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    MARKTHEIDENFELD

    Kaufhaus ade: Ende einer Ära im Landkreis Main-Spessart

    Kaufhaus ade: Ende einer Ära im Landkreis Main-Spessart
    Das Kaufhaus von Udo Lermann an der Luitpoldstraße in Marktheidenfeld hat geschlossen. Elektrofachmarkt und Fahrradwelt sind nun im ehemaligen Baumarkt. Foto: Joachim Spies

    Die Türen sind seit Tagen zu. Zwei Reiter im Eingang verweisen auf die Fahrradwelt und den Elektronikfachmarkt im ehemaligen Baumarkt hinten im Hof. Hinter den Scheiben, an denen noch die roten Plakate mit den Rabatt-Ansagen kleben, sind nur noch ein paar vereinzelte, demontierte Regale zu sehen. Der Lermann ist leer an der Marktheidenfelder Luitpoldstraße. Mit dem renommierten Kaufhaus schließt das letzte und zugleich größte seiner Art im Landkreis Main-Spessart.

    Ein Satz, wie er auf der aktuellen Lermann-Homepage noch zu lesen ist, erinnert an alte Zeiten: „Die größte Bekanntheit haben wir sicher durch unser Einkaufszentrum im Herzen von Marktheidenfeld erlangt, welches auf rund 8000 Quadratmetern die meisten Kundenwünsche erfüllt.“ Er ist spätestens seit der Räumung der oberen Stockwerke 2018 überholt.

    Natürlich lebt Lermann weiter, durch seine Elektronikfachmärkte in Marktheidenfeld, Elsenfeld, Kitzingen, Lohr und Wertheim, durch die Fahrradwelten in Marktheidenfeld, Elsenfeld und Kitzingen und vor allem auch durch die boomende Udo Lermann Technik GmbH am Dillberg. Aber für die Menschen in der Region war das Kaufhaus das Gesicht, steht der Name „Lermann“ vor allem für das Stadtbild prägende Einkaufszentrum.

    Das Leben der Menschen begleitet

    Ihre Zeit, zumindest auf dem Land, scheint vorbei: Nach dem Mainkaufhaus in Lohr(2002), Fella in Arnstein(2002), dem Main-Spessart-Kaufhaus Michelbach in Gemünden (2010), dem Turmkaufhaus in Karlstadt(2017) und Welzenbach in Rieneck (zum April 2019) hat nun auch das Einkaufszentrum Lermann in Marktheidenfeld als solches seine Türen zugezogen, konzentriert sich das Unternehmen auf den Elektrofachmarkt und die Fahrradwelt in einem anderen Gebäude auf dem Lermann-Areal. Wie sehr dieses Kaufhaus das Leben vieler Menschen über Jahrzehnte begleitete,das zeigt das persönliche Beispiel, eines, wie es viele andere auch geben könnten.

    Kaufhaus ade: Ende einer Ära im Landkreis Main-Spessart
    Die Eröffnung des Technischen Einkaufszentrums Udo Lermann im „Lampensaal“ des Neubaus – in der Bildmitte sitzend der Namensgeber – wurde musikalisch vom Kammerorchester Marktheidenfeld begleitet. Foto: Robert Geis

    Das Geschirr: Lermann, die Sportschuhe: Lermann, der Schaukelstuhl: Lermann, die Tischtennisplatte: Lermann, das Wohn- und Esszimmer der Eltern: Lermann, die Kisten voller Lego und Playmobil der Kinder: Lermann, die Deckenlampen: Lermann und so weiter und so fort. Vorbei die Zeiten, als man sich „beim Lermann“ verabredete, man Ratsuchenden entsprechende Einkaufstipps gab, vorbei die Momente, als man mit anderen vor dem Schaufenster stand und sich informierte, wessen Trauung demnächst ansteht, um dann im Bedarfsfall den Hochzeitstisch zu studieren.

