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    Lohr

    Eine "extrem spontane Aktion"

    Kandidaten-Selfie: Michael Kessel ist Bürgermeisterkandidat des Bürgervereins in Lohr für die Wahl am 15. März 2020. Foto: Michael Kessel

    Manchmal kann ein Werkstattbesuch weitreichende Folgen haben. Bei Michael Kessel hat er dazu geführt, dass er Bürgermeisterkandidat des Lohrer Bürgervereins ist. Der in Lohr aufgewachsene und in Sailauf wohnende 45-Jährige hatte im Oktober einen Termin in einer Lohrer Autowerkstatt. Dabei besuchte Kessel seine Eltern in Wombach.

    Dort las er im Lohrer Echo, dass der Bürgerverein per Zeitungsannonce einen Bürgermeisterkandidaten sucht. "Ich habe mir sofort gesagt: Ja, das will ich, da kann ich was bewirken", erinnert sich Kessel an die "extrem spontane Aktion". Er informierte sich sogleich auf der Internetseite des Bürgervereins und schickte eine Mail an die Verantwortlichen – ohne Absprache mit Ehefrau oder Eltern.

    Zwei Stunden später, so Kessel, habe Eric Schürr bei ihm angerufen, einer der beiden Stadträte des Bürgervereins. Zwei Treffen später war man sich einig: Kessel ist der Bürgermeisterkandidat und auch Anführer der Stadtratsliste des Bürgervereins.

    Politisch eher "schwarzgrün"

    Es ist das erste politische Engagement des Diplom-Betriebswirts – mal abgesehen von einer kurzen Episode aus der Studienzeit. Damals, so erzählt Kessel, habe es eine studentische Initiative zur Übernahme der FDP gegeben. Der Plan: Durch eine Flut an Mitgliedsanträgen wollte man die im Vergleich mitgliederschwache Partei übernehmen und so politischen Einfluss gewinnen. Doch die FDP bekam Wind von der Sache, der Versuch scheiterte.

    Inhaltlich könne er sich aktuell nur schwer einer Partei zuordnen, sagt Kessel. Genau das, keiner Partei verpflichtet zu sein, sei der Vorteil des Bürgervereins. Wenn sich Kessel in seiner politischen Haltung aber doch irgendwo einsortieren müsste, würde er sich "eher im schwarzgrünen Bereich" ansiedeln. Aus seiner Sicht "ist es heute unverantwortlich, nicht grün zu denken". Allerdings bringe nur grünes Denken auch nichts. "Wir müssen auch schauen, dass wir leben können", sagt Kessel.

    Eine Kommune, die leben will, braucht Geld. Die städtischen Finanzen sind das Themenfeld, für dessen Beackern sich Kessel bestens qualifiziert sieht. Er kann eine Bankkaufmannslehre bei der Lohrer Castell-Bank vorweisen. Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Nürnberg schloss er 2002 ab.

    Während des Studiums absolvierte Kessel ein Praxissemester in einer Reha-Einrichtung in den USA. Die Erfahrungen mit behinderten Kindern und Erwachsenen mit Kopfverletzungen hätten ihn geprägt, sagt Kessel.

    Im Beruf Finanzmanager

    Nach dem Studium folgten Stationen im Finanzwesen diverser Unternehmen. Seit 2016 arbeitet Kessel für die Aqseptance Group, einem Spezialisten für Filter- und Wassertechnologie mit weltweit 1600 Mitarbeitern. Das Unternehmen sitzt in Aarbergen nördlich von Wiesbaden. Kessel pendelt täglich von Sailauf per Auto rund 110 Kilometer einfach. Als Abteilungsleiter im Finanzwesen sei er unter anderem für die Liquidität und das Risiko-Management des Unternehmens zuständig.

    Bezüglich der Liquidität der Stadt Lohr gibt es bekanntlich seit einigen Jahren so manches Risiko. Es sei "ernüchternd, dass die Mittel so knapp sind", sagt Kessel, der sich noch an finanziell sorgenfreie Lohrer Jahre erinnern kann. Er habe jahrelange Erfahrung im Finanzbereich und Sinn für unternehmerisches Denken, sagt Kessel. "Das spricht bei der momentanen Finanzlage der Stadt für mich." Ein Patentrezept dafür, wie sich die prekäre Finanzlage verbessern lässt, hat er freilich auch nicht. Dazu fehlten ihm noch die Einblicke, sagt er.

    "Verlustbringer" im Blick

    Vor Kurzem hat Kessel zum ersten Mal den Haushaltsplan der Stadt Lohr in die Hände bekommen. "Eine sehr spannende Lektüre" nennt er das gut 500 Seiten starke Werk. Bei der Suche nach Ansatzpunkten zum Sparen ist Kessel auf eine übliche Verdächtige gestoßen: die Stadthalle.

    Sie sei mit ihrem Betriebsdefizit von rund 1500 Euro pro Tag "einer der größten Verlustbringer". Hier müsse man deutlich genauer hinschauen, sagt Kessel und spricht von hohen Personalkosten und geringen Umsätzen. Der Stadtrat benötige detaillierte Kalkulationen, um zu entscheiden, wie man den Betrieb neu aufstellen kann, fordert Kessel. Das gleiche gelte für den Stadtbus, der ebenfalls ein hohes Defizit von rund 600 000 Euro pro Jahr einfährt.

    Es wirke für ihn ein bisschen so, als ob die Lohrer Stadtpolitik den Gedankensprung von finanziell fetten zu mageren Jahren noch nicht geschafft habe, so Kessels Eindruck. Vielleicht sei "neues Blut", also ein Kandidat wie er, genau das Richtige, "um eingefahrene Denkmuster aufzubrechen". Seine beiden Mitbewerber um das Bürgermeisteramt seien seit sechs Jahren in die Entscheidungen eingebunden. Es falle ihnen womöglich schwer, diese kritisch zu überprüfen, sagt Kessel.

