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    Wombach

    Ein Ex-Seemann aus Wombach macht Bilder aus Seemannsknoten

    Francesco De Crescenzo aus Wombach macht Bilder aus Seemannsknoten. Foto: Björn Kohlhepp

    Der Wombacher Francesco De Crescenzo ist früher zur See gefahren. Inzwischen ist er zu einer Landratte geworden und arbeitet bei Rexroth. Aber ganz lässt den 39-Jährigen seine Zeit auf dem Meer nicht los, was sich unter anderem an einem nicht alltäglichen Hobby zeigt: De Crescenzo bindet Seemannsknoten und arrangiert diese zu aufwändigen, gerahmten Bildern, die er verkauft. Und weil der gemeine Wombacher mit Seemannsknoten wenig anfangen kann, sprich: sich die Nachfrage in der Gegend in Grenzen hält, werden seine Bilder demnächst vermutlich in Hamburg angeboten.

    Der 39-Jährige stammt von der malerischen kleinen Insel Procida im Golf von Neapel. "Auf der Insel gibt es kaum Arbeit", erzählt er. Deshalb fahren sehr viele der Bewohner zur See, er schätzt 90 Prozent der jungen Leute. Männer auf Fracht-, Frauen auf Kreuzfahrtschiffen. Sein Vater war Matrose, sein Bruder arbeitet auf Schiffen und auch er selbst ging auf die Seemannsschule, wo er auch das Binden von Seemannsknoten lernte. 1998 begann er seine Ausbildung zum Kapitän. Mit der neapolitanischen Reederei Grimaldi Lines transportierte er fortan Autos bis nach Nordeuropa und Israel, auch die ganze afrikanische Westküste ist er mit internationalen Crews schon entlanggeschippert. Bis zum zweiten Offizier stieg er auf, über ihm waren nur noch der erste Offizier und der Kapitän.

    Zwei kleine Wände füllen die Rahmen von Francesco De Crescenzo im Haus in Wombach. Foto: Björn Kohlhepp

    Er kann jede Menge Seemannsgarn erzählen. Einmal seien in Griechenland vier Palästinenser als blinde Passagiere an Bord gegangen. Das Problem: Das Schiff war auf dem Weg nach Israel. Erst hätten sie wegen der inzwischen entdeckten blinden Passagiere gar nicht Israel anlaufen dürfen, dann ging es unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen doch. Vor der Küste sei das Schiff mit mehreren Militärschiffen abgefangen worden, im Hafen dann voll mit israelischem Militär gewesen. Die Israelis hätten die Palästinenser abgeführt, über ihr Schicksal weiß Francesco nichts. Er erzählt von Windstärken 10 und 11 auf See, also von schwerem und orkanartigem Sturm, der die Schiffe mit den hohen Wänden kräftig ins Wanken brachte. Im Hafen sei es schon passiert, dass die Poller, an denen ein Schiff festgemacht war, herausgerissen wurden.

    Seine Frau durfte ein paar Mal mit aufs Schiff

    Seine Frau Miriam, eine Lohrerin, deren Familie aus Sizilien stammt, lernte er 2002 übers Internet kennen. Dass er immer vier bis sechs Monate am Stück auf dem Schiff war und seine Frau in Deutschland lebte, machte die Beziehung etwas kompliziert, aber es funktionierte. Seine Frau erzählt, dass sie ein paar Mal mit durfte auf eine der meist einen Monat dauernden Fahrten ab Antwerpen oder Salerno. "Es war schön, man hat so viel gesehen in so kurzer Zeit", sagt sie. So kam sie mit nach Dänemark, Schweden und England, nach Griechenland, Zypern und Israel. Er habe gut verdient auf dem Schiff, sagt ihr Mann. Und es sei eine sehr schöne Zeit gewesen, aber: "Du bist immer allein".

    Der Echte Liebesknoten. Foto: Björn Kohlhepp

    Die Geburt ihrer Tochter änderte alles. Francesco erzählt von einem Schlüsselerlebnis, das ihn einen radikalen Schnitt machen ließ: Als er wieder mal einige Monate auf dem Schiff war und dann heim kam, habe seine Tochter, damals ein Jahr alt, Angst vor ihm gehabt. Er sei ein Fremder für sie gewesen. So könne es nicht weitergehen, dachte er sich. Die Familie gehe vor. Er hängte seine Kapitänskarriere an den Nagel und zog 2011 zu seiner Frau nach Lohr. An der Volkshochschule in Karlstadt lernte er Deutsch und bekam dann eine Stelle bei Gerresheimer. Er habe gedacht, jetzt könne er einigermaßen Deutsch, aber dann traf er dort auf Kollegen aus Frammersbach und Wiesthal, berichten er und seine Frau mit einem Lachen. Inzwischen arbeitet er bei Rexroth und die beiden haben neben der neunjährigen Tochter auch einen sechsjährigen Sohn.

    Notmastknoten. Foto: Björn Kohlhepp

    In seiner Freizeit begann er mit dem Binden und liebevollen Arrangieren von Seemannsknoten. Als Hintergrund nimmt er meist ausgediente Seekarten. Jeder Knoten wird auf einem Stück Balsaholz beschriftet. Hinzu kommen als weitere Dekoelemente zugekaufte Schiffsmodelle, Anker oder Möwen. Ein paar Tage braucht er pro Bild. "Ich mag die Perfektion", sagt er. Die Rahmen macht er entweder selbst oder kauft sie zu. Jetzt arbeitet er gerade an seinem ersten kleinen Schiffsmodell, und er tüftelt mit Silikon und Farbe, um Wellen zu simulieren. "In Italien hat am Meer praktisch jede Familie so einen Rahmen", sagt Miriam De Crescenzo.

    Die verschiedenen Knoten würden von Seeleuten auch tatsächlich verwendet, sagt Francesco, auch wenn er in seinem Rang nicht damit befasst gewesen sei. Der Schotstek etwa werde zur Befestigung der Flagge verwendet, der Trompetenstek für den Transport von Verletzten, der Palstek zum Festmachen der Leinen an Pollern. 30, 40 Stück gebe es insgesamt. Sein Lieblingsknoten ist der Echte Liebesknoten, der aus zwei ineinander verflochtenen Knoten besteht. Manche Knoten, wie der Notmastknoten, schauen wie kleine Kunstwerke aus.

    Trompetenstek Foto: Björn Kohlhepp

    Inzwischen hat er schon über 100 Bilder gemacht. Über 40 hängen daheim in Wombach. Seine Bilder hat er schon auf der Messe "handmade Würzburg" präsentiert und auch immerhin drei Stück verkauft. Aber Seemannsknoten seien in der Region nicht der Renner. Deshalb bietet er sie beispielsweise auch auf Facebook an.

    Und kürzlich hat er bei der Rick Rickmers in Hamburg angefragt, einem stählernen Segelschiff, das als Museums- und Denkmalschiff im Hamburger Hafen bei den Landungsbrücken liegt. Der Museumsshop des Schiffs wolle probehalber seine Bilder anbieten mit der Aussicht, noch mehr bei ihm zu bestellen. Seine Frau freut's, denn allmählich wird der Platz zu Hause knapp.

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