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    GEMÜNDEN

    Kindheit kurz vor Kriegsende im Sinngrund

    Seit 1957 begeht der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) den 1. September als Antikriegstag. Der Kreisverband Main-Spessart lud heuer aus diesem Anlass nach Rieneck ein, zu Kranzniederlegungen und Begegnungen mit Zeitzeugen.

    An der Gedenktafel am Kriegerdenkmal gedachte man vergangene Woche der Opfer zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus, heißt es in einer Pressemitteilung. Norbert Ball vom DGB begrüßte unter anderen die SPD-Bundestagsabgeordneten Bernd Rützel und Fritz Felgentreu, die Landtagsabgeordneten Kerstin Celina (Grüne) und Georg Rosenthal (SPD), die Landtagskandidaten Gregor Münch (Grüne) und Sven Gottschalk (SPD), den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Kreistag, Gerhard Kraft, den Rienecker Bürgermeister Wolfgang Küber und Christian Gutermuth, den Vorsitzenden des Ortsvereins Sinngrund.

    Norbert Ball erinnerte daran, dass der 1. September seit 1946 in Ostdeutschland als Weltfriedenstag begangenen wurde. Seit 1957 erinnert der Antikriegstag des DGB an diesem Termin an das Grauen und Leid der beiden Weltkriege. Rudolf Dill aus Obersinn vom Leo-Weismantel-Arbeitskreis trug eine Passage aus „Tote klagen über eine Stadt“ vor, geschrieben kurz nach der Bombardierung Würzburgs. Wolfgang Tröster zitierte aus Kurt Tucholskys Werk „Der Graben“.

    Fahrt zum Gedenkstein

    Gemeinsam fuhr man zum Gedenkstein für die fünf kurz vor Kriegsende, am Gründonnerstag 1945, erschossenen sowjetischen Kriegsgefangenen. Wolfgang Küber berichtete von der Tat und wie es zur Aufstellung des Gedenksteines kam. Alle Anwesenden waren sich einig in der Auffassung, dass sich solche Grausamkeiten nicht wiederholen dürfe. Wolfgang Küber und Wolfgang Tröster trugen kurze Erzählungen und Gedichte vor.

    Im Gasthaus „Zum Löwen“ schilderten Elfriede Meyer und Hildegard Krämer aus Mittelsinn Kindheitserinnerungen mit jüdischen Mitbürgern. Krämer hat viele Erlebnisse im Buch „Mittelsinn im Sinngrund“ mit Daten und Fakten der jüdischen Mitbürger dokumentiert. Es gab rund 30 Häuser in Mittelsinn, bewohnt von ungefähr 150 jüdischen Mitbürgern, vier jüdische Geschäfte und eine Synagoge.

    Erinnerungen an den Krieg

    Nach der Reichspogromnacht seien innerhalb weniger Tage die jüdischen Mitbürger verschwunden, die Synagoge war geplündert und teilweise zerstört worden. Elfriede Meyer suchte vergeblich nach ihren jüdischen Freundinnen. Sie berichtete, dass sie als Kind ein Manöver der Reichswehr am 2. September 1939 erlebt habe, mit Donnerschlag und Schüssen. Nach dem Manöver hätten alle gelacht und seien fröhlich gewesen. Für Elfriede Meyer sei Krieg in der Erinnerung daher erst einmal eine harmlose Erfahrung gewesen.

    In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges würde das dann ganz anders aussehen. Die vielen Feldpostbriefe mit Trauerrand habe die Zustellerin nicht mehr alleine zustellen können. Mitbürgerinnen sprachen deswegen mit den Angehörigen, ein schreckliches Erlebnis, berichtete Karl Greb aus Mittelsinn, der 1945 17 Jahre alt war, im Gespräch mit Norbert Ball. Der Bürgermeister von Mittelsinn habe die Hitlerjungen in den Wald geschickt, um an Stellen, an denen die Amerikaner vorbei kommen könnten, Bäume anzusägen und vor die Panzer zu werfen.

    Hubert Fassnacht aus Rieneck erzählte von den letzten Kriegstagen in Rieneck und Gemünden, wo Soldaten der Waffen-SS amerikanische Soldaten auf Panzern erschossen hätten. Als Reaktion darauf sei Gemünden beschossen worden. Als amerikanische Panzer in Rieneck eintrafen, seien Jugendliche gezwungen worden auf den Panzern den Weg nach Hammelburg zu zeigen. Fassnacht erinnerte sich, dass er von amerikanischen Soldaten eine Apfelsine geschenkt bekommen hatte. Seine Eltern hätten ihm jedoch verboten sie zu essen, aus Angst, sie könnte vergiftet sein.

    Bearbeitet von Michael Mahr

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