    Intensiv prüfen lassen möchte Kessel auch mögliche neue Bau- und Gewerbegebiete. Arbeitsplätze und neue Einwohner seien der Schlüssel zu einer besseren Finanzkraft der Stadt. Allerdings kann Kessel auch hier keine gänzlich neue Ansätze bieten. Er regt an, das ehemals als Ökosiedlung konzipierte, vor vielen Jahren aber wieder in der Versenkung verschwundene Areal an der Sackenbacher Maria-Theresien-Straße "grundsätzlich auf jeden Fall noch mal zu prüfen".

    Als mögliche Gewerbeflächen erachtet er beispielsweise die Äcker im Anschluss an Steinbach Richtung Hofstetten oder ein kleineres, an den Rodenbacher Sportplatz anschließende Gebiet für entwicklungswert.

    Neue Idee: Tunnel bei Wombach

    Mit einer ganz neuen Idee wartet Kessel zum Thema Verkehr auf: Wenn Lohr im Zuge des Baus der B26n und des Zubringers nach Lohr erst einmal eine dritte Mainbrücke habe, müsse in deren Verlängerung der Verkehr um die Stadt geleitet werden – per "direktem Durchgang" von Wombach Richtung Rechtenbach, "eventuell in einem Tunnel", so Kessel. Er wisse nicht, ob das möglich sei, aber man müsse "vielleicht auch mal ein bisschen neuer denken".

    Kessel, der jahrelang auch in Lohr Fußball gespielt hat und regelmäßig Sport treibt, bezeichnet sich als Teamplayer. Das werde im Falle einer Wahl auch seinen Führungsstil als Bürgermeister prägen. Die vom Bürgerverein in der Annonce gewählte und für einigen Wirbel sorgende Formulierung, wonach die Lohrer Stadtverwaltung "schwerfällig" sei, mache er sich nicht zu eigen, betont Kessel. Er gehe davon aus, dass es im Lohrer Rathaus "wie überall hochmotivierte und andere Mitarbeiter gibt". Insgesamt jedoch müsse ein Rathaus "Dienstleister statt Verwaltung" sein. Dafür sei der Bürgermeister zuständig und verantwortlich.

    Er will diese Verantwortung im Rathaus übernehmen. Zu seinen Chancen sagt er: "Ich bin Realist, aber auch Kämpfer. Ich sehe meine Chancen nicht als komplett unrealistisch." Klinkenputzen, also der Gang von Haus zu Haus, steht für ihn im Wahlkampf nicht an. Stattdessen setzt er auf punktuelle Präsenz. Beim Weihnachtsmarkt hat er in Ständen des TSV geholfen. Kessel besucht Sportveranstaltungen sowie den Stammtisch des Bürgervereins. In den Wochen kurz vor der Wahl will er in der Innenstadt ins Gespräch mit den Bürgern kommen.

    Lohr Heimat, Sailauf Wohnort

    Sollte er gewählt werden, würde Kessel zumindest seinen Erstwohnsitz von Sailauf, wo er ein Haus gebaut hat, nach Lohr verlegen. Einen Zweitwohnsitz bei seinen Eltern hat er seit jeher. "Lohr ist mein Heimatort, Sailauf mein Wohnort", sagt Kessel. Am Wohnort würde sich aber auch bei einem Wahlsieg so schnell nichts ändern. Kessel würde "zumindest in den nächsten zwei, drei Jahren nicht umziehen".

    Nicht in den Stadtrat

    Und wenn er nicht Bürgermeister wird, aber genug Stimmen für ein Stadtratsmandat erhält? Auch da ist Kessel ehrlich: "Das Stadtratsmandat würde ich nicht annehmen." Es erfordere viel Zeit, die er neben Beruf und mit Wohnort Sailauf nicht aufbringen könne. "Entweder man engagiert sich richtig, oder gar nicht", sagt Kessel. Dass er auf der Stadtratsliste steht erklärt er offen mit wahltaktischen Gründen. Erklärtes Ziel des Bürgervereins ist es, die Zahl seiner Stadtratsmandate zu erhöhen. Das wolle er mit seiner Stadtratskandidatur unterstützen.

    Startbild des Smartphones
    Passend zu seinem Vornamen: Ein Foto des Erzengels Michael ziert den Startbildschirm von Michael Kessels Smartphone. Ansonsten hat er dort Apps für den alltäglichen Gebrauch platziert.
    Podcasts: Dahinter verbergen sich abonnierte Mediendateien, die Kessel regelmäßig während seiner täglich langen Fahrt zur Arbeit hört,beispielsweise Wirtschaftsnachrichten.
    Sprachmemo-App: Kessel nutzt sie "regelmäßig, wenn ich im Stau eine Idee für die Arbeit oder auch für privat habe, die ich mir merken möchte".
    Facetime: Für ihn sehr wichtig. Mit dem Videochat halte er Kontakt zu seiner in den USA lebenden Schwester. Finanzen: Kessel hat darunter Apps gruppiert, die vor allem für seinen Beruf wichtig sind.
    Jimdo-Apps: Darüber betreut er seine eigene Internetseite.
    Fußball-Ergebnisse: Mit der App des Bayerischen Fußballverbandes verfolge er die Ergebnisse des TSV Lohr, sofern er die Spiele nicht vor Ort anschaue, so Kessel.
    Michael Kessel ist Bürgermeiserkandiat des Bürgervereins in Lohr für die Wahl im März 2020. Das Foto zeigt den First-Screen seines Smartphones. Foto: Michael Kessel

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