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    Marktheidenfeld

    Ein Kind mit Behinderung: Wie Eltern damit umgehen

    Otto und Judith Schreck stehen mit ihrer Tochter Jana in der Lebenshilfe in Marktheidenfeld. Foto: Nicolas Bettinger

    Vor 17 Jahren kam Jana mit Downsyndrom auf die Welt. Für die Eltern, Judith und Otto Schreck, veränderte sich vieles. Zuvor hatte die Familie aus Bischbrunn keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Was Anfangs schwer zu verkraften war, hat sich längst eingependelt. Mit Unterstützung der Lebenshilfe Marktheidenfeld versucht die Familie ein normales Leben zu führen. Wie die Behinderung den Alltag beeinflusst, was die Gesellschaft tut und welche Probleme und Glücksmomente auftreten, erzählen die 49- und der 54-Jährige.

    An diesem Dienstag ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Wie wichtig ist es Ihnen als Eltern eines Kindes mit Behinderung, dass die Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht wird?

    Judith Schreck: Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, wann genau der Tag ist. Natürlich ist so etwas wichtig, allerdings finde ich die 364 Tage drumherum noch bedeutender. In den Medien geht es an einem Tag um dieses Thema und danach ist es wieder vorbei. Es existiert aber immer.

    Wie ging es Ihnen, als Ihre Tochter mit einer Behinderung auf die Welt kam?

    Otto Schreck: Wir wussten vor der Geburt nichts von der Behinderung. Für mich bleibt der erste Schock natürlich in Erinnerung. Alle fragten uns, ob alles gut gelaufen sei und wir mussten antworten: Nein, es ist nicht alles okay, bei Jana ist etwas besonders. So war das erste Halbjahr natürlich extrem schwierig. Aber dann ist sie nach und nach groß geworden und heute weiß ich, dass es nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen ist. Ich habe gelernt, gelassener zu werden. Die Frage, wie es ohne die Behinderung gewesen wäre, stellt sich nicht. Es ist vielleicht anders aber der Umgang mit meiner Tochter macht mir großen Spaß und die Welt geht ganz bestimmt nicht unter.

    Judith Schreck: Natürlich war das anfangs ein Schlag, ein richtiges Brett. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet. Es hat alles viel länger gedauert. Das Laufen, das Sprechen entwickelte sich verzögert. Aber man wächst in diese Situation herein. Man braucht einfach mehr Geduld. Uns hätte es wesentlich schlimmer treffen können. Für uns ist einfach wichtig, unser Kind zufrieden und glücklich zu sehen.

    "Ja, unsere Tochter hat eine Behinderung. Aber es ist eine wunderschöne Zeit mit ihr."
    Otto Schreck, Vater von Jana

    Wie schwer war es, Ihre Tochter am normalen gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen?

    Judith Schreck: Wir haben Jana von Anfang an überall hin mitgenommen. Veranstaltungen, Feste, ganz egal. Sie ging auch mit zur Kommunion. Dabei wurden wir nie mit Abneigung oder Vorbehalten anderer Menschen konfrontiert.

    Hatten Sie mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen?

    Otto Schreck: Für uns war es immer wichtig, dass unsere ältere Tochter nicht benachteiligt wird. Dadurch mussten wir natürlich auch mal streng mit Jana sein. Das ist eine Herausforderung, denn Jana ist nun mal in der ganzen Verwandtschaft das besondere Kind. Aber die beiden verstehen sich phantastisch, es hat also funktioniert. Klar, es gibt Besonderheiten. Ich denke da an Janas Bedürfnis nach klaren Strukturen oder an ihre gelegentlichen Wutanfälle. Dann schauen halt mal alle Menschen im Restaurant auf uns. Früher hätte mich das wahnsinnig gemacht, heute sehe ich es gelassen.

    Wie sieht der Alltag zuhause aus?

    Judith Schreck: Normal, so wie mit einem anderen Kind auch. Natürlich können wir sie nicht ewig alleine lassen oder müssen aufpassen, in welchen Bus sie steigt. Mit den Jahren wurde sie viel selbstständiger. Als sie noch klein war, musste man rund um die Uhr ein Auge auf sie haben. Wenn wir im Schwimmbad waren, konnte ich mich nicht mal eine Stunde auf die Liege legen.

