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    Lohr

    Kompromiss beendet Pflasterstreit in Lohr

    Der Lohrer Stadtrat hat entschieden: In der Lohrer Fischergasse soll im Zuge der Generalsanierung ein 1,5 Meter breiter Komfortweg aus Betonsteinen verlegt werden. Der Weg dorthin war steinig. Foto: Johannes Ungemach

    Die Kuh ist vom Eis, beziehungsweise vom holprigen Pflaster. Der Lohrer Stadtrat hat für die anstehende Generalsanierung der Fischergasse einen Kompromiss beschlossen, der den über Monate schwelenden Streit mit den Anwohnern beenden dürfte: Der mit Betonsteinen gestaltete Komfortweg wird nun nicht, wie ursprünglich beschlossen, 3,5 Meter, sondern lediglich 1,5 Meter breit. Das beschloss der Stadtrat am Mittwochabend nach zweieinhalbstündiger Diskussion mit 13 zu acht Stimmen.

    Somit bleibt deutlich mehr vom historischen Pflaster erhalten, was der Wunsch der Anwohner war. Um Empfehlungen zur Barrierefreiheit Rechnung zu tragen, wird es im Komfortweg etwa alle 20 Meter eine Aufweitung auf 1,8 Meter geben. So soll ein holperfreier Begegnungsverkehr von Rollstuhlfahrern oder Kinderwagen ermöglicht werden.

    Über 100 000 Euro mehr?

    Der nun gefundene Kompromiss könnte über 100 000 Euro teurer als die ursprüngliche Planung werden. Es müssen wohl mehrere Hundert Quadratmeter des historischen Pflasters zugekauft werden. Die Planer des Ingenieurbüros Balling gehen noch immer davon aus, dass bei Aus- und Wiedereinbau 20 bis 30 Prozent des alten Pflasters zu Bruch gehen könnten.

    Die Entscheidung hat eine lange Vorgeschichte. Ursprünglich hatte der Stadtrat beschlossen, das holprige historische Pflaster in der Fischergasse komplett durch neues Betonpflaster zu ersetzen. Die Anwohner protestierten dagegen. Deswegen wurde umgeplant. Der Stadtrat beschloss einen 3,5 Meter breiten Komfortweg, links und rechts davon sollte das alte Pflaster erhalten bleiben.

    Der Entscheidung lag jedoch eine Fehlinformation durch die Verwaltung zugrunde. Diese hatte den Eindruck erweckt, die Anwohner seien mit der Umplanung einverstanden. Doch die waren entsetzt über die Breite des Komfortwegs, fürchteten eine Rennbahn für Autofahrer. Es gab Ortstermine, Zwist und sogar einen Demonstrationszug. Die Stadt sicherte schließlich eine erneute Umplanung zu.

    Emotionaler Ausbruch

    In der Sitzung am Mittwoch wurde es zwischenzeitlich einmal mehr bei diesem Thema etwas emotionaler. Etliche Anwohner der Fischergasse saßen im Saal. Ihre zwei Sprecher erhielten Rederecht. Christoph Zschocke und Gottfried Walter nutzten dies zunächst, um zu untermauern, dass der barrierefreie Komfortweg so schmal wie möglich oder gar komplett gestrichen werden sollte. Er habe über Jahrzehnte in der Fischergasse noch nie einen Begegnungsverkehr von Rollstuhlfahrern erlebt, sagte Zschocke und sprach von einer "absurden" Vorstellung. Überall in der Stadt seien die Rollatorwege nur einen Meter breit – "und es funktioniert". Walter verwies auf seinen gehbehinderten Bruder. Dieser habe an beiden Beinen Prothesen getragen, das holprige Pflaster der Fischergasse jedoch nie als Problem gesehen.

