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    GEMÜNDEN

    Aus Freundschaft und Angst lange geschwiegen

    Dass Freunde auch in schwierigen Situationen zusammenstehen und sich nicht verraten, ist eigentlich lobenswert. Die freundschaftliche Treue wäre aber einem 21-jährigen Metallbauer beinahe zum Verhängnis geworden. Erst in der dritten Gerichtsverhandlung rückte er mit der Wahrheit heraus und belastete einen früheren Freund schwer. Für ihn bedeutete es Freispruch. Um den Ex-Freund kümmert sich nun der Staatsanwalt.

    Verhandelt wurden die Vorfälle vom 7. Februar 2016 im Anschluss an den Faschingszug in Karlstadt. In einer Bar war eine Gruppe, zum Teil stark angetrunkene junge Männer, aneinandergeraten. Der Besitzer komplementierte alle aus dem Lokal und schloss es. Draußen gingen die Auseinandersetzungen weiter. In deren Verlauf wurde ein 30-jähriger Maurer so schwer verletzt, dass er noch heute unter den Folgen der Schläge leidet. Er trat in den Verhandlungen als Nebenkläger in einem zivilrechtlichen Verfahren (Adhäsionsverfahren) auf.

    Wer aber war der Schläger gewesen? Mehrere Verdächtige kamen damals in Frage. Ein Polizeibeamter, der in seiner Freizeit im Ausschank geholfen hatte, hatte jedoch gesehen, dass ein einziger junger Mann zugeschlagen hatte. Angeklagt wurde schließlich ein 21-Jähriger aus dem Raum Gemünden. Er saß schon in der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht Gemünden schweigsam auf der Anklagebank. Er weigerte sich aus Angst, wie er zu Richterin Karin Offermann sagte, den Namen des wahren Schlägers zu nennen.

    Viele Zeugen gehört

    Zahlreiche Zeugen wurden während der Verhandlungen am 30. November und 19. Dezember gehört. Die meisten Männer aus der Clique, gegen die zwar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, dann aber eingestellt worden war, konnten sich allerdings wegen ihres trunkenen Zustands an nichts mehr erinnern. Einige Zeugen, die das Gericht hören wollte, waren nicht erschienen. Einen von ihnen sucht die Staatsanwaltschaft Würzburg europaweit mit Haftbefehl. Er soll bei der Auseinandersetzung ein Messer in seiner Lederjacke getragen haben.

    Ein 21-jähriger Schüler aus dem Raum Lohr, der noch wegen anderer Straftaten unter Bewährung steht, konnte sich nun an nichts mehr erinnern. Selbst wo er sich an diesem Tag ein blaues Auge eingefangen hatte, wusste er nicht mehr. Da er bei den ersten zwei Verhandlungen unentschuldigt gefehlt hatte, verhängte die Richterin ein Ordnungsgeld gegen ihn.

    „Ich habe niemanden geschlagen“, behauptete ein 22-jähriger Zeuge. Er sei, als die Schlägerei anfing, mit einem Taxi nach Hause gefahren. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob er später Kontakt in irgendeiner Form zum Angeklagten gehabt habe, meinte er nur, dass man sich gelegentlich mal gesehen habe.

    Das war dem Verteidiger des Angeklagten zu viel. Mit dem Einverständnis seines Mandanten legte er dem Gericht eine Reihe von WhatsApp-Kontakten zwischen dem Angeklagten und dem Zeugen vor. Genau einen Monat nach der Tat forderte der Zeuge alle Beteiligten auf, gegenüber der Polizei die Aussage zu verweigern. „Auf keinen Fall“ dürfe sein Name genannt werden, da sein Vorstrafenregister schon sehr umfangreich sei und er keine Lust auf Knast habe. Mit einem 21-Jährigen, der bereits „bei der Polizei geplaudert“ habe, wolle er einmal intensiv „reden“.

    Damit war die Katze aus dem Sack. Sichtlich erleichtert verfolgte der Angeklagte den weiteren Verlauf der Verhandlung. Vor allem aber die Plädoyers von Staatsanwalt, dem Nebenkläger und schließlich der Verteidigung.

    Staatsanwalt fordert Freispruch

    „Das ist zu dünn, als dass wir Sie verurteilen können“, so der Staatsanwalt, der dem Angeklagten allerdings vorhielt, sich „nicht ganz toll verhalten zu haben“ während des Prozesses, weil er lange den wahren Täter gedeckt habe. Daher beantragte er keine Verurteilung wegen „Körperverletzung mit erheblichen Folgen“, sondern forderte Freispruch.

    Auch der Rechtsanwalt des Nebenklägers, der seinen Adhäsionsantrag zurückgezogen hatte, sprach sich für einen Freispruch aus. Allerdings warf er den Ermittlern vor, „nicht so ermittelt zu haben, wie es sich gehört hätte“. Dem Antrag auf Freispruch schloss sich der Verteidiger an. Er warb für Verständnis für seinen Mandanten, nachdem es in einer Clique zum Ehrenkodex gehöre, sich nicht zu verraten.

    Nach kurzer Beratung sprach Richterin Offermann den Angeklagten schließlich frei. Neu aufgerollt wird dagegen das Verfahren gegen den Verfasser des WhatsApp-Dialogs mit dem Angeklagten.

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