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    LOHR

    Kampf um einen ungenutzten Service

    Stillleben: Kaum jemand nutzt mehr die Telefonzellen. Die Deutsche Telekom will deswegen öffentliche Fernsprecher abbauen.
    Stillleben: Kaum jemand nutzt mehr die Telefonzellen. Die Deutsche Telekom will deswegen öffentliche Fernsprecher abbauen. Foto: Ungemach

    Wann haben Sie zuletzt eine Telefonzelle benutzt? Sicher ist es ewig her. Weil es den meisten anderen Menschen nicht anders geht, stehen sie zunehmend unbeachtet herum, die Telefonzellen und -säulen. Die Deutsche Telekom plant daher bundesweit im großen Stil einen Abbau der öffentlichen Telefone. Auch in Lohr.

    Lohrer Stadträte sehen es jedoch offenbar als ihre Aufgabe an, vehement für den Erhalt der Einrichtungen zu kämpfen, die kaum mehr genutzt werden. Das wurde am Dienstag in der Sitzung des Hauptverwaltungsausschusses deutlich. Dort berichtete Hauptamtsleiter Dieter Daus von der Bitte der Telekom, dass die Stadt doch dem Abbau der Telefone zustimmen möge.

    Aufgrund der Vollversorgung mit privaten Telefonanschlüssen und der weitverbreiteten Mobiltelefone sei die Nutzung der öffentlichen Fernsprecher drastisch zurückgegangen und deren Betrieb „extrem unwirtschaftlich“, begründet die Telekom ihr Ansinnen. In Lohr würde das Unternehmen von den 17 öffentlichen Telefonen zwölf abbauen. Dazu zählen neben den drei Telefonzellen an der Mainlände, an der Igantius-Taschner-Straße und an der Neubrunnenstraße in Sendelbach auch die Telefonsäulen in der Weisenau sowie in allen Stadtteilen. Der Umsatz dieser Apparate bewegt sich laut Telekom im unteren einstelligen Eurobereich – pro Jahr. Die Mehrzahl der Apparate, das wurde in der Sitzung auch deutlich, wird pro Jahr höchstens von einer Handvoll Menschen genutzt, wenn überhaupt.

    Dennoch sahen etliche Stadträte am Dienstag keinen Grund, dem Abbauwunsch der Telekom zuzustimmen. Ernst Herr (CSU) sprach beispielsweise davon, dass die Stadt mit der Telekom „knallhart verhandeln“ und sich einen „freiwilligen Verzicht“ auf die öffentlichen Telefone „genau überlegen“ müsse. Christine Kohnle-Weis (SPD) forderte, dass zumindest jeder Stadtteil seinen Fernsprecher behalten müsse. Richard Eyrich (SPD) fürchtete, dass ein fehlendes öffentliches Telefon bei einem Notfall „eine bitterböse Geschichte werden könnte“.

    Dem widersprach Hauptamtsleiter Daus. Von den Rettungsleitstellen habe die Telekom erfahren, dass seit Jahren so gut wie keine Notrufe mehr über öffentliche Telefone abgesetzt werden, stattdessen fast nur noch über Handy oder Festnetz. Ob die Stadt sich überhaupt gegen den Abbau der Apparate wehren kann, sei überdies fraglich. Zwar gebe es durch das Telekommunikationsgesetz für die Telekom einen Versorgungsauftrag. Was eine flächendeckende Versorgung ist, wird jedoch nirgendwo genau definiert. Stattdessen gibt es eine Selbstverpflichtung der Telekom, öffentliche Telefonstellen nur im Konsens mit den jeweiligen Kommunen abzubauen. Daus vertrat die Ansicht, dass die Stadt den Abbau kaum verhindern könne. Und Bürgermeister Ernst Prüße erklärte, dass der geplante Abbau wirtschaftlich nachvollziehbar sei.

    Etliche Stadträte machten jedoch deutlich, dass zumindest der Apparat an der Mainlände erhalten bleiben soll, eventuell auch in der Form, dass Touristen von dort per Knopfdruck direkten Kontakt zur Touristinfo bekommen. Die Stadt soll nun dem Abbauwunsch der Telekom erst einmal nicht stattgeben, um zu sehen, was danach passiert.

    Keinerlei Zustimmung gab es für das Angebot der Telekom, bestehende Telefonsäulen auf Kosten der Stadt so aufzurüsten, dass dort beispielsweise Busfahrpläne angezeigt werden. Die Umrüstung würde die Stadt pro Apparat einmalig 9500 Euro und danach eine jährliche Gebühr von 600 Euro kosten. Stadträtin Bärbel Imhof (Grüne) sprach angesichts dessen von einem „beschämenden Ansinnen der Telekom“.

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