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    Marktheidenfeld

    Glosse Fischers Fritz: Mein Gott, sind wir langweilig

    In der Fastenzeit wird man recht schnell aus verträumten Illusionen geholt und auf den harten Boden der nüchternen Tatsachen geworfen. Das ist zuweilen schmerzhaft.
    Nachdenklich oder gelangweilt?
    Nachdenklich oder gelangweilt? Foto: Thinkstock

    Nun endlich, da die närrische Zeit ein Ende gefunden hat, muss hier nicht mehr unsinnig über Brückenpfeiler geschwafelt und auf unbedeutenden Glatzen Locken gedreht werden, sondern darf sich der Blick auf die harte Realität richten, also auf Wasser und trocken Brot des Alltags. Und da sind wir ganz schnell bei einer Sache, die meiner Erinnerung nach in den 80er oder 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfunden worden sein muss: der Langeweile.

    Schon gelangweilt? Bitte bleiben Sie noch etwas dabei und hören sich wenigstens an, was die elfjährige Yaiza - ein Mädchen, dessen bezaubernde Stimme bei den Voice Kids auf Sat 1 zu hören ist - über ihren Heimatort Michelrieth zu sagen hat: "Auf einer Skala von 1 bis 10 bekommt mein Dorf eine 10,5. So langweilig ist es da." Und wie wir in ihrem Trailer und auf der Sat 1-Homepage erfahren, liegt es vor allem daran, dass es dort "nur eine Pizzeria und eine Wirtschaft" gibt. Gut, das müssen wir erst mal so stehen lassen und wollen es auch gar nicht kritisieren, denn eines ist klar: Kindermund tut Wahrheit kund.

    Wer hat eigentlich die Langeweile erfunden?

    Natürlich sind wir verleitet, selbst einmal den Blick zurück auf unsere Kindheit zu werfen und uns zu erinnern, dass es neben einem Telefon mit Wählscheibe und einem Schwarzweiß-Fernseher mit drei Programmen damals auch nur zwei Wirtshäuser im Ort gab, von denen das eine mit Bratwurst und Kraut glänzte und das andere mit Rippchen und na was schon. Aber, wie oben beschrieben, war Langeweile in jenen fernen Tagen zumindest in meiner Wahrnehmung noch nicht erfunden und hätte sich unsereins auch gehütet, den Altvorderen gegenüber eine solche Gefühlsregung anzudeuten. Mit der Langeweile wäre es schnell vorbei gewesen. 

    Ganz so lässig beiseite schieben dürfen wir das Phänomen der Langeweile heutzutage allerdings nicht. Denn wie schnell könnte ein gelangweilt gesungenes "Laaaangwaaaiiilig" doch einer wirklich bedeutenden Sache den Garaus machen oder sie zumindest in ihren Grundfesten erschüttern. Beispiele? Nehmen wir ein mitten in die Sonntagspredigt hinein gegähntes "laaaangwaaaiiilig" oder ein eben solches bei der Rede eines Ministers oder Abgeordneten. Oder gar bei einer Stadtführung durch unser lebendig-pulsierendes Städtchen. Oder bei der Einweihung der Feuerwache. Das wäre nicht gut.  

    Warum nehmen sich die Wahlkämpfer dieses Problems nicht an?

    Was aber können wir, außer dem umgehenden Eröffnen von Schnellimbissrestaurants in allen Stadtteilen, gegen die drohende Langeweile tun? Meines Wissens haben die Wahlkämpfer jedweder Couleur auf diese Frage noch keine Antwort gefunden, geschweige denn sich der Langeweile in irgendeiner Form thematisch bemächtigt. Haben Sie etwa keine Zeit für Langeweile? Das wäre leichtfertig. Was nützt uns die beste Wasserversorgung, das schnuckeligste Baugebiet und die schönste Gewerbesteuereinnahme, wenn uns aus allen Ecken ein resignierendes "laaangwaaaiiilig" entgegen schallt? Ja was? Gelangweilt verabschiedet sich für heute Euer Fischers Fritz    

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