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    Karlstadt

    Glosse: Rappeln mit dem Virus

    Seit Menschengedenken gehört in unserer fränkischen Heimat das Ratschen zu den Kartagen wie das goldene Glöckchen zum Osterhasen. Diesmal aber hat uns Corona auch das durcheinander gebracht.
    Normalerweise wäre Leni mit ihren Brüdern an den Kartagen zum Klappern gegangen. Für die alternative Geräuschkulisse sorgte diesmal der Papa mit der Kreissäge.
    Normalerweise wäre Leni mit ihren Brüdern an den Kartagen zum Klappern gegangen. Für die alternative Geräuschkulisse sorgte diesmal der Papa mit der Kreissäge. Foto: Günter Roth

    Seit Menschengedenken gehört in unserer fränkischen Heimat das Ratschen zu den Kartagen wie das goldene Glöckchen zum Osterhasen. Schließlich könnten ja die Leute am Freitag und am Samstag tatsächlich verschlafen, wenn's nicht um sechs Uhr zum Englischen Gruß läuten oder ratschen würde. Diesmal aber hat uns Corona auch das durcheinander gebracht. Weil die jungen Leute eh immer die Köpfe zusammenstecken und die Knarr-Maschinen das Virus weiter als zwei Meter schleudern, durfte nicht klappernd herumgezogen werden.

    Doch die Jugend war findig und ließ sich das Klappern nicht nehmen. Sie ratschte einfach aus dem Vorgarten oder vom Balkon herab. Dazu wurde voller Inbrunst der "Engelsgruß" geschmettert. Glücklich, wer in seiner Nachbarschaft solches erleben durfte. Anderswo wurde das Klappern am Karsamstag von den Heimwerkern übernommen. Gut, der erste Englische Gruß im Morgengrauen kam noch als wunderschöner Vogelgesang. Denn zur Coronazeit steht der aktive Heimwerker um sechs Uhr vor dem Bäckerladen und dann vor dem Metzger. Es dürfen ja nie mehr als drei Kunden rein.

    Aber dann ging's los: "Die Flex hat Neun gepfiffen", hieß es zunächst. Eine Stunde später teilte eine Kreischsäge zwei Häuser weiter mit, dass die Uhr jetzt 10 gejault habe. Der asthmatische Autostaubsauber nebenan gab sich mit mäßigem Erfolg Mühe, allen einzublasen, dass die Uhr inzwischen auf 11 stehe.

    Zum sonst üblichen Mittags-Ave-Maria entstand zunächst ein Loch, es trat Stille ein. Niemand wollte oder konnte diesen Part übernehmen. Zum Glück hatte die Feuerwehr noch einen Trumpf im Ärmel. Der überfällige Probealarm kam zwar gut 20 Minuten zu spät und konnte auch melodisch nicht ganz die Erwartungen erfüllen, war aber immerhin unüberhörbar und besser als nichts.

    Am Nachmittag griff mein Nachbar Klaus ins Geschehen mit ein. Seit er eine neue Freundin, die Maria hat, will er für sie einen Stellplatz neben seinem Haus schaffen. Sein Motto für den Karsamstag Mittag lautete passend: "Das wird ein Parkplatz für Mariaa, Maaaria, Maaria". Geräuschvoll begann er gegen 14 Uhr den Untergrund zu lockern: "Wir schottern zum ersten Mal zur Kirche", schienen seine Maschinen zu singen. Eine halbe Stunde später wurde der Boden gefestigt: "Wir verrappeln zum zweiten Mal", rüttelte es da und schließlich, kurz vor der vollen Stunde, unter höchstem Einsatz :"Wir klappern und scharren alles zusammen".

    Zum Glück zogen die vielen Hobbyhandwerker nicht wie sonst die Ministranten durch die Straßen, um von ihren Mitbürgern Abgaben für das nicht bestellte Spektakel einzufordern. Für den schlimmsten Fall hatte ich allerdings ein Halbliterfläschchen Zweitakterbenzin bereitgestellt – verfeinert mit einem Löffelchen Zucker!

    Ein letztes Mal gab Nachbars Maschinenpark sein bestes und pünktlich um 18 Uhr betrachtete er mit seinen technischen Helfern das gelungene Werk: "Das ist der Parkplatz von Maria, Maaaria, Maaria". Erst als diese Gesänge verklungen waren, trauten sich auch die Amseln, die Meisen und anderen Singvögel aus ihren Verstecken und sangen gemeinsam ein abschließendes wunderschönes Ave Maria.

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