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    Lohr

    Einst finanzstarkes Lohr geht jetzt finanziell am Krückstock

    Silhouette am Alten Rathaus in Lohr Foto: Roland Pleier

    Ausgereizt, freie Finanzspanne fast null, erneut prekär, Spitz auf Knopf kalkuliert – solche und ähnliche Umschreibungen der Lohrer Finanzlage waren im Lohrer Stadtrat immer wieder zu hören. Über fünf Stunden lang beriet das Gremium in erster öffentlichen Sitzung über den Finanzhaushalt für 2020. Er umfasst insgesamt rund 44,5 Millionen Euro und offenbart mehr denn je: Die einst finanzstarke Stadt Lohr geht finanziell am Krückstock.

    Das Geld reicht nur für das Allernötigste. Investitionen beispielsweise in den Straßenunterhalt müssen aufgeschoben werden – ein Bumerang, der schon bald mit Wucht zurückschlagen könnte. Der Haushalt 2020 wird nach Aussage des stellvertretenden Kämmerers Stephan Morgenroth wohl lediglich durch einen Griff in den nur noch spärlich gefüllten Sparstrumpf genehmigungsfähig.

    Feilen am Zahlenwerk

    Bis wenige Stunden vor der Sitzung hatte die Verwaltung an dem Zahlenwerk gefeilt. Ziel war es, aus dem den laufenden Betrieb der Stadt regelnden Verwaltungshaushalt wenigstens eine klitzekleine Zuführung an den Vermögenshaushalt für die Investitionen herauszuquetschen. Das gelang, wenngleich diese Zuführung mit vorläufig rund 31 000 Euro eher symbolisch ist.

    "Es gilt mehr denn je zu sparen", sagte Morgenroth. Die Stadt müsse ihre Finanzlage nachhaltig positiv verändern, Einnahmen erhöhen und Ausgaben senken. Man könne sich nicht weiter von Jahr zu Jahr nur durchkämpfen, so der Kämmerer. "Wir müssen alle Register ziehen", sagte auch Bürgermeister Mario Paul.

    Einschnitte werden kommen

    Es könnte an der bevorstehenden Kommunalwahl liegen, dass sich die Stadträte in diese Richtung vorerst nicht zu unpopulären Entscheidungen durchringen konnten. Die an Vereine und Institutionen gezahlten freiwilligen Leistungen in Höhe von knapp einer Million Euro ließen sie unangetastet. Zwischentöne machten jedoch deutlich, dass an anderer Stelle Einschnitte wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen werden. Von der Erhöhung von Steuersätzen und Gebühren war zwischendurch die Rede, auch von Sparmaßnahmen beispielsweise beim Freibad. Doch mit diesem Thema wollen sich die Stadträte erst nach der Wahl im März auseinandersetzen.

    Bis sich das Gremium mit den eigentlichen Haushaltszahlen befasste, war über eine Stunde vergangen. Auch das könnte am derzeitigen Wahlkampf gelegen haben. Denn gleich zu Beginn der Beratung ergingen sich die unterschiedlichen Lager in Vorwürfen. Den Anstoß gab Ernst Herr (CSU) mit der Aussage, dass im Rathaus die Ausweisung beispielsweise neuer Wohn- und Gewerbegebiete verschleppt werde. Die Stadt brauche zusätzliche Einwohner und Gewerbebetriebe, um ihre Steuereinnahmen zu steigern, so Herr. Doch es gehe "alles zu langsam", vieles werde "hausintern behindert". Franklin Zeitz (Bürgerverein) und Matthias Schneider schlugen in die gleiche Kerbe.

    Bauboom in Lohr

    Paul wies die Vorwürfe zurück. Die Stadt stehe kurz vor der Erschließung des Baugebietes in Sendelbach und investiere dort Millionen. Außerdem gebe es in Lohr einen Bauboom, so der Bürgermeister mit Verweis auf Vorhaben wie Brauereiareal oder Wohnkomplex am Valentinusberg. Erstmals seit Jahren habe die Stadt überdies 2019 wieder eine größere Gewerbefläche vermarktet.

    Und überhaupt passe es nicht zusammen, wenn Herr einerseits schnelleres Agieren des Rathauses verlange, sich dann aber für Streichung von Stellen in der Verwaltung ausspreche. Dies hatte Herr offenbar bei der nichtöffentlichen Beratung des Stellenplans vor wenigen Tagen getan.

    Ungewöhnlich deutliche Unterstützung erhielt Paul aus dem Lager der Freien Wähler. Brigitte Riedmann und Uli Heck bezeichneten die Forderungen von Herr und Zeitz nach neuen Gewerbe- oder Baugebieten als unrealistisch. Man müsse angesichts der Lohrer Talkessellage akzeptieren, dass man nicht die Flächen wie andere Städte in der Umgebung zur Verfügung habe. Das Gebot der Stunde sei die Innenverdichtung, sagte neben Heck und Riedmann auch Bärbel Imhof (Grüne).

    Nach dem anfänglichen Streit verlief die weitere Sitzung über Stunden recht ruhig und sachlich. Posten für Posten gingen die Stadträte durch. Nur bei wenigen Punkten gab es Kampfabstimmungen. Am Dienstagnachmittag setzt das Gremium die Haushaltsberatungen fort. Dabei soll es dann vor allem um die Investitionen des Jahres 2020 gehen.

    Haushalt vom Ballast befreit 

    Sobald der Entwurf beschlossen sei, so erklärte Paul, werde man ihn dem Landratsamt vorlegen, um zu erfragen, ob das Zahlenwerk abgesegnet wird. "Wir halten ihn für genehmigungsfähig«, sagte der Bürgermeister über den Entwurf. Probleme bei der Umsetzung des Haushalts seien nicht zu erwarten, zeigte sich Paul zuversichtlich, dass die Stadt mit den knappen Mitteln 2020 tatsächlich über die Runden kommen kann.

    Uli Heck gewann der Finanzmisere schließlich sogar etwas Positives ab: Der Sparzwang habe dazu geführt, dass die Stadt nun endlich einmal einen um allen Ballast bereinigten Haushalt habe. Diesen soll der Stadtrat final am 19. Februar beschließen.

    Bearbeitet von Johannes Ungemach

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