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    Kreuzwertheim

    Kreuzwertheimer Streuobstgebiet: Ein Paradies vor der Haustür

    Der seltene Wendehals kommt noch im Streuobstgebiet nördlich des Kreuzwertheimer Altortes vor. Foto: Hartwig Brönner

    „Ehrlichsgärten“ lautet die Bezeichnung für das 45 Hektar große Streuobstgebiet direkt nördlich des Kreuzwertheimer Altortes. Einst haben Kreuzwertheimer Bürger und der Bund Naturschutz hier erfolgreich gegen eine Überbauung gekämpft, teilt der Naturpark Spessart mit. Heute zählt das Gebiet zum europäischen Fauna-Flora-Habitat-Gebiet „Maintalhänge zwischen Bürgstadt und Wertheim“. Und der Wert dieser Streuobstwiesen wird zunehmend erkannt.

    Die Marktgemeinde, viele betroffene Eigentümer und Flächennutzer beteiligen sich bereits aktiv an Maßnahmen zum Erhalt dieses „Paradieses vor der Haustüre“. Ein echtes Vorzeigebeispiel angesichts der aktuellen Fragestellungen um den Rückgang der Biodiversität.

    Aktuelle Kartierungen

    Zu dieser Wertschätzung tragen auch aktuelle Untersuchungen des Vereins Naturpark Spessart bei, mit denen der Vogelkundler Hartwig Brönner und der Käferspezialisten Dr. Jürgen Schmidl beauftragt wurden. Mehr als 50 seltene und gefährdetet Vogel- und Käferarten haben die beiden Experten im Gebiet nachgewiesen. Alle sind eng an den Lebensraum Streuobstwiese gebunden. „Wertvoller geht es nicht“, fasst Christian Salomon, Biodiversitätsbeauftragter an der Regierung von Unterfranken, die Ergebnisse zusammen. „Magere Wiesen, alte Bäume, großer Strukturreichtum und sanfte Nutzung“, benennt er das Rezept für diese Vielfalt.

    Auch der Hirschkäfer kommt noch in den „Ehrlichsgärten“ nördlich des Kreuzwertheimer Altortes vor. Foto: Christian Salomon

    106 holzbewohnende Käferarten

    Alleine 106 holzbewohnende Käferarten wurden mit Hilfe verschiedener Fallen aktuell nachgewiesen. Diese Artengruppe gilt als besonders guter Indikator für die gesamten Lebensgemeinschaften, denn sie reagiert sehr sensibel auf negative Veränderungen. So sind auch 43 der gefundenen Käferarten in Bayern als „gefährdet“ bis „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Der bekannteste unter den aktuellen Käferfunden ist sicher der Hirschkäfer. Am spektakulärsten sind jedoch die Nachweise von gleich drei Urwaldreliktarten – extrem seltene Arten, die so anspruchsvoll sind, dass sie in bewirtschafteten Wälder fast oder ganz ausgestorben sind.

    Fünf Spechtarten

    Auch für die Vogelwelt sind die Ehrlichsgärten von herausragender Bedeutung. In der aktuellen Brutsaison wurden hier 57 Arten erfasst. 26 Arten brüteten direkt im Gebiet. Bemerkenswert sind hier insbesondere Klappergrasmücke, Gartenrotschwanz, Trauerschnäpper und Wendehals – eine von fünf Spechtarten im Gebiet. Weitere 31 Vogelarten suchten das insektenreiche Streuobstgebiet zur Nahrungssuche auf.

    Fast 100 Apfelsorten

    Die Regierung von Unterfranken hat parallel zu den Naturpark-Gutachten den Streuobstbestand an sich untersuchen lassen. Steffen Kahl von der Schlaraffenburger Streuobstagentur hat sich in den letzten beiden Jahren mit den gut 2700 Obstbäumen befasst. 93 Apfelsorten und 16 Birnensorten konnte er im Gebiet bereits bestimmen, darunter einige seltene Lokalsorten.

    Doch seine Untersuchungen machen auch greifbar, was die Gutachter Brönner und Schmidl befürchten. Ohne gezielte Maßnahmen könnte der wertvolle Obstbaumbestand in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein – und mit ihm die große Tiervielfalt. Denn der Bestand ist stark überaltert. Nachpflanzungen sind selten und der weitgehend schlechte Pflegezustand der Bäume vermindert deren Lebensdauer erheblich. Nur etwa zehn Prozent der Bäume werden derzeit als vital eingestuft.

    Einen Obstbaumschnittkurs führte Krischan Cords, Geschäftsführer der MainStreuobstBienen-Genossenschaft, in dem Streuobstgebiet durch. Foto: Christian Salomon

    Pflegeschnitte und Nachpflanzung

    „Wir haben jetzt eine hervorragende Datengrundlage und klaren Handlungsbedarf“, sagt Christian Salomon, der die aktuellen Naturschutz-Maßnahmen im Gebiet koordiniert. Außerdem gäbe es in Kreuzwertheim eine außergewöhnlich starke Allianz an Naturschutzpartnern und ein großes Interesse der Bevölkerung. Die Regierung von Unterfranken und der Naturpark Spessart fördern deshalb gerne die erforderlichen Bausteine: Ein von der Regierung am vergangenen Samstag angebotener Obstbaum-Schnittkurs wurde von über 30 hoch motivierten Privatleuten besucht. Krischan Cords, Geschäftsführer der MainStreuobstBienen eG, erläuterte mit praktischen Übungen die wichtigsten Grundlagen der Erziehungsschnitte und der Altbaumsanierung.

    Gartenrotschwanz. Foto: Hartwig Brönner

    Julian Bruhn vom Naturpark Spessart bereitet derweil ein weiteres Förderprojekt vor: die Nachpflanzung von 100 Obstbäumen und Baumschutzgitter auf den Weideflächen. Rund 20 Privateigentümer möchten die geplante Maßnahme auf ihren Grundstücken unterstützen und sollen hochwertige Obstbäume alter Robustsorten zum „Sondersparpreis“ erhalten. Der Baumbestand soll so langfrsitig gesichert werden.

    Streuobstbestimmung durch Steffen Kahl. Foto: Christian Salomon

    Bearbeitet von Peter Kallenbach

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