    Eröffnungsfeier am 4. Oktober 1971

    Eröffnet hatte das „Technische Einkaufszentrum“ in Marktheidenfeld am 4. Oktober 1971. Topaktuell war das damals praktizierte Shop-in-Shop-System, das jede Abteilung wie ein gesondertes Fachgeschäft präsentierte. Im Untergeschoss gab es Handwerkerbedarf, eine Ofenausstellung, Fahrräder, Mofas, Mopeds und Kfz-Zubehör. Im Erdgeschoss fand der Kunde Haushaltswaren und Geschenkartikel, im ersten Obergeschoss Möbel, Elektrogeräte, Lampen, ein Studio mit 55 Fernsehern und ein eigenes „Stereostudio“ mit Phonogeräten und Lautsprechern. Darüber hatte die Sanitärausstellung ihre Heimat gefunden, gab es das Küchenstudio und Haushaltsgroßgeräte von Waschmaschinen bis Kühlschränken.

    Kaufhaus ade: Ende einer Ära im Landkreis Main-Spessart
    Rund 300 Gäste und Mitarbeiter wohnten der Eröffnung am 4. Oktober 1971 bei. Foto: Helmut Viering

    Kein Wunder also, dass Senator Philipp Schrepfer von der Handwerkskammer Unterfranken bei der Eröffnungsfeier vor 300 Ehrengästen und Mitarbeitern ins Schwärmen geriet: „Das neue Geschäftshaus der Firma Udo Lermann stellt eine Visitenkarte unserer Zeit und darüber hinaus der Zeiten, die noch kommen werden, dar.“ Dass in jenen Tagen vor dem Computerzeitalter noch die Vorstellungskraft für die rasante Entwicklung unserer Zeit fehlte, zeigte Schrepfers Bemerkung, Udo Lermann habe bereits eine Zukunft aufgebaut, die trotz des derzeitigen schnellen Wandels in Wirtschaft und Handel „für die nächsten Generationen in einer entwicklungsfreudigen Stadt ausreicht“.

    Zukunft des Gebäudes ist noch ungeklärt

    Geplant hatte die in zweieinhalb Jahren in zwei Bauabschnitten errichteten Gebäude zwischen Luitpoldstraße und Echterstraße der Marktheidenfelder Architekt Heinz Herrmann. In der Feierstunde dankte Lermann ihm sowie den vielen am Bau Mitwirkenden, besonders aber Diplom-Ingenieur und Juniorpartner Helmut Viering, der wesentlich zum Gelingen des Projektes beigetragen hatte. Viering, heute Seniorchef des Unternehmens, der in den vergangenen Jahrzehnten die Weichen gestellt hat, kommt auch heute noch eine wesentliche Rolle zu, wenn es um die Zukunft der Firma geht. Wohin die Reise beim Kaufhausgebäude geht, scheint aber noch ungeklärt.

    Lermann und das Einkaufszentrum

    Die Geschichte der Firma Lermann begann 1912 mit der Gründung einer Bau- und Kunstschlosserei am Marktheidenfelder Marktplatz. 1955 folgte die Gründung der Mainland Elektro Sanitär und Eisenwaren Großhandels GmbH. Das Technische Einkaufszentrum an der Luitpoldstraße, das am 4. Oktober 1971 eröffnete, bedeutete einen Quantensprung im Sortiment und Angebot für die Kunden.

    In den folgenden Jahren folgten die Eröffnungen neuer Geschäftsstellen, von denen aber nicht alle Bestand bis heute haben und die unterschiedlich ausgerichtet waren: Elsenfeld (1978), Karlstadt (1981), das Möbelhaus am Nordring in Marktheidenfeld (1982), Würzburg (1984), der Baumarkt „Bauklotz“ in Marktheidenfeld (1987), Suhl (1990), Kitzingen (1995), Wertheim (1996) und Lohr (1999). Das Kaufhaus an der Luitpoldstraße erfuhr im Laufe der Jahrzehnte manchen Wandel im Sortiment und bei der Schwerpunktsetzung. Sogar ein Café gab es einige Jahre in der Küchen-Abteilung. 2018 wurden die beiden oberen Stockwerke geräumt. Nachdem zunächst die Fahrradwelt im ehemaligen „Bauklotz“ ihre neue Heimat gefunden hatte, folgte am 23. Februar 2019 der Elektronikfachmarkt.

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