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    Lohr

    Kurz vor Kriegsende: Wie zwei Mädchen aus Lohr flüchteten

    Edith Diehl betrachtet im Garten ihres Hauses eines der wenigen Fotos aus dem Jahr 1946, das sie und alle ihre Geschwister zeigt.
    Edith Diehl betrachtet im Garten ihres Hauses eines der wenigen Fotos aus dem Jahr 1946, das sie und alle ihre Geschwister zeigt. Foto: Wolfgang Weismantel

    Auch Gymnasiallehrer Herrmann Kessler und seine Frau hatten sich entschieden, für ihre Familie einen Notfallplan umzusetzen, den sie schon lange vorbereitet hatten. Nach den nächtlichen Angriffen erklärten die Eltern den Kindern beim Frühstück, wenn ihre älteste Schwester Hilde von ihrem Arbeitsdiensteinsatz irgendwann wieder mal nach Hause zurückkomme, solle sie wenigstens einen Teil der Familie gesund und unversehrt antreffen. Offenbar nahmen die Eltern die Propagandadrohung ernst, dass alle um ihr Leben fürchten müssten, wenn die Amerikaner Lohr einnehmen würden.

    So jedenfalls erinnert sich die damals achtjährige Edith Diehl heute rückblickend an den Plan, dass sie mit ihren beiden Schwestern Gertrud (16) und Adele (15) noch am gleichen Tag die Stadt verlassen und sich in Sicherheit bringen sollte. Ihr Vater und ihre Mutter wollten mit zwei weiteren Geschwistern das Kriegsende in der Lohrer Siedlung abwarten.

    Bereits am Palmsonntag, dem 25. März, war die in der Ruppertshüttener Straße wohnende Familie schon einmal am späten Nachmittag Hals über Kopf von der Lohrer Siedlung in den Wald geflohen. Das Sackenbacher Eisenbahnviadukt war an diesem Tag aus der Luft angegriffen worden. Es wurde zwar nicht zerstört, aber etwa 30 Häuser brannten aus und es herrschte Panik.

    Zwei Nächte im Wald

    Wie viele andere Bürger schleppte die Familie Kessler Decken und Notkoffer in den Wald und übernachtete dort, weil sie weitere Luftangriffe fürchtete. Die nächste Nacht verbrachte sie in einem Hohlweg oberhalb des damaligen Maria-Theresia-Heimes der heutigen Franziskushöhe, denn der Vater hielt diesen Ort für sicherer. Am Tag darauf wagten sie sich wieder nach Hause.

    Diese furchtbare Erfahrung hatte die Eltern offenbar dazu gebracht, nach ihren Vorüberlegungen zu handeln, wenn sich die Lage weiter zuspitzt und das drohte jetzt mit jedem Tag. Am Gründonnerstag war es so weit, dass die drei Geschwister nach Urspringen aufbrechen sollten. Dort hatte der Vater der Mädchen mit der Familie Heyn aus dem Dorf vereinbart, dass im Notfall die Kinder bei ihnen unterkommen könnten.

    Für die Mutter am schwersten

    Nun gab es keinen Grund mehr zu zögern. Die Mädchen nahmen ihre Notfalltaschen, die seit Tagen fertig gepackt neben den Betten standen, und liefen mit ihrer Mutter hinunter zum Main. "Sie war die Einzige, die weinte", sagt Adele Hauck über diesen Moment, als sie sich dort mit Herzklopfen verabschiedeten und mit einem Kahn auf die andere Seite nach Sendelbach fuhren, weil die Mainbrücke schon gesprengt war.

    Danach ging es zu Fuß die Straße entlang hoch über den Buchenberg Richtung Steinfeld. "Es waren so viele Leute schweigend unterwegs, dass es wie eine Prozession wirkte", erinnert sich heute Adele Hauck noch an diesen beschwerlichen und wegen der Tiefflieger nicht ungefährlichen Weg. Einige Familien fuhren mit beladenen Pferdewagen und viele hatten einen kleinen Handwagen dabei. Die drei Schwestern durften ihre Taschen auf einen legen und mussten dafür schieben helfen. Auf der fränkischen Platte angekommen, verteilten sich die meisten anderen Flüchtenden auf verschiedene Orte.

    Das Ziel der drei Mädchen war ein Bauernhof in Urspringen, zu dem auch eine kleine Gastwirtschaft gehörte. Dort übergaben sie einen Brief ihres Vaters, wurden freundlich aufgenommen und kamen in einem Zimmer unter, in dem sie auf Strohsäcken schliefen. "Wir fühlten uns wohl und fanden es eigentlich spannend, hier zu sein", beschreibt Edith Diehl ihre Eindrücke von dem für sie ganz anderen Alltag bei der Gastfamilie.

    Freundliche US-Soldaten

    Als die Amerikaner wenige Tage später in Urspringen einrückten, wirkte das alles andere als bedrohlich auf die drei Lohrer Schwestern. Die US-Soldaten begrüßten die Dorfbewohner und sogar die