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    Lohr

    In alten Häusern Geschichte erleben

    Ohne Dokumentation geht nichts in der Denkmalpflege, sagt Birgit Zoepf. Foto: Monika Büdel

    Birgit Zoepf wohnt mit ihrem Mann Elmar in einem denkmalgeschützten Haus in der Lohrer Fußgängerzone. Das Gebäude stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1583. Diese Zahl ist jedenfalls in einen Stein gemeißelt, der am Haus angebracht ist. Elmar Zoepfs Großvater hatte das Haus 1936 von der Konditorei Lurz gekauft. Auch der Name der Gasse, die von der Hauptstraße am Haus abzweigt, weist auf die Konditorei hin.

    Wer sich für ein altes Haus interessiert, der sollte vom Verkäufer ein Gutachten über den Zustand des Gebäudes verlangen, empfiehlt Zoepf. Sich allein darauf zu verlassen, sei allerdings keine gute Idee. Sie rät, einen Architekten hinzuzuziehen, idealerweise einen, der sich mit alten Gemäuern auskennt.

    Grundsätzlich gibt es laut Birgit Zoepf den Ensembleschutz, bei dem es um das Erhalten der Hülle des Hauses und gegebenenfalls die Ansammlung geschichtsträchtiger Gebäude geht. Was genau zu beachten ist, stehe in den Leitlinien der Städte und Gemeinden. Meist dürften die Fensteraufteilung nicht verändert und keine Kunststofffenster eingebaut werden. »Ein Einzeldenkmal ist auch innen geschützt, kann aber gleichzeitig unter Ensembleschutz fallen. Die Denkmalbehörden reden nur mit, wenn ich etwas verändern will: die Raumaufteilung, den Putz oder Tapeten, Bäder und Toiletten einbauen«, sagt Zoepf.

    »Die Generationen, die in den Häusern gelebt haben, haben alle ihre Spuren hinterlassen. Das meiste ist nicht mehr im Originalzustand, wenn man ein solches Haus übernimmt«, erläutert die Restauratorin. Sie hat dank eines Unesco-Stipendiums im Anschluss an die Meisterschule 1985 die Auszeichnung »Handwerker in der Denkmalpflege« erhalten. Der Reiz alter Häuser liegt für Zoepf in diesen Geschichten der Gebäude. »Man bekommt Einblick in die Zeit und den Geschmack der Bauherren, die sich früher noch viel stärker verewigt haben.«

    Denkmalpflege heißt für Zoepf, moderne Technik zu integrieren, ohne das Alte zu zerstören. Dabei dürfe man nicht zu dogmatisch sein, sonst würden viele Häuser nicht restauriert. Wer ein Denkmal besitzt, sei nur verpflichtet, es zu erhalten, nicht aber dazu, es wieder herzurichten. Wenn die Hürden zu hoch seien, es in einen nach zeitgemäßen Vorstellungen bewohnbaren Zustand zu versetzen, verfalle es mit der Zeit dann doch, ist ihre Beobachtung. Wer ein altes Gebäude saniert und restauriert, sollte dies nach seinen Bedürfnissen tun können, aber dabei die Historie erhalten.

    Den Charakter erhalten

    Privatleute, die sich für eine Restaurierung statt eines Neubaus entscheiden, hätten meistens von sich aus Interesse, den Charakter des betagten Hauses zu erhalten. Das seien Liebhaber, Menschen, die kunstverständig, kulturell und geschichtlich interessiert sind, egal ob es sich um Besitzer eines Stadthauses oder eines Fachwerkhäuschens im Spessart handelt. »Denen muss man nicht jeden Stein vorschreiben.« Anders sei es mitunter bei Investoren, die größere Gebäude renovieren, um sie hinterher zu verkaufen oder zu vermieten. Für sie sei Denkmalschutz oft nur lästig. Egal ob kommerzielle oder private Objekte: Einem Spagat gleicht es, Vorschriften wie Brandschutz oder Wärmedämmung mit denkmalschützerischen Zielen in Einklang zu bringen. Laut Zoepf bricht der Denkmalschutz theoretisch alle anderen Vorgaben. In der Praxis werde jedoch niemand ein Sicherheitsrisiko eingehen.

    Wer ein altes Objekt saniert, braucht nach Zoepfs Erfahrung Geduld für die denkmalpflegerischen und architektonischen Untersuchungen, und Geld. »Meistens muss nachfinanziert werden«, sagt sie. Was alles anfällt an Restaurierungs- und Sanierungsbedarf, komme erst Schicht für Schicht ans Licht: ein fauler Balken, und schon könne die Statik ins Wanken geraten. »Schlüsselfertig bauen ist günstiger.«

    Die Charta von Venedig
    Die internationale Charta zur Konservierung und Restaurierung von Denkmälern und Ensembles von 1964 - kurz: Die Charta von Venedig – ist für die Restauratorin Birgit Zoepf das A und O ihrer Arbeit. Wie mit denkmalgeschützten Gebäuden umzugehen ist, zeigt unter anderem Artikel 11 (Auszug): »Die Beiträge aller Epochen zu einem Denkmal müssen respektiert werden: Stileinheit ist kein Restaurierungsziel.« Grundlegend für ihre Arbeit hält Birgit Zoepf Artikel 12 der Charta. dort heißt es unter anderem: »Die Elemente, welche fehlende Teile ersetzen sollen, müssen sich dem Ganzen harmonisch einfügen und vom Originalbestand unterscheidbar sein.« (MEMB)
    Die Haustüre der Zoepfs ist nicht das Original, wohl aber klassizistisch wie das Gebäude. Foto: Monika Büdel
    Schreinermeisterin Birgit Zoepf mit Türe und Fenster, die sie in ihrer Werkstatt restauriert. Foto: Monika Büdel
    Das Zoepf-Anwesen Hauptstraße/Konditorgasse steht unter Denkmalschutz. Foto: Monika Büdel

    Bearbeitet von Monika Büdel

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