habe sich gelohnt. Gleich nach diesen Sätzen wurde der künftige Bürgermeister verschlungen von der Gratulantenschar. Unter den Ersten waren die dritte Bürgermeisterin Rosemarie Stenger und Hauptamtsleiter Dieter Daus, der sagte: „Auf gute Zusammenarbeit.“

    Nach einiger Zeit bekannte Paul gegenüber der Presse, dass er zu Beginn des Abends „zweimal hinschauen“ musste, als die ersten Ergebnisse eintrudelten und sich der Trend eines deutlichen Wahlsieges schnell verfestigte. Chancen habe er sich natürlich ausgerechnet, sagte Paul, fügte jedoch hinzu: „Mit diesem Ergebnis habe ich niemals gerechnet.“

    Gleichwohl habe er in den vergangenen Monaten in Lohr „eine deutliche Wechselstimmung“ gespürt. Er freue sich, dass offenbar viele Wähler den Auffassungen der Grünen und der SPD zur Stadtpolitik gefolgt seien.

    Anders als sein Amtsvorgänger Prüße hielt sich Paul jedoch mit forschen Ankündigungen für den Beginn seiner am 1. Mai startenden Amtszeit zurück. Er wolle erst mal im Rathaus ankommen und dort in einem Team arbeitsfähig werden, sagte Paul und sprach davon, dass man auch in einer solchen Stunde des Triumphes bescheiden bleiben müsse. Die Wähler hätten ihm einen gewaltigen Vertrauensvorschuss gegeben, „den ich nun durch harte Arbeit bestätigen will“, so Paul.

    Dessen Sieg sorgte im Lager seiner Unterstützer für einen gewaltigen Gefühlsausbruch. „Das ist unvorstellbar, ein Traum“, jubelte Bärbel Imhof, die Ortsvorsitzende der Grünen. Auch deren Fraktionsvorsitzender Wolfgang Weis zeigte sich „überwältigt“. Er habe mit einem Sieg Pauls gerechnet, aber nicht mit einem solchen.

    Nicht minder begeistert war Christine Kohnle-Weis, die Ortsvorsitzende der SPD. Sie sprach von einem fantastischen Ergebnis. Mit Paul sei ein Mann zum Bürgermeister gewählt worden, der die teils zerstrittenen Lager in der Stadtpolitik wieder zusammenführen könne.

    Auch Altbürgermeister Siegfried Selinger freute sich über den Triumph Pauls, den er im Wahlkampf unterstützt hatte. Er freue sich aber nicht nur für Paul selbst, sondern auch für Lohr. „Eine neue, reelle Politik wird der Stadt gut tun“, sagte Selinger. Er bekannte jedoch auch, „ein intensives Mitgefühl“ mit dem Wahlverlierer Prüße zu haben. „Das tut sicher sehr, sehr weh“, sagte Selinger und fügte hinzu: „Man bleibt bei allem Mensch.“

    Auch Brigitte Riedmann, die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, konnte sich in die Lage Prüßes versetzen: „Ich weiß, wie es ist, zu verlieren“, sagte die Frau, die vor acht Jahren Prüße in der Stichwahl unterlag. Ihrer Einschätzung nach war der Wahlausgang eher eine Abwahl Prüßes denn eine Wahl Pauls. Gerade in jüngerer Zeit habe der Amtsinhaber nicht die glücklichste Figur gemacht, sagte Riedmann mit Blick auf Prüßes Agieren in Zusammenhang mit der Krise beim Rexroth-Aggregatebau.

    Dem neuen Bürgermeister wünschte sie eine „glückliche Hand“. Daran, ob sie künftig erneut wieder für das Amt einer Bürgermeisterstellvertreterin in Frage komme, wollte Riedmann am Wahlabend noch nicht nachdenken. Franklin Zeitz, der Vertreter des Bürgervereins im Stadtrat, war ebenso wie alle anderen von der „Eindeutigkeit des Ergebnisses überrascht“. Auch er sah in dem Ergebnis in erster Linie eine Abwahl Prüßes. „Das ist die Konsequenz eines jahrelangen undiplomatischen Verhaltens“, urteilte er.

    Dirk Rieb, der Ortsvorsitzende der Lohrer CSU, war angesichts des Wahlausgangs sichtlich enttäuscht. Er habe ein knappes Ergebnis erwartet, allerdings mit Prüße als Sieger, sagte er. Die Ursachen dieser Niederlage gelte es nun zu analysieren.

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