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    Karlstadt

    Glosse Sack Zement: Wahlkampf der Unreifen

    Wer Kandidat ist, muss seinen niederen Impulsen gehorchen.
    Das Plakat der Freien Wähler hing zuerst. Wird das die Wahl entscheiden?
    Das Plakat der Freien Wähler hing zuerst. Wird das die Wahl entscheiden? Foto: Markus Rill

    Mit fortschreitender Reife sollte es dem Menschen gelingen, über einige niedere Impulse Kontrolle zu gewinnen. Dazu gehören: sich selbst stets ins rechte Licht zu rücken, schlecht über andere zu reden und mehr. Im Wahlkampf aber werden genau diese Verhaltensweisen von den Kandidaten verlangt – wenn nicht vom Wähler, dann doch mindestens von den Parteifreunden. 

    Der Karlstadter Plakatierungsärger war zumindest teilweise dieser Wahlkampf-Mentalität geschuldet. "Wenn wir uns schon inhaltlich kaum von den Konkurrenten unterscheiden, möchten wir wenigstens den besten Platz für unser Plakat wählen dürfen", mag sich der ein oder andere Partei-Funktionär gedacht haben. Bei Lichte betrachtet ist nicht zu erkennen, wem die Positionierung der Wahlwerbung an der Karschter Bahnhof-Unterführung Vorteile brächte.

    Auch in den umliegenden Dörfern wird wahlgekämpft. Da gibt's Bürgermeister-Stellvertreter, denen das Kunststück gelingt mitzuteilen, wie hervorragend sie mit dem bisherigen Amtsinhaber kooperiert haben, und im selben Atemzug zu betonen, dass sie im Grunde die meiste Arbeit selbst geleistet hätten.

    Und es gibt Kandidaten, die sich geradezu davor fürchten, fotografiert zu werden. Man möge doch bitte das professionell erstellte Wahlfoto veröffentlichen. Wie bringt man es einem Menschen nun taktvoll bei, dass er selbst mit etwaigem Übergewicht oder Hautproblemen noch sympathischer rüberkommt als auf einem mit Photoshop dergestalt bearbeiteten Bild, dass man annehmen könnte, ein Bruder von Tom Cruise oder Sophia Loren höchstselbst kandidiere in der MSP-Provinz für den örtlichen Gemeinderat?

    Und es gibt wohl keinen, dem nicht schon einmal passiert ist, dass ihm nach einer Unterhaltung bessere Antworten einfielen als es während des Gesprächs der Fall war. Aber wer würde beispielsweise nach einem Vorstellungsgespräch den Personalchef anrufen, nur um mitzuteilen, dass er auf die eine Frage doch lieber mit einem Gleichnis von Platon antworten wolle? Ob es wohl möglich sei, dies im Gesprächsprotokoll zu vermerken? Nun, einem normalen Menschen schaudert bei dem Gedanken. Für den Wahlkämpfer aber wäre es ein schweres Versäumnis, auf diese Mitteilung zu verzichten.

    Es geht schließlich im Wahlkampf darum, sich so staatstragend, gebildet und souverän wie irgend möglich darzustellen, und wenn dafür kindische oder extrem unreife Methoden nötig sind, dann ist das eben so. Glücklicherweise ist es ja völlig ausgeschlossen, dass dieses System dazu führen könnte, dass kindische, unreife oder ich-bezogene Personen erfolgreich sind und gewählt werden. Glück gehabt. Make Main-Spessart Great Again.

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