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    KARLSTADT

    Kandidatenparade auf dem heißen Stuhl

    Noch vier Wochen bis zur Landtagswahl. Zum Beginn der heißen Phase lud der DGB die Main-Spessart-Kandidaten der zurzeit im Landtag vertretenen Parteien ins Alte Karlstadter Rathaus. Jeweils 30 Minuten lang begaben sich – nach ausgeloster Reihenfolge – Anna Stolz (Freie Wähler), Sven Gottschalk (SPD), Thorsten Schwab (CSU) und Gregor Münch (Grüne) auf den „heißen Stuhl“.

    Jeweils 15 Minuten lang wurden sie dort von den Moderatoren Frank Firsching (DGB-Regionsgeschäftsführer) und Martin Schwarzkopf (Main-Echo-Chefredakteur) befragt, weitere 15 Minuten stellten sie sich dem Publikum. Rund 90 Besucher waren gekommen, darunter Stadträte, Bürgermeister, Alt-Landräte und DGBler. Inhaltlich ging's auf Wunsch des Veranstalters häufig um Arbeitnehmerthemen wie Tariftreue, berufliche Fortbildung oder Rente.

    Stolz für individuellen Nahverkehr

    Arnsteins Bürgermeisterin Anna Stolz betonte, dass sie sich für gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern einsetzen will. In den Städten steigen die Mieten, trotzdem veröden ländliche Regionen – „wir brauchen Infrastruktur und Arbeitsplätze auf dem Land“, folgerte Stolz. Sie wolle sich vor allem für individuelle Lösungen im Nahverkehr einsetzen: „Ruf-Taxi, Ruf-Bus und Car-Sharing sollten ausgebaut werden.“ Auch Güterbahnhöfe und stillgelegte Bahnstrecken sollten wieder für den Personenverkehr genutzt werden, antwortete sie auf die Frage eines Sinngrundbürgers.

    Im Bereich Pflege herrschen nach Ansicht von Stolz derzeit „unzumutbare Zustände“. Die Bezahlung der Pflegekräfte sei zu niedrig, weil bei freien Trägern oft keine Tarifbindung herrsche. Sie habe sich früher als Rechtsanwältin auch mit dem Arbeitsrecht befasst. „Da werde ich mich einmischen“, versprach Stolz.

    Zum geplanten Eichenzentrum im Spessart sagte sie, es sei „durchaus geeignet, sanften Tourismus zu fördern“, allerdings habe diese „sehr hohe Investition nur wenig mit Naturschutz zu tun“. Und: Das Geld könne man beispielsweise in Schulen sinnvoll verwenden.

    Eindruck: Die Pole Position war gut für Stolz. Sie präsentierte sich kompetent und setzte  einige Punkte (Stärkung des ländlichen Raums), bei denen die folgenden Kandidaten im Grunde nur zustimmen konnten.

    Gottschalk für Bildung

    Ihr folgte SPD-Kandidat Sven Gottschalk aus Lohr. Er wünschte sich eine bessere Behandlung der Lehrer. Beispielsweise sollten Lehrer an Grund-, Mittel-, Realschulen und Gymnasien gleich bezahlt werden, befristete Verträge für Lehrer lehne er ab. Er wolle Schulen im ländlichen Bereich erhalten und sich für kleine Klassenstärken einsetzen. Kostenlose Kindertagesstätten seien ein Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

    Die SPD wünsche sich den „Einstieg in den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr“, zunächst für Schüler, Azubis und Senioren. Dafür müsse der Freistaat Geld in die Hand nehmen. Auf die Frage, was er von der bayerischen Asylpolitik halte, wurde Gottschalk grundsätzlich: „Ich war als Soldat in Afghanistan. Ich weiß, was Menschen erleben, die flüchten.“ Die Asylpolitik der CSU sei „menschenverachtend“, „Sprache, Teilhabe und Familie“ seien die Schlüssel zur Integration. Eine schwarz-rote Koalition in München könne er sich nicht vorstellen.

    Eindruck: Gottschalk trat ruhig auf, ließ sich auch mal Zeit zum Nachdenken. Vernünftig und sympathisch, aber nicht gerade forsch.

    Schwab für Pflege

    Der Landtagsabgeordnete Thorsten Schwab (CSU) trat gelassen auf. Von Horst Seehofers Gebaren in den letzten Wochen ist er nicht begeistert, ließ er durchblicken. „In der Kirche ist man auch nicht immer einer Meinung mit dem Papst. Ich hätte mir gewünscht, er hätte auf die ein oder andere Aussage verzichtet.“

    Den DGB-Themen wandte er sich etwas zögerlich zu. Befristete Arbeitsverträge wollte er nicht grundsätzlich verteufeln, auch die Gemeinde Hafenlohr schließe zunächst immer einen auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag ab, bevor ein unbefristeter folge. „Ob man den richtigen Bewerber ausgewählt hat, merkt man erst bei der Arbeit, nicht im Vorstellungsgespräch“, rechtfertigte er dies. Zur beruflichen Weiterbildung sagte er: „Das sollte doch im Interesse der Betriebe sein. Man kann sicher Anreize schaffen, aber gesetzlich vorschreiben will ich das nicht.“ Pflegeberufe müssten vernünftig bezahlt sein, schon in der Ausbildung, stimmte Schwab seinen Vorrednern zu. „Das ist doch rein aus gesellschaftlicher Sicht wünschenswert“, so Schwab.

    Eindruck: Schwab war sehr gelassen. Distanzierte sich von einigen CSU-Aktivitäten mit einem halben Schritt. So wirkte er weder wie ein Lemming noch wie ein Rebell - nicht ungeschickt. 

    Münch für Wohnraum

    Zum Abschluss kam Grünen-Kandidat Gregor Münch auf den heißen Stuhl. Mit einer möglichen schwarz-grünen Koalition konfrontiert, sagte er: „Es geht doch jetzt nicht um Koalitionen, es geht darum, was wir erreichen wollen.“ Auch er sprach sich für Verbesserungen im ÖPNV aus, für ausreichend Kita-Plätze und bessere Bezahlung der dortigen Arbeitsplätze. Außerdem sei bezahlbarer Wohnraum ein großes Thema. „Wir wollen 50 000 Sozialwohnungen schaffen. Das ist auch durchgerechnet“, so Münch. „Wir brauchen eine schrittweise Umstellung von Mobilität, Industrie und Energieverbrauch in unserer Gesellschaft“, zitierte er das Wahlprogramm. Bei der Umstellung auf Elektroautos gingen in der Summe keine Arbeitsplätze verloren, so Münch. „Durch die Schaffung der Infrastruktur und neue Plätze im ÖPNV“ werde das aufgefangen. Ähnlich habe es sich auch beim Wandel zu erneuerbaren Energien abgespielt. In öffentlichen Kantinen und Mensen wünsche er sich, dass ein möglichst hoher Anteil an Bio-Produkten verwendet werde.

    Eindruck: Der jüngste Kandidat war spürbar aufgeregt, teilweise übereifrig. Ließ sich in der Sache aber nicht beirren.

    ÖPNV im ländlichen Raum, bessere Bezahlung für Pflegeberufe – bei diesen Themen waren sich die Kandidaten weitgehend einig. Mal sehen, was davon nach den Wahlen umgesetzt wird.

     

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