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    Marktheidenfeld

    Kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer

    Auch Info-Stände wie diesen zum Thema "Gemeinsam gegen Extremismus" gab es bei der Fachtagung über Integration für die Lehrkräfte aus Unterfranken in der Marktheidenfelder Mittelschule.
    Foto: Roland Schönmüller

    Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine fremde Stadt: ein belebter Bahnhof, Menschengewirr, ein kniffliger Stadtplan, man braucht Hilfe. Gut, wenn man die gleiche Sprache spricht. Aber im Ausland, beispielsweise in Afrika, muss vielleicht schon Mimik und Gestik helfen, um zum Ziel zu kommen. Perspektivwechsel: Menschen unbekannter Herkunft bitten in der Fußgängerzone ohne Deutschkenntnisse um Ihre Hilfe. Da gibt man als Ortskundiger gerne Auskunft – was aber, wenn es sich zeitaufwendig gestaltet oder gar Geld benötigt wird?

    Szenenwechsel: Auf dem Afrika-Festival in Würzburg lädt Sie ein afrikanischer Trommler in seine Gruppe zum Mitspielen ein. Gerne machen Sie mit beim Klatschen, Trommeln und Singen. Oder
    Public Viewing, Viertelfinale Deutschland–Italien vor einigen Jahren: Jerome Boateng versenkt den Elfmeter und die Deutschen sind weiter. Beim Jubeln liegen sich alle in den Armen. Keiner denkt mehr an die Diskussion über Spielern mit Migrations-Hintergrund.

    Einige Beispiele von der Lehrerfortbildung und Fachtagung zum Thema Bildung und Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in Marktheidenfeld. Die Leitende Regierungsschuldirektorin Maria Walter konnte dazu in der Mittelschule rund 400 Teilnehmer aus ganz Unterfranken, vor allem Lehrkräfte aus den Grund-, Mittel- und Berufsschulen begrüßen. Das Impulsreferat hielt Dr. Tabea Kretschmann zum Thema „Demokratische Grundwertebildung im Unterricht". Verschiedene Workshops schlossen sich an.

    Agression und Arbeitsverweigerung

    Integration startet früh: im Kindergarten, in der Schule und in der Ausbildung – je früher, um so erfolgreicher – bestätigen die Fachleute.  Doch die pädagogischen Kräfte, vor allem im Fach Deutsch als Zweitsprache (DaZ), haben es nicht leicht mit ihren neuen ausländischen Schülern.  Es sei manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen, eine Sisyphus-Arbeit, erzählt eine Lehrerin aus einer Grundschule, die Flüchtlingskinder zwischen sieben und neun Jahren betreut. Sie berichtet von Konzentrationsstörungen, Aggressionen und Arbeitsverweigerungen.

    Ein Mittelschullehrer sieht ähnliche Verhaltensmuster bei seinen 14- bis 16-Jährigen: Unausgeschlafenheit, fehlende Aufmerksamkeit und Ausdauer, Nörgeleien und Sticheleien, seelische Probleme, Traumata-Erfahrungen, vorschnelle Antworten, oberflächliches Arbeiten, Regel- und Disziplinverstöße aller Art. Die Fastenzeit (Ramadan) schwäche die Schüler zusätzlich, weil sie tagsüber nichts essen und trinken dürfen oder wollen. Gleichzeitig sehen sie in ihrem auffälligen Verhalten eine Art Erprobung individueller oder sozialer Grenzen.

    All dies müssen die DaZ-Lehrkräfte zeitaufwendig meistern. Ob eine Kurs-Stunde dann einigermaßen von Erfolg gekrönt ist, hänge – so ein Deutsch-Lehrer – von vielen Faktoren ab: zum Beispiel von der Tagesverfassung, der Interessenslage, dem Konzentrationsvermögen, dem Unterrichtsklima, der Abwechslung bei Methoden, Medien und in den Sozialformen.