    Jana geht tagsüber zur Schule und lebt ansonsten bei Ihnen beiden. Wie sieht die Zukunft aus?

    Otto Schreck: Das ist ein spannendes Thema. Für unsere Tochter ist das Thema klar: Sie will nach der Schulzeit ausziehen, in der Werkstatt arbeiten und eine WG mit ihren Freunden gründen. Es wird natürlich heikel, ihr zu erklären, dass das vielleicht nicht ganz so einfach ist. Natürlich ist aber das Ziel, dass sie selbstständig wohnen kann. Das Thema treibt uns schon um.

    Verstehen Sie die Angst vieler werdenden Eltern, ein Kind mit Behinderung zu bekommen?

    Otto Schreck: Jeder muss das selbst entscheiden. Der Umgang hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert, die Gesellschaft ist viel offener geworden. In den 80er Jahren war Behinderung ein echtes Tabuthema. Die Akzeptanz, gerade hier in Marktheidenfeld, ist heute da. Auch wenn man noch lange nicht von Normalität sprechen kann. Für mich persönlich war und ist es eine irrsinnige Erfahrung. Ich habe so viel gelernt. Wenn man den ersten Schock überwunden hat, wird man feststellen, dass man mit dieser Aufgabe nicht alleine ist. Es gibt tolle Hilfsangebote. Dieses Maß an ehrlicher Freude, Begeisterung und Unbekümmertheit erlebt man bei Kindern ohne Behinderung womöglich nicht. Ja, unsere Tochter hat eine Behinderung. Aber es ist eine wunderschöne Zeit mit ihr.

    Tag für Menschen mit Behinderung: Aktion in Marktheidenfeld
    Der internationale Aktionstag soll über das Leben und die Probleme von Menschen mit Behinderung informieren. In Marktheidenfeld wird dazu ein Film gezeigt und diskutiert.
    Der 3. Dezember ist der von den Vereinten Nationen ausgerufene internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Im Marktheidenfelder Movie im Luitpoldhaus wird dazu um 18 Uhr der Film "Menschsein" gezeigt. Der Film schildert das Leben von Menschen mit Behinderung in unterschiedlichsten Kulturkreisen und geht der Frage nach: "Wie funktioniert unser Zusammenleben in den verschiedensten Ländern?
    Anschließend ist eine Diskussionsrunde geplant, zu der die Geschäftsführerin der Lebenshilfe Marktheidenfeld, Marlies Grollmann, und der Schulleiter der St. Nikolaus-Schule (Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung), Marco Gershon, eingeladen sind. "Ein solcher Aktionstag ist immer wichtig, um nochmal inne zu halten und um auf Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen", betont Grollmann. Sie hoffe auf eine rege Beteiligung. Marco Gershon sieht in dem internationalen Tag ein Dilemma. Man sei heute noch dazu gezwungen darüber zu informieren. "Eigentlich würden wir uns aber wünschen, dass es für die Gesellschaft selbstverständlich ist, dass jeder Mensch verschieden ist", so Gershon.
    Marlies Grollmann von der Lebenshilfe Marktheidenfeld und Schulleiter Marco Gershon mit Otto und Judith Schreck (rechts im Bild). Foto: Nicolas Bettinger
    "Große Offenheit in der Gesellschaft"
    Durch die Arbeit mit Menschen mit Behinderung kann Marlies Grollmann gut einschätzen, wie weit das Thema in die Gesellschaft vorgedrungen ist. "Hier in Marktheidenfeld sind wir gut vernetzt und haben das Gefühl, dass das Thema Behinderung gut aufgenommen wird." Viele Menschen verstünden langsam, dass auch Menschen mit Behinderung normal leben und leistungsfähig sein können. "Ich erlebe in vielen Bereichen eine große Offenheit der Gesellschaft", bestätigt das Marco Gershon. Das gegenseitige Verständnis funktioniere aber nur über den direkten Kontakt. Nur dadurch könnten Vorurteile begraben werden.

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