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    NEUENDORF

    „Fährmann, hol über!“

    „Fährmann, hol über!“ Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts war dieser Ruf für die Bewohner der am Main gelegenen Ortschaften nicht ungewöhnlich. Der Beruf des Fährmanns war weit verbreitet, die Fähren galten in Zeiten, in denen es kaum Brückenverbindungen gab, als bedeutendes Verkehrsmittel. Rund 60 Jahre ist es her, dass der Ruf auch in Neuendorf zu hören war: Karl Kunkel erinnert sich gut daran – er ist der Sohn des letzten Fährmanns des Dorfes.

    Georg Kunkel (geb. 1903) war Schreiner und leidenschaftlicher Angler. Als zum Ende des Zweiten Weltkriegs zwei Öltanker auf Höhe der Ortschaft bei einem Luftangriff beschossen wurden, musste der Duisburger Eigentümer Fuchs mit den beiden Schiffen auf dem Main verharren und auf die Genehmigung für die Weiterfahrt warten. Georg Kunkel suchte den Kontakt mit dem Kapitän. Aus dem gemeinsamen Interesse an der Schifffahrt und durch die Unterstützung des neuen Bekannten fasste Kunkel den Entschluss, die Überfahrten in Neuendorf wieder aufzunehmen – wie es bereits vor dem Krieg durch die Fährmänner Wilhelm Hofmann und später Josef Ebert üblich war.

    Betrieben durch bloße Muskelkraft

    Ein Küstenboot aus Wehrmachtsbeständen wurde beschafft. Als gelernter Schreiner konnte Kunkel Sitzbänke ergänzen, Paddel fertigen sowie die beiden erforderlichen Stege an den Uferseiten bauen. Der Beruf des „Fährnachenführers“ wurde 1947 angemeldet und entsprechend geprüft, ein Attest mit entsprechender Ausrüstungssoll-Verordnung vom Wasser- und Schiffsinspektionsamt ausgestellt. Die „Ruder Nachenfähre FE6771“ galt nach ihrer Kontrolle auf Fahrtauglichkeit als einsatzbereit: mit einer Länge von sechs und einer Breite von 1,50 Metern konnten bis zu zwölf Personen befördert werden – angetrieben durch die bloße Muskelkraft des Eigentümers Georg Kunkel.

    Die Nachfrage an Fährüberfahrten war sehr groß. „Arbeiter auf dem Weg zum Arbeitsplatz, Verwandte auf Familienbesuch, Erntehelfer, Sonntagsausflügler und vor allem viele Pilzsammler“, zählt Karl Kunkel die zahlreichen Fahrgäste auf, die sein Vater beförderte. „Durch die Bahnhaltestelle kamen nach dem Krieg auch viele ,Hamsterer' ins Dorf – über die Fähre ging ihr Weg weiter zu den anderen Ortschaften.“ An den Sonn- und Feiertagen habe sein Vater sogar den ganzen Tag am Ufer verbracht, erinnert sich der 83-jährige. An den Werktagen lief der Fährbetrieb parallel zur Schreinerei von zu Hause aus. Ein „Fährmann! Hol über!“ und Georg Kunkel machte sich schnell auf den Weg zum Mainufer.

    Als Treibeis die Fährt verhinderte

    „Es waren auch einige regelmäßige Fahrten dabei, die absehbar und planbar waren.“ Karl Kunkel erinnert sich an eine junge Halsbacherin, die in Würzburg studierte und jeden Freitagabend mit der Bahn in Neuendorf ankam. Die Winter waren damals noch härter als heutzutage, ein zugefrorener Main war nicht selten. So kam es auch an jenem Freitagabend, dass Treibeis die Überfahrt verhinderte. Kurzerhand lud man die Studentin zur Übernachtung bei Familie Kunkel ein, bevor am nächsten Morgen Vater Georg mit Hammer und viel Mühe den Weg durch das Eis freiräumte, um den Heimweg zu ermöglichen.

    Karl Kunkel: „Es war immer ein Risiko und lag im Ermessen meines Vaters: kann noch gefahren werden?“ Die große Verantwortung spielte eine wichtige Rolle im Beruf des zuverlässigen und gewissenhaften Fährmanns. Durchgängig Wind und Wetter ausgesetzt und stets auf Strömung und den Schiffsverkehr konzentriert, machte diese Aufgabe außerdem sehr anspruchsvoll. Die Fahrgäste mussten sich immer streng nach den Anweisungen des Fährmanns verhalten.

    Ehefrau als Reserve-Kapitän

    Rund fünf Minuten dauerte eine Überfahrt über den 110 Meter breiten Main, je nach Besatzung. Bis zu 30 Pfennig pro Fahrt und Person verdiente Georg Kunkel mit dieser Tätigkeit, seine Frau Hildegard war in Ausnahmefällen als Reserve-Kapitän im Dienst. Auch Sohn Karl übernahm mal heimlich das Ruder, als es darum ging, den einzigen und daher sehr wertvollen Fußball einzufangen, der sich beim Heimspiel des hiesigen Sportvereins am ufernahen Fußballplatz in den Main verirrte.

    Die Fähre bereicherte zudem die Freizeitmöglichkeiten des Ortes: Die Ruine Schönrain galt als Hauptziel vieler Ausflügler, Wanderer und auch der Einheimischen. „Es war gang und gäbe, dass die Leute sonntags ,übern Mee und nauf die Ruine' sind“, berichtet Karl Kunkel. Die Sonntagnachmittage auf der Ruine gehörten einfach dazu. Nur der Besitzer der am anderen Ufer liegenden Wiese zwischen Anlegestelle und Waldrand freute sich nicht darüber: für die Überquerung der Spaziergänger musste Vater Georg einen Pachtvertrag unterschreiben und die Abnutzung durch „seine“ Gäste bezahlen.

    Kunkel war auch gefragter Wetterprophet

    Gefragt war Fährmann Kunkel auch für seine Wetterprognosen: durch sein langjähriges Hobby als Angler und das intensive Arbeitsleben auf dem Main konnte er recht gut anhand von Fisch- und Wasserverhalten Schlechtwetter vorhersagen. „Fährmann, wie wird das Wetter?“ – Karl Kunkel kennt sie noch gut, diese Frage. Das Angeln hat auch er viele Jahre ausgeübt, wie einst sein Vater. Und den Blick auf das Wetter hat er ebenso von ihm gelernt.

    Bis Ende der 1950er Jahre war die Neuendorfer Fähre im Einsatz, der Betrieb wurde mangels Nachfrage weniger und schließlich ganz eingestellt. Viele Vorteile brachte der Fährbetrieb mit sich: Familienbesuche wurden ermöglicht, Arbeitsplätze verwirklicht, Freizeitaktivitäten geschaffen. Eine Tradition, die das Dorfleben außerordentlich bereicherte, und doch langsam in Vergessenheit gerät.

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