• aktualisiert:

    KARLSTADT

    Hohe Werte waren bedroht

    Scharfer Blick aufs Messer: Klammern halten den gedämpften und längs in Viertel geschnittenen Stamm. Gleich bewegt er sich schnell auf und ab, während er dem Messer rechts immer näher kommt. Dann werden 0,5 bis 0,7 Millimeter dünne Furnierblätter gemessert. Foto: Karlheinz Haase

    Als es darum ging, dass sich der IHK-Gremialausschuss zu einer Sitzung im Karlstadter Furnierwerk Kohl treffen sollte, hatten manche Teilnehmer Bedenken, ob das möglich sein würde. Denn wenige Tage zuvor war wegen Explosionsgefahr der Bereich um das Furnierwerk gesperrt und evakuiert worden. Sogar die Bahnlinie, die B 27 und die Schifffahrt auf dem Main waren betroffen. Doch die Gefahr ist längst gebannt. Der Vorfall ereignete sich an einem Freitagabend. Und die Produktion im Werk konnte schon am Dienstagnachmittag ordnungsgemäß wieder anlaufen.

    Während des Vorfalls wurde auch der ehemalige Kesselmeister Georg Hoßmann hinzugerufen. Er kennt die Anlage durch seine 40-jährige Tätigkeit in- und auswendig und berichtet: Ein defektes Rückschlagventil war dafür verantwortlich, dass kein Wasser mehr in den Dampfkessels nachfließen konnte. Durch den Dampfkessel laufen viele Rohre, durch die das Rauchgas der Holzfeuerung strömt.

    Zu wenig Wasser im Kessel

    Der Wasserspiegel in dem Dampfkessel war so weit abgesunken, dass die oberen Rohre nicht mehr von Wasser bedeckt waren, sondern nur noch Dampf um sich herum hatten. Dieser durfte nicht abgelassen werden, weil die Hitze in dem Kessel sonst noch stärker angestiegen wäre. Indem kein neuer Brennstoff hinzugefügt wurde, ließen der Druck und die Hitze in dem Kessel allmählich nach.

    Es sei richtig gewesen, dass weiträumig um das Furnierwerk herum evakuiert wurde, sagt Friedrich Kohl, neben seinen Brüdern Michael und Matthias einer der drei Geschäftsführer. Er lobt in dem Zusammenhang die Arbeit der Feuerwehr, der Polizei und des TÜV. Letzterer war schnell hinzugezogen worden.

    Der Schaden bei einer Explosion wäre immens groß gewesen. Man hätte einen Leihkessel aufstellen müssen, bis das Kesselhaus wieder repariert gewesen wäre, um keinen zu großen Produktionsausfall entstehen zu lassen.

    150 Holzarten aus aller Welt

    Dem Gremialausschuss demonstrierte Friedrich Kohl bei einem Rundgang die besondere Stellung des Karlstadter Unternehmens. Es ist weltweit eines von drei Furnierwerken mit einer solchen Vielfalt an hochwertigen Furnieren. 150 Holzarten aus aller Welt sind hier zu bekommen. Dafür sorgen sechs Einkäufer, die von außen die Qualität eines Stammes erkennen müssen – egal ob in Indien, England oder den USA. Die anderen beiden Furnierwerke dieser Qualität befinden sich in den USA und Italien. Kohl hat Niederlassungen in den USA und in Dubai und zudem mehrere Repräsentanten im Ausland.

    1951 ging die Firma Fritz Kohl aus der Aufspaltung der ursprünglichen Firma August Kohl in Würzburg (in die beiden Firmen Fritz und Karl Kohl) hervor. 1954 erfolgte der Umzug von Fritz Kohl von Würzburg nach Karlstadt.

    Als Friedrich Kohl Junior 1980 einstieg, gab es in Deutschland noch rund 50 Furnierwerke. Heute sind es nur noch fünf. „Ein Messer kann auf der ganzen Welt sich jeder hinstellen, egal ob in China oder sonst wo“, erklärte Friedrich Kohl. Daher war es für das Karlstadter Unternehmen wichtig und richtig, sich zu spezialisieren. Die Möbelindustrie spielt für das Furnierwerk längst keine Rolle mehr. Kohl: „Wer kauft heute noch Möbel für 30 000 Euro?“ Und: „Der Totengräber der deutschen Möbelindustrie kam aus Schweden. Mehrere Millionen Quadratmeter Furnier aus Billiglohnländern verbraucht Ikea heute monatlich.“

    Furnier für Armaturenbretter

    Von den Furnieren, die Kohl messert, wurden früher 80 Prozent in Deutschland verkauft, heute sind es nur noch 20 Prozent. Und zu 90 Prozent werden aus dem Furnier Armaturenbretter gefertigt. Die Mitglieder des Gremialausschusses bestaunten bei ihrem Rundgang beispielsweise Esche-Maser-Furniere für Mercedes oder Birke-Maser für Volvo. Der andere Teil geht in den Yachtbau oder in exklusive Hotels, beispielsweise in der arabischen Welt. Die meisten Kunden kommen nach Karlstadt, um das Furnier persönlich zu besichtigen und auszusuchen.

    Bürgermeister Paul Kruck bot dem Gremialausschuss eine Präsentation der Stadt Karlstadt. Dabei freute er sich, dass das Furnierwerk Kohl neben anderen Firmen wie Schwenk, Düker, URT oder Lummel zu den großen Gewerbesteuerzahlern Karlstadts gehört.

    Hier ist Dampf drauf

    Der Dampfkessel im Furnierwerk Kohl wird eigentlich mit hochwertigsten Hölzern befeuert. Es sind allerdings die Reste aus der Furnierproduktion, mit denen sich nichts mehr anfangen lässt. Das sind immerhin rund 45 Prozent des Holzes. Im Schnitt produziert der Kessel derzeit täglich 40 Tonnen Dampf. Im Winter ist es etwas mehr. Dann wird er auch für die Heizung benötigt. Ganzjährig liefert er Dampf für die Dämpfgrube, in der die Holzstämme vor dem Messern geschmeidig werden, und für den Trockner, um das fertig gemesserte Furnier, das zunächst feucht und warm ist, zu trocknen.
    Dieser Kessel war es, bei dem vor einigen Tagen Explosionsgefahr herrschte. Rechts oben die Wasserstandsanzeigen. Foto: Karlheinz Haase

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!