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    Neustadt am Main

    Gnadenlose Sonne: Immer häufiger Sonnenbrand bei Äpfeln

    Sonnenbrand an Äpfeln, hier der Sorte Adersleber Kalvill, in einem Obstgarten bei Neustadt am Main. Foto: Roland Pleier

    Reihenweise haben Äpfel in diesem Sommer braune Stellen bekommen. Jetzt im Herbst werden die Stellen deutlich größer. Die Äpfel fangen an zu faulen. In der Regel betroffen: Früchte an exponierten Stellen, die besonders viel Sonne abbekommen. Sonnenbrand bei Äpfeln, gibt's das? Ja, sagen Experten, zunehmend.

    Einem Obstbaumkundler vom Untermain ist dies schon vor Jahren aufgefallen: "Schon seit der Jahrtausendwende 2000 beschäftigen uns im Obstbau Sonnenbrand-Schäden auf Früchten", schreibt der Pomologe Hans-Joachim Bannier auf der Homepage des Schlaraffenburger Streuobstprojekts, dem Obstwiesenbesitzer aus Stadt und Landkreis Aschaffenburg angeschlossen sind. "Die Äpfel verbrennen regelrecht am Baum", führt er aus. 2006 seien in seinem Obstsortengarten an einem Juli-Wochenende rund ein Fünftel der Früchte auf diese Weise verbrannt. 

    Ist die schützende Ozonschicht zu schwach geworden?

    Schäden in dieser Form seien im Obstbau absolut neu, so Bannier. In der Obstbau-Literatur früherer Jahrhunderte gebe es keinerlei Hinweise darauf – im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten und Schädlingen. Läge es nur an der Hitze als solcher, hätten solche Schäden im 19. Jahrhundert auch schon auftreten müssen. Der Pomologe geht deshalb davon aus, dass es die zerstörte Ozonschicht ist, die diese Schäden heraufbeschwört. 

    Peter Stenger, seit 30 Jahren Obstbauer im Lohrer Stadtteil Halsbach, bestätigt den Trend. "Anfang der 1990er Jahre hatten wir das auch schon mal", holt er aus, "in den letzten Jahren aber regelmäßig", im vergangenen Jahr und heuer nochmal vermehrt. "Die Sonne kann man ja nicht abstellen", zuckt er die Schultern. So wie die Kollegen am Bodensee Hagelnetze über seine Obstplantagen zu spannen, die 15 bis 20 Prozent des Sonnenlichts ausfiltern, dazu ist ihm im Augenblick der Aufwand noch zu hoch. Zudem hagle es hier nicht so häufig und "schön sieht's auch nicht aus", so Stenger, der etwa auf einem Drittel seiner insgesamt zwölf Hektar Tafeläpfel anbaut. 

    Hagelnetze: Teuer, aufwändig und ein zweischneidiges Schwert

    Auch Peter Kreser, ein vergleichsweise kleiner Obstbauer aus Rodenbach, der nur ab Hof verkauft, verzichtet auf den großen Aufwand und die hohe Investition in Hagelnetze. Zudem sei es ein zweischneidiges Schwert, sagt er. Denn wenn just dann ein Hagelschauer kommt, wenn die Netze zur Ernte abgenommen werden, dann wäre alle Mühe vergebens gewesen, so der 57-Jährige, der auf der Hälfte seiner zwei Hektar Apfelbäume stehen hat.

    "2015, 2018, 2019 ..." Peter Kreser zählt die trockenen, heißen Sommer auf. "Da reicht ein Tag, an dem die Sonne brennt", sagt er. "Wenn's über 35 Grad geht ..." Wir Menschen suchen dann den Schatten. Der Apfel kann das nicht, ist der Sonne gnadenlos ausgesetzt. "Dieses Jahr war es so schlimm, dass es manchmal sogar durchs Blatt hindurch ging." Er könne sich nicht erinnern, dass es das in den 1990er Jahren schon gegeben habe.

