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    Würzburg / Karlstadt

    Gericht wartete vergebens: Angeklagter lag auf dem OP-Tisch

    Bei der Justiz ist ein Mann (30) aus dem Raum Karlstadt unter anderem deswegen bekannt, weil er schon wiederholt, wenn er auf der Anklagebank Platz nehmen sollte, kurzfristig eine Krankmeldung schickte. In dieser Woche erfuhr die 4. Strafkammer des Landgerichts Würzburg eine Stunde vor einer Berufungsverhandlung, dass der Mann mit Beschwerden, die auf Blinddarmentzündung hinweisen könnten, ins Krankenhaus eingewiesen worden sei.

    Daraufhin hat der Vorsitzende Richter Thomas Trapp einen für das Verfahren ohnehin geladenen psychiatrischen Sachverständigen gebeten, sofort nach Lohr zu fahren und den Angeklagten zu begutachten: ob der wirklich krank sei und für welchen Zeitraum er der Justiz nicht zur Verfügung stehe. Falls der Mann geblufft habe, müsse er mit "Verlegung" vom Krankenhaus in den Knast rechnen. Skeptisch war der Vorsitzende Richter unter anderem deswegen, weil bei den bisherigen Krankmeldungen neben Herzproblemen und anderen heftigen Beschwerden einmal als Begründung "Brustkrebs" angegeben war. Man könne nicht ausschließen, so der Vorsitzende, dass dem Angeklagten ein Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt "gut tun würde".

    Gutachter fuhr ins Krankenhaus

    Die Skepsis hat sich allerdings nach Rückmeldung des Psychiaters erledigt: Der Blinddarm ist am Verhandlungstag tatsächlich entfernt worden. Der Gutachter soll nun mit dem Patienten in Verbindung bleiben und dem Gericht mitteilen, wann dem die Strapazen einer Verhandlung zugemutet werden können.

    Für den Mann geht es in dem Prozess um drei Jahre Freiheit. Er war im November 2017 in Gemünden vom Schöffengericht wegen Betrugs verurteilt worden, weil er Handwerker- Rechnungen für Arbeiten am Haus seiner Mutter in Höhe von über 40 000 Euro nicht bezahlt hatte. Er könne nicht mit Geld umgehen und habe keinen Überblick über seine Schulden, hat man dem einschlägig vorbestraften Mann damals in der Verhandlung vorgehalten. Der Staatsanwalt kreidete dem Angeklagten besonders an, dass es sich auch um Aufträge handelte, die man nicht braucht, "um glücklich zu sein": zum Beispiel für ein elektrisch angetriebenes Garagentor und eine teure Sonnenschutz-Markise.

    Gegen die Verurteilung durch das Schöffengericht Gemünden zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren hatte nur der Angeklagte Berufung eingelegt, die Staatsanwaltschaft war mit dem Urteil zufrieden. Unter Berücksichtigung einer Genesungsphase wird der psychiatrische Sachverständige den Angeklagten demnächst wieder zur Überprüfung der Verhandlungsfähigkeit aufsuchen.

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