    Zschocke kritisierte, dass die Stadträte dem Planungsbüro keine Vorgaben zur Gestaltung der Fischergasse gemacht, sondern sich einfach auf dessen Aussagen verlassen hätten. Er titulierte die Stadträte gar als "Stimmvieh". Das ließ Bürgermeister Mario Paul und Wolfgang Weis (Grüne) protestieren, woraufhin sich Zschocke entschuldigte.

    Als er seine Emotionalität damit begründete, dass die Stadt die Anwohner bei der Planung "mächtig ignoriert" habe, widersprach Paul erneut und erinnerte an Ortstermine und Umplanungen. Paul bekannte aber auch, dass die frühere Entscheidung "unter echt unglücklichen Umständen" zustande gekommen sei.

    Zurück zur Sachlickeit

    Nachdem die Atmosphäre zwischenzeitlich etwas galliger war, fand die Diskussion zurück zur Sachlichkeit. Einige Räte verwiesen darauf, dass man nicht nur die Wünsche der Anwohner, sondern auch die Kosten und eben die Barrierefreiheit im Blick haben müsse. Thomas Nischalke (SPD) erinnerte daran, dass die Lohrer Radinitiative die ursprüngliche Planung mit einem 3,5 Meter breiten Komfortweg klar begrüßt habe.

    Ernst Herr (CSU) indes schlug zwischenzeitlich einen nur 1,2 Meter breiten Komfortweg ohne Ausweichbuchten vor. Dieser Antrag jedoch wurde mit 13 zu acht Stimmen abgelehnt. Eine Mehrheit gab es hingegen für den 1,5 Meter breiten Komfortweg mit Ausweichbuchten, wobei der Komfortweg an den Rand der Fischergasse hin zum Kirchberg gerückt werden soll. Zschocke erklärte nach der Entscheidung des Stadtrats, dass die Anwohner mit dieser leben könnten.

    Zeitplan der Gassensanierung
    Die ehemals auf rund eine Million Euro veranschlagte Generalsanierung der Lohrer Fischergassesoll 2020 über die Bühne gehen. Laut Planer Stefan Hümpfner vom Büro Balling sollen die Arbeiten nach Ostern am unteren Ende der Gasse beginnen. Zuvor soll die Karfreitagsprozession noch den Weg durch die Gasse nehmen können. Bis Ende 2020 wolle man die Sanierung der Fischergasse abschließen, so Hümpfner.

    Im Zuge dieser Sanierung soll am oberen Eingang der Fischergasse der dort derzeit verlegte helle Pflasterbelag verschwinden. Vorgesehen ist stattdessen rotes, altes Sandsteinpflaster. Allerdings muss die Stadt auch hierfür Pflaster zukaufen, voraussichtlich rund 200 Quadratmeter. Ebenfalls beschlossen hat der Stadtrat, über den Steinmühlplatz keinen Rollatorweg zu bauen.

    Die Sanierung der parallel verlaufenden Muschelgasse hätte schon 2019 abgeschlossen sein sollen. Doch hier gab es größere Verzögerungen. Sie resultierten daraus, dass eine Vielzahl der alten Häuser entlang der engen Gasse mit Betonfundamenten unterfangen werden mussten, um im Zuge der Bauarbeiten Schäden an den Gebäuden zu vermeiden. Laut Hümpfner sind die Kanalarbeiten für etwa die Hälfte der Muschelgasse abgeschlossen. Die Arbeiten für die zweite Hälfte liefen an. Die Sanierung der Muschelgasse soll ebenfalls 2020 abgeschlossen werden.

    Die hierfür ursprünglich veranschlagten rund 500000 Euro werden aufgrund des hohen Aufwands für das Unterfangen der Häuser wohl bei weitem nicht reichen. Am Mittwoch war von Mehrkosten in Höhe von 200000 Euro die Rede. In der deutlich breiteren Fischergasse sei wohl eher nicht mit einem vergleichbaren Aufwand zu rechnen, hoffte Hümpfner.

    Bearbeitet von Johannes Ungemach

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