    "Wir müssen uns heuer auf kleine Äpfel einstellen."
    Peter Stenger, Obstbauer aus Halsbach

    Sein Kollege Peter Stenger geht seit Wochen mit einer Handvoll Leute immer wieder durch die Reihen, pflückt frische Äpfel für den Markt, entfernt aber auch die kleinen Äpfel und jene mit Sonnenbrand. Dann können die verbleibenden wenigstens davon profitieren und noch etwas zulegen. "Die Welt bringt das Ausdünnen jetzt auch nicht mehr", räumt er ein. "Wir müssen uns heuer auf kleine Äpfel einstellen." 

    Dass die Äpfel teilweise nur Golfballgröße erreichen, ist jedoch nicht nur der Trockenheit geschuldet. Ein zweiter Grund dafür sei der kühle Mai gewesen just in der Zellteilungsphase der Äpfel. Für Hobbygärtner hat Stenger noch einen Tipp: Wichtig ist, den Baum nicht zusätzlich zu stressen durch Dünger oder Spritzmittel. Vor allem Schwefel als Bestandteil erhöhe die Sonnenbrandgefahr. Schließlich setzt er selbst auch auf Tröpfchenbewässerung: "Wenn der Baum Wasser hat, kann er die Früchte kühlen, wenn's trocken ist, nicht mehr so gut." 

    Expertentipp: Geschädigte Stellen ausschneiden

    Für den Verkauf auf dem Markt kommen geschädigte Früchte nicht mehr in Frage. Sie können allenfalls zu Mus oder Saft verarbeitet werden, was für den professionellen Obstbauern Ertragseinbußen bedeutet. Denn für Industrieäpfel wird weniger bezahlt. Der Kleingärtner kann seine Früchte mit Sonnenbrand allemal verwerten. Experten raten: Einfach die geschädigten Stellen herausschneiden.

    Woher Sonnenbrand kommt, was hilft und was nicht
    Lawrence E. Schrader, inzwischen emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie an der Washington State University, unterscheidet zwei Arten von Sonnenbränden: Die extreme Art des Sonnenbrands, die Sonnenbrandnekrose, wird durch Fruchttemperaturen über 52 Grad Celsius verursacht und leitet einen kritischen Prozess ein, der mit dem Absterben des Gewebes endet.
    Der leichte Sonnenbrand hingegen, optisch erkennbar an der Bronzefärbung der Haut, entsteht bei Temperaturen zwischen 47 und 48 Grad Celsius, mit etwas unterschiedlichem Erscheinungsbild – je nach Sorte. Für dessen Entstehung und Entwicklung ist eine bestimmte Strahlung – vermutlich UV-B – erforderlich. Andere Autoren hingegen halten eine hohe Fruchttemperatur für den wichtigsten Faktor.
    Ein direktes Gegenmittel gibt es nicht: gegen Sonneneinstrahlung und Hitze hilft weder düngen noch Pflanzenschutzmittel spitzen.
    Die Bäume künstlich mit Sprinklern befeuchten kommt für den Kleingärtner oder Besitzer einer Streuobstwiese wohl ebenso kaum in Frage wie das Abdecken mit Hagelnetzen.
    Bespritzen mit Kaolin-Partikeln, wie es Obstbauer Peter Kreser in Rodenbach macht, mindert die Schäden um 20 bis 60 Prozent. Dabei bildet sich ein hauchdünner Belag aus Porzellanton, der jedoch abgewaschen werden kann.
    Hie und da wird auch geraten, die Obstbäume weniger zu schneiden: Je mehr Blätter die Früchte beschatten, desto weniger Sonnenbrand. 
    Möglicherweise kann man beim Pflanzen auf weniger empfindliche Sorten setzen. In einschlägigen Foren werden zumindest Erfahrungen darüber ausgetauscht, welche Apfelsorten etwa empfindlicher und welche resistenter reagieren. Elstar und Topas sind vielleicht anfälliger, Gala womöglich weniger, so eine grobe Einschätzung des Halsbacher Obstbauern Peter Stenger, der zwischen 15 und 20 Sorten anbaut. Sein Rodenbacher Kollege Peter Kreser hingegen hat bei sich keine nennenswerten Unterschiede ausgemacht.

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