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    Gemünden

    Eine ganz besondere Gemeinschaft an Heilig Abend in Gemünden

    Die Gemeinschaftsweihnacht im Huttenschloss fand heuer zum dritten Mal statt. Sie spricht das Herz an. Für viele ist anschließend klar: Nächstes Jahr sehen wir uns wieder!
    Eine Tischdrehorgel aus dem 18. Jahrhundert spielt bei der Gemeinschaftsweihnacht im Huttenschloss in Gemünden "Stille Nacht, heilige Nacht". Foto: Jennifer Weidle

    "Das ist heute mein Dienst an der Gesellschaft", lacht Adolf Spreng. Es ist Heilig Abend, 18 Uhr, in Gemünden. Die Parkplätze fast leer, kein Mensch auf der Strasse. Das nasse Kopfsteinpflaster glänzt. Im wahrsten Sinne eine Stille Nacht. Die Tür des Huttenschlosses öffnet sich. "Frohe Weihnachten", begrüsst Adolf Spreng, 2. Vorsitzender des Film Foto Ton Museumsvereins, seine Gäste und  geleitet sie hinein. Er wird mit ihnen diesen Abend verbringen. Getränke ausschenken, Würstchen aufwärmen, Lieder singen. "Meine Familie kann ich auch an den anderen Weihnachtsfeiertagen noch sehen", sagt er.

    Die Gemeinschaftsweihnacht im Huttenschloss findet heuer zum dritten Mal statt. Eine Frau erinnert sich: "Früher war der Abend ja nur für Bedüftige. Da musste man dann schon überlegen... Bin ich nun bedüftig oder nicht? Es ist besser, dass jetzt einfach alle eingeladen sind." Alle, die diesen Abend nicht alleine, oder einfach nur nicht zu Hause verbringen möchten. Alle, die in besinnlicher Atmosphäre den Heiligen Abend in Gemeinschaft erleben möchten. Zwölf Frauen und drei Männer sind dieser Einladung gefolgt.

    Viele bringen etwas mit, das Buffet ist reich gedeckt

    Die Tische sind mit Tannenzweigen und glitzernden Weihnachtssternen geschmückt. Kerzen brennen in roten Gläsern mit Rentiermotiv. Das Licht ist gedimmt. Das Buffet reich gedeckt. "Ich habe vorab einige Leute gefragt, ob sie Salate machen würden. Das klappt eigentlich immer problemlos", sagt Elisabeth Schinzel, die den Abend organisiert hat. Auch einige Gäste haben Salate dabei und stellen ihre Schüsseln auf das Buffet. "Nochmal herzlich willkommen an alle", sagt Adolf Spreng, "ich bringe gleich auch die Suppe. Bedienen Sie sich."

    Auch Geschichten zum Schmunzeln werden vorgetragen. Georg Ludwig Hegel, Seniorenbeauftragter aus Lohr, lauscht aufmerksam. Er wird später noch in die Saiten seiner Gitarre greifen. Foto: Jennifer Weidle

    Die Gespräche am Nachbartisch drehen sich um Hunde. Und um die Unterschiede zwischen den Franken und den Hessen. Die vier Frauen, aus dem Sinngrund und aus Gräfendorf, haben sich hier getroffen. "Wir wollten einfach mal was Neues ausprobieren", meint die Frau in dem schwarzen Glitzershirt. Sie ist mit ihrer Tochter hier. Von der Gemeinschaftsweihnacht hätten sie von einer Bekannten erfahren. Eine tolle Idee, fanden sie. Die Gräfendorferin fügt hinzu: "Ich wollte eine besinnliche Weihnacht, nicht nur gutes Essen und Geschenke. Außerdem wird daheim ja kaum noch gesungen."

    Gedichte, Geschichten, Zeitungsbericht

    Nach dem Essen leitet Spreng den aktiven Teil des Abends ein. "Darf ich um ihre Aufmerksamkeit bitten!", ruft er. Er liest den Zeitungsartikel über die Gemeinschaftsweihnacht im benachbarten Würzburg vor. Sant’Egidio hatte letztes Jahr über 1200 Gäste und 500 Helfer. Geschenke und Essen für alle. Alles in etwas größerem Maßstab als in Gemünden, aber die Gäste im Huttenschloss freuen sich mit über den Erfolg. Eine Frau ruft lachend: "Das ist ja wie bei uns!"

    Auch das Vortragen von Geschichten und Gedichten ist an diesem Abend willkommen. Die Frau im grauen Wollpulli liest "etwas zum Schmunzeln". Alle lauschen. Jeder, der möchte kann etwas beitragen. Der Mann mit dem spitzen Schnurrbart – es ist Georg Ludwig Hegel, früher Schulrektor und jetzt Seniorenbeauftragter in Lohr – hat seine Gitarre dabei. Gäste, die jedes Jahr hier sind wissen, dass es zu späterer Stunde einen schleichenden Übergang gibt: Von Weihnachtsliedern hin zu Schlagern.

    Vorerst gibt es aber eine ganz andere Art Musik. Alle werden neugierig. Adolf Spreng hat einen großen, eckigen Holzkasten mit einer Handkurbel auf einen Tisch gestellt. "Ein Grammophon?", vermutet eine Frau. Er bringt einen Stapel runder Scheiben mit verschieden langen Schlitzen. "Suchen Sie sich eine aus", fordert er auf. Er legt die Scheibe auf, justiert etwas an dem Gerät. "Wollen Sie drehen?" Und dann dudelt die Maschine "Stille Nacht, heilige Nacht".

    Richard Englert, der Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft "An den drei Flüssen", hat sein Akkordeon zur Gemeinschaftsweihnacht im Huttenschloss in Gemünden mitgebracht. Foto: Jennifer Weidle

    Pfarrer Richard Englert packt das Akkordeon aus

    "Das ist eine Tischdrehorgel aus dem 18. Jahrhundert", erklärt Richard Englert. Der Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft "An den drei Flüssen" betritt kurz nach 19 Uhr das Café zusammen mit Diakon Heribert Ranff. Sind sie beruflich hier oder privat? "Also, ich müsste nicht hier sein, wenn ich nicht wollte," lacht Englert und packt derweil sein Akkordeon aus. Er habe das Instrument als Kind gelernt. Später dann Orgel. "Aber ich komme kaum noch zum Spielen. Dafür haben wir unsere Organisten."

    Adolf Spreng ist unermüdlich zwischen den Tischen unterwegs. Räumt ab, oder bringt neue Getränke. "Wir berechnen nichts für die Getränke. Wer möchte darf etwas spenden. Es ist aber kein Muss," betont er. Nun teilt er Mappen mit Liedtexten aus. Das Akkordeon erklingt und Englert stimmt das erste Weihnachtslied an. Die Augen der Gäste fangen an zu leuchten. Nicht nur gemeinsam beisammensitzen, sondern gemeinsam etwas erleben und erschaffen. Was wäre besser geeignet als Musik? Einige Gäste sind alleine gekommen und saßen bisher still für sich an ihrem Platz. Beim Singen der bekannten Lieder verschmelzen die Stimmen und verbindet alle. Genau hierfür sind viele hergekommen.

    Erinnerungen an die Weihnachten der Kindheit kommen hoch. Als man "Vom Himmel hoch" auf der Blockflöte spielen musste. Ab einem gewissen Alter eher peinlich. Als an diesem Abend Weihnachtslieder erklingen, sind sich alle einig: Dies ist ein schöner, besinnlicher Abend. Viele wollen auch im nächsten Jahr wiederkommen.

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