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    Lohr

    Film mit jüdischen Zeitzeugen rettet Erinnerungsschatz

    Der Film "Wir sind Juden aus Breslau" aus dem Jahr 2016 hat nach den Worten von Wolfgang Vorwerk, dem Vorsitzenden des Geschichts- und Museumsvereins, einen "Schatz mündlicher Erinnerungen in letzter Minute gerettet". Der Verein, die Vhs und das Ehepaar Winter vom Stattkino zeigten das Werk von Karin Kaper und Dirk Szuszies am Dienstag vor rund 75 Zuschauern in der Alten Turnhalle.

    In ihm schildern 14 jüdische Zeitzeugen, alle in Breslau geboren und hochbetagt, ihr Schicksal, teils im Gespräch mit einer deutsch-polnischen Jugendgruppe, teils in Interviews. Einige konnten sich durch vorherige Ausreise etwa in die USA und nach Palästina retten, andere überlebten den Aufenthalt in Konzentrationslagern.

    Durch die weltweite Zunahme von Übergriffen wegen der Religionszugehörigkeit gewinne der Film Aktualität, so Vhs-Vertreterin Gisela Schlemmer. Die Annahme, der Antisemitismus sei aufgearbeitet, habe sich als falsch herausgestellt.

    Erzwungenes Ende 1939

    Vorwerk erinnerte an das Gedenken vor wenigen Tagen in Lohr an die frühere jüdische Gemeinde. Diese habe 1939 ihr erzwungenes Ende gefunden. Dieses Schicksal teile sie mit fast allen jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die jüdische Gemeinde in Breslau habe 1925 rund 25 000 Mitglieder gezählt, 1939 nur noch 10 000.

    Die 14 Zeitzeugen schilderten ihre unvorstellbaren Schicksale bis in Details wie den eintätowierten KZ-Nummern, die sie gegenüber ihren Kindern als Telefonnummern ausgegeben hätten – bis die Kinder groß genug gewesen seien, um die Wahrheit zu verstehen. Durch den Film würden die Zuschauer selbst zu Zeitzeugen, so Vorwerk.

    Von den etwa 100 jüdischen Mitbürgern aus Lohr, von denen 1939 keiner mehr in der Stadt lebte, sei etwa jeder Fünfte ins KZ deportiert worden. Niemand sei zurückgekehrt. Das gelte auch für die jüdischen Patienten im heutigen Bezirkskrankenhaus, die ab 1940 deportiert und ermordet worden seien.

    Diejenigen, die diesem Schicksal entrinnen konnten, sind nach Vorwerks Worten "oft bettelarm am rettenden Ufer angekommen". Sie hätten in den Ländern ihres Exils wieder ganz von vorne anfangen müssen, oft ohne Kenntnis der Landessprache.

    Von den Lohrer Juden gibt es laut Vorwerk zwei filmische Dokumente. Irma Kahn aus dem Haus Kahn an der Vorstadtstraße, die bei den Franziskanerinnen zur Schule gegangen sei, sei 1992 von Eduard Stenger interviewt worden.

    Ellen Isaak, geborene Rothschild, aus dem Haus von Emanuel Rothschild am oberen Marktplatz (heute Sparkasse), sei mit ihrem Vater nach Berlin gezogen, der seinem Schwager gefolgt sei, dem Lohrer Ehrenbürger Joseph Schloßmann. 1939 seien sie in die USA ausgewandert.

    Der Sinn des Films ist es nach Vorwerks Worten, dass er die Zuschauer auffordert, Verantwortung zu übernehmen, "damit sich so etwas nicht wiederholt". Es gehe nicht darum, Schuld zuzuweisen. "Mit der Schuld ist es wie mit der Unschuld", betonte Vorwerk, "sie ist persönlich und wird nicht vererbt."

    Im Film erfährt der Zuschauer, dass die jüdische Gemeinde in Breslau nach Berlin und Frankfurt die größte in Deutschland war und besonders einflussreich, etwa auf die Entwicklung des Reformjudentums. Darunter versteht man eine progressive und liberale Strömung innerhalb des Judentums.

    Wechselbad der Gefühle

    "Ich glaube, wir sind durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen", meinte Vorwerk nach dem knapp zweistündigen Film. Er habe deutlich gemacht, dass die Pflege der Erinnerung in die Hände der jüngeren Generationen gelegt werden müsse.

    Bearbeitet von Thomas Josef Möhler

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