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    HOHENROTH

    Hauseltern in Hohenroth: Im Einsatz für die Dorfgemeinschaft

    Friedheim und Rita Kahnt haben über 27 Jahre lang als Dorfeltern in Hohenroth gearbeitet. Foto: Rebecca Wolfer

    Seit 1991 haben Rita und Friedheim Kahnt im Haus Nummer 7 gewohnt: Ein großes Gebäude mit vielen Holzmöbeln, Pflanzen und einem Tisch, an den zehn Personen passen. Denn im gleichen Haus wohnen noch acht andere Menschen, alle mit einer geistigen Behinderung. „Das Ziel der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth ist, dass geistig behinderte Erwachsene gemeinsam in einem familienähnlichen Umfeld leben“, erklärt Rita Kahnt. Sie als Hauseltern seien dafür verantwortlich gewesen, die Betreuten bei deren Arbeit in den Werkstätten und zuhause zu unterstützen.

    Die beiden haben Erfahrung mit pädagogischer Arbeit: Sie stammen aus Sachsen und haben sich während ihres Studiums zu Erzieher und Grundschullehrer kennengelernt. Später haben sie gemeinsam in einem Kinderheim gearbeitet. „Nach der Wende habe ich in einer Stellenanzeige gelesen, dass das SOS-Kinderdorf in Zwickau Hausmütter sucht“, erzählt Rita Kahnt. Daraufhin habe sie einen Brief an die Verantwortlichen geschickt: „Ich habe ihnen erklärt, wie wichtig die Rolle des Vaters in der Erziehung ist – eine Hausmutter alleine reicht nicht.“

    Dies haben die Zwickauer aufgegriffen: Sie sendeten den Kahnts Bewerbungsunterlagen zu und verwiesen

    Die Bewohner von Haus Nummer 7, in dem auch das Ehepaar Kahnt (rechts) gewohnt hat. Foto: Friedheim Kahnt

    sie danach an die SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth, in der ein Hauseltern-Paar gesucht wurde. „Im Januar 1991 haben wir uns das Dorf zum ersten Mal angeschaut, im April sind wir eingezogen“, sagt Friedheim Kahnt. Zusammen mit ihren zwei Kindern, die zu dieser Zeit vier und sechs Jahre alt waren, zogen sie in ihre Wohnung im Haus 7 und haben gleich am nächsten Tag ihre Arbeit in der Hausgemeinschaft aufgenommen.


    Die richtigen Aufgaben zuteilen

    Am Anfang lebten sie mit sieben Betreuten zusammen. Kurz darauf kam ein achter dazu, alle waren zwischen 20 und 30 Jahren alt. Sie haben unterschiedliche geistige Behinderungen: Trisomie 21, Autismus, bei manchen war sie nicht geklärt. „So verschieden, wie die Behinderungen waren, waren auch die Fähigkeiten der Bewohner“, erklärt Rita Kahnt. „Unsere Aufgabe war es, zu erkennen, was die Betreuten schaffen und welche Aufgaben im Haushalt wir ihnen zuteilen können.“

    Das Schöne an der Dorfgemeinschaft sei, dass die Bewohner in dem betreuten Umfeld nicht ständig mit Dingen konfrontiert werden, die sie nicht schaffen, sondern Erfolgserlebnisse haben, wenn sie Aufgaben erledigen können. Die Mitarbeit im Haushalt sei ein fester Bestandteil, um die selbstständige Lebensweise der Betreuten zu fördern. „Außerdem waren wir in so einem großen Haushalt natürlich froh über jede helfende Hand, sei es beim Kochen, Tisch decken oder putzen“, sagt Rita Kahnt.

