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    Triefenstein

    Er will kein Ratgeber sein: Samuel Koch predigte im Kloster

    Der Schauspieler und Autor Samuel Koch erzählt von seinem Leben nach dem Unfall. Foto: Patty Varasano

    Schauspieler und Autor Samuel Koch (31) war zu Gast beim Triefensteintag der Christusträger im Kloster Triefenstein (Lkr. Main-Spessart). Vor rund 2700 Besuchern hielt er dort zum ersten Mal eine Predigt und las aus seinem aktuellen Buch "StehaufMensch!". Er wolle die Teilnehmer bewegen, sich für die Welt und ihre Mitmenschen einzusetzen. "Wer sich nur um sich selbst dreht, der kommt nicht weiter", so Koch in seiner Predigt. Nach seinem Unfall 2010 in der Fernsehsendung "Wetten, dass...?" ist er querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Im Interview erzählt er von Lampenfieber, seinem Leben als Schauspieler, seinem Antrieb und seinem Glauben.

    Frage: Wie war das für Sie, eine Predigt zu halten? Haben Sie als Schauspieler überhaupt noch Lampenfieber?

    Samuel Koch: Absolut, also heute hatte ich extrem viel Lampenfieber. Ich hatte eine extreme Verantwortung, fast mehr als als Schauspieler. Als Schauspieler bin ich eine Figur, hinter der man, negativ ausgedrückt, sich auch verstecken kann. Hier war ich zum einen ganz ich, zum anderen eine Art Verkündiger einer Botschaft, die weit über mich hinaus weist. Adressaten waren über 1000 Menschen, die hier versammelt waren. Das ist für mich kein Alltag. Es eine Herausforderung, aber auch eine lehrreiche, intensive und schöne Beschäftigung. 

    Rund 2700 Menschen besuchen nach Angaben des Veranstalters den Triefensteintag der Christusträger im Kloster Triefenstein. Foto: Patty Varasano

    In Ihrem Alltag sind Sie auf Hilfe angewiesen. Geben Ihnen das Schreiben und Schauspielern ein Stück Selbstständigkeit und Freiheit zurück?

    Koch: Natürlich ist Schreiben eine Form von Freiheit und auch von Kompensation. Als ich auf der Intensivstation lag und mein Kopf über drei Monate lang in einer Schraubstock-Konstruktion fixiert war, da musste ich schreiben, weil mich so viel bewegt hat. Ich habe meine Freunde und Familie ständig Notizzettel befüllen lassen. Das hat mir Freude gemacht. Als Schauspieler auf der Bühne zu stehen, das ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern auch eine Berufung. Menschen aus Ihrem Alltag rauszureißen, Geschichten zu erzählen, zum Lachen, Weinen oder im besten Fall zum Nachdenken anzuregen, gibt auch mir viel zurück. Weil es auch mich aus meinem Alltag rausreißt. Ich kann mich selbst vergessen und aufgeben, wenn ich in Rollen schlüpfe.

    Ihr neues Buch heißt "StehaufMensch!". Was gibt Ihnen Kraft aufzustehen und sich aufzuraffen?

    Koch: Das ist so eine gute Frage, dass es sich lohnt, darüber ein Buch zu schreiben. Und mit der man auch ein Buch füllen könnte. Habe ich auch versucht, und ich würde es nach wie vor als Versuch bezeichnen, weil ich das nur für mich beantworten kann. Das muss nicht zwangsläufig für jemand anderen gelten. Im Gegenteil, das kann sogar schädlich sein, wenn er sich meine Lösungswege und Ansätze einfach adaptiert, ohne daraus seins zu machen. Ich tue mir schwer mit Ratgeberliteratur, mein Buch soll auch kein Ratgeber sein. Jeder kann sich daraus zwar Inspiration holen, aber man muss dann schlussendlich sein eigener Ratgeber werden.

    Was hat Ihnen geholfen?

    Koch: Verschiedene Punkte. Natürlich dass ich nicht alleine war, dass ich eine Beschäftigung hatte, dass Leute an mich geglaubt haben. Aber auch, dass selbst, wenn ich mich mal einsam und unverstanden gefühlt habe, ich etwas spüren und erfahren durfte, was über mich hinausweist. Etwas, das größer, stärker ist als ich und für mich eine lebenserhaltende Maßnahme war. Damit ziele ich auf meinen Glauben ab.

    Eine Konzertlesung beim Open-Air-Festival von Samuel Harfst (links) und Samuel Koch. Foto: Patty Varasano

    Sind Sie in Ihre Rolle in der Öffentlichkeit hineingewachsen oder war das eine bewusste Entscheidung?

    Koch: Sowohl als auch. Ich hab mich zu meinem ersten Buchprojekt "Zwei Leben" lange überreden lassen müssen. Ich habe das oft abgesagt, fand es doof und mühsam. Irgendwann, auch im Schutz einer Ausstiegsklausel, kam es dann doch dazu. Nach der Veröffentlichung war ich der Meinung, alles gesagt und alle Antworten gegeben zu haben. Ich wollte nichts mehr mit Medien und Öffentlichkeit zu tun haben. 

    Wie kam es dann zum Sinneswandel?

    Koch: Es gab viele Anfragen für konstruktive Projekte und Events, bei denen ich feststellen durfte: Ich kann tatsächlich auch helfen. Das klingt verrückt, und ich kann es selber kaum glauben, dass kleinen querschnittsgelähmten Mädchen durch meine Vermittlung das Leben gerettet werden konnte oder Abschiebungen verhindert werden konnten. Ich sage heute nicht, ,Okay, der Unfall hatte den und den Sinn', aber ich habe gespürt, dass auch ein Auftreten in der Öffentlichkeit zumindest dem Ganzen den Unsinn nimmt. Und solange das noch möglich ist, und solange ich da wirken darf, mache ich das auch gerne.

    Kürzlich ging ein Bild durch die Medien, auf dem Sie an einer Wand angelehnt gestanden haben. Was sind denn Erwartungen und Hoffnungen, die Sie an die Therapie haben?

    Koch: Ich glaube, es ist schwer ohne Hoffnung zu leben. Jeder hofft irgendwo auf etwas. Ich sage mal so: Ich halte meinen Körper fit, auch aus einem Instinkt heraus. Ich kann kaum gut schlafen, wenn ich nicht mein Wahlpflichtprogramm an Therapie gemacht habe. Das ist so ein Ehrgeiz, der in mir steckt. Aber abgesehen davon glaube ich, dass die neurologische und medizinische Forschung im Gegensatz zu anderen Forschungen sehr jung ist, und dass da noch viel passieren wird. Sonst würde es keinen Sinn machen, sich für die Rückenmarksforschung einzusetzen. Zum anderen glaube ich auch an Dinge fernab von Schulmedizin und bekannten medizinischen Wegen. Ich möchte einfach bereit sein, falls es, in welcher wundersamen Form auch immer, einen Durchbruch geben sollte.

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