    Flüchtlingskindern sind deutsche Schul-Rituale fremd

    Der Wechsel von Partner- und Gruppenarbeit, schülerorientierte Projekte sowie außerschulische Erkundungen tragen wesentlich zum Unterrichtserfolg auch bei den Flüchtlingskindern bei, bestätigt eine Förderlehrerin aus dem Landkreis Würzburg. Dinge wie der starre Stundenplan, der Sitzplatz in der Klasse, der Gong beim Stundenwechsel, die fixen Bus-Abfahrtszeiten - all das seien Rituale der hiesigen Sicherheit, die es im übertragenen Sinne in der Heimat der Flüchtlingskinder nicht gab, wo Krieg, Terror, Gewalt, Angst und Ungerechtigkeit und keine geordneten Verhältnisse herrschten, berichtet eine weitere Pädagogin.

    Zum Teil Tausende von Kilometern haben die Flüchtlinge hinter sich. Doch ihren Gesichtern sind die Entbehrungen der letzten Monate und Wochen fast nicht mehr anzumerken. Die geflüchteten Kinder und Jugendliche sitzen in Klassen- und Gruppenzimmern, verfolgen meist wunschgemäß aufmerksam den Unterricht, schreiben, rechnen, zeichnen, malen und melden sich eifrig.

    Lernfortschritte gibt es. Zum Beispiel die geglückte Alphabetisierung, die formschönen Schüler-Schriften, die freundlichen und höflichen Begrüßungen sowie interessierte Fragen an den Deutschlehrer: „Wie geht es Ihnen heute?“, „Haben Sie gestern Fußball geschaut?“ oder „Wann gehen wir mal wieder in den Computerraum?“

    In den Pausen sitzen die Neuen wie Aysha, Kalinka, Pete, Sadaf und Adelina in Grüppchen zusammen: Geschwister, Landsleute, junge, arabisch oder anders sprechende Flüchtlinge. Man unterhält sich, beobachtet die Pausen-Szenerie und pflichtgemäß geht es nach dem Gongzeichen zu den Klassenzimmern zurück. „Als Migrant lernst du schnell, dass du nur Erfolg hast, wenn du nicht störst, nicht auffällst und dich anpasst. Für die meisten Deutschen bin ich der perfekte Ausländer“, resümiert die einstige Asylantin Alexandra Rojkov in einem Essay (Süddeutsche Zeitung Magazin vom 1.7.2016).

    Was finden heranwachsende Flüchtlinge an Deutschland gut? Sie nennen Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit, Mülltrennung, gute Berufsaussichten, Schule, Lehrer, Sportmöglichkeiten oder Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie schwärmen für ihr Sehnsuchtsland Deutschland. Und sie wissen, was auf dem Weg in den Beruf wichtig ist: Deutsch lernen, gut mitarbeiten im Unterricht, fleißig sein, keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen und anderes mehr.

    Bildung öffnet Türen in die Gesellschaft

    Für Migranten – und Flüchtlingskinder sind Schule und Bildung das optimale Einstiegstor in die deutsche Gesellschaft, darin sind sich die Tagungsteilnehmer einig. Das Konzept „Integration durch Bildung“ ist der beste Weg, in Deutschland Fuß zu fassen und sich hier bald heimisch zu fühlen. Dennoch mangelnde Sprachkenntnisse, aggressives Verhalten und patriarchale elterliche Erziehungsstile stellen viele Pädagogen im Schulalltag immer wieder auf eine harte Probe.

    Megi Schmitt vom Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) in Aschaffenburg-Miltenberg zeigte auf, wie die Fortbildungszentren in den Abschlussklassen Hilfestellung und Perspektiven geben, damit der Start der jungen Leute ins Arbeitsleben gut gelingen kann. "Schulabgänger haben die Chance, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Blick auf eine mögliche Berufswahl zu überprüfen, sich im Spektrum geeigneter Berufe umzusehen und eine gute Berufswahlentscheidung zu treffen“.

    Asylbewerber, die nach Deutschland kommen, stehen nicht nur vor der Herausforderung, die deutsche Sprache erlernen zu müssen. Auch die Auseinandersetzung mit den Anforderungen des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes ist für eine erfolgreiche Integration von entscheidender Bedeutung. "Ausgangspunkt unserer Arbeit ist die individuelle Situation jedes Einzelnen, entsprechend vielfältig sind unsere Angebote!“

    Eine Fachtagung zum Thema Bildung und Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in Marktheidenfeld regte zu Diskussionen an. Das Impulsreferat hielt Dr. Tabea Kretschmann zum Thema „Demokratische Grundwertebildung im Unterricht. Foto: Roland Schönmüller

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