    Ihr Arbeitstag begann normalerweise morgens um halb sieben: Aufstehen, frühstücken, manchen musste beim Waschen oder Rasieren geholfen werden. Um halb neun begann die Arbeit in den Werkstätten. In Hohenroth gibt es zum Beispiel eine Gärtnerei, eine Holzwerkstatt und eine Molkerei. Friedheim Kahnt hat in den ersten drei Jahren die Betreuten in der Bäckerei unterstützt. Wegen einer Mehlstauballergie wechselte er dann in das Dorfcafé, das er 20 Jahre lang leitete. Um 11.45 Uhr gingen alle für eine zweistündige Mittagspause wieder zurück in ihre Häuser, danach arbeiteten sie bis 17.30 Uhr noch einmal in den Werkstätten. Normalerweise war das Ehepaar für elf Tage im Dienst und hatte dann drei Tage frei.

    Das Wohnzimmer der Hausgemeinschaft. Foto: Friedheim Kahnt

    Rund um die Uhr zur Stelle

    Die Hauseltern werden halbtags von einer Hauswirtschaftskraft und bei Engpässen durch eine zusätzliche Familienhelferin unterstützt. Doch an ihren Arbeitstagen waren sie wie in einer Familie rund um die Uhr für die Betreuten zur Stelle: „Nach dem Abendessen sind wir zum Beispiel schwimmen gegangen, haben Rechnungen abgeheftet oder das Essen für die nächsten Tage besprochen. Wenn nachts mal jemand Hilfe brauchte, waren wir natürlich auch da“, erzählt Friedheim Kahnt. Da die Bewohner jetzt zwischen 50 und 60 Jahre alt seien, müssten sie im Vergleich zu früher intensiver betreut werden und öfter zum Arzt.

    An den freien Tagen der Kahnts hat sich eine Familienhelferin um die Betreuten gekümmert. Doch der Alltag in der Hausgemeinschaft war auch in der Freizeit Teil ihres Lebens: „Dadurch, dass wir sozusagen auf unserer Arbeitsstelle gewohnt haben, konnten wir nie richtig abschalten“, erklärt Friedheim Kahnt. In dem hellhörigen Haus hätten sie zum Beispiel immer mitbekommen, wer wann in sein Zimmer ging.

    Deshalb hat sich das Ehepaar einen Wohnwagen gekauft, mit dem sie an ihren freien Tagen weggefahren sind – „sonst frisst einen die Arbeit auf“, sagt Rita Kahnt. Nach 27 Jahren sei ihnen das Leben als Hauseltern zu anstrengend geworden und die 60-Jährige und der 61-Jährige haben sich dafür entschieden, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen und nach Marktheidenfeld zu ziehen.

    Verreisen und wandern

    Für ihre zwei Kinder sei Hohenroth ein toller Ort gewesen, erzählt das Ehepaar. „In dem Dorf konnten sie viel erleben, zum Beispiel im Kuhstall, in der Schreinerei oder im Laden“, zählt Friedheim Kahnt auf. Vor

    Friedheim Kahnt hat ein Fotoalbum mit Bildern von der Hausgemeinschaft erstellt. Eins der Bilder zeigt das Haus von außen. Foto: Friedheim Kahnt

    allem, als sie noch kleiner waren, hätten sie oft mit den anderen Hausbewohnern gespielt. Trotzdem haben die Eltern darauf geachtet, dass ihre Kinder auch Freunde außerhalb von Hohenroth hatten. „Sie finden es schade, dass wir nicht mehr dort wohnen“, erzählt Rita Kahnt, „in dem großen Haus war viel Platz, unsere Kinder hätten uns mit unseren Enkelkindern gerne noch öfter besucht.“

    Ganz haben sie die Dorfgemeinschaft aber noch nicht verlassen: „Wir besuchen sie am Wochenende wieder“, sagt Friedheim Kahnt. In der freien Zeit, die sie jetzt haben, wollen sie mit dem Wohnwagen verreisen, sich um ihre Enkelkinder kümmern und wandern gehen. Die beiden sind sich einig: „Wir hatten bis jetzt noch keinen Tag, an dem wir gesagt haben ,Was machen wir heute eigentlich?'“

     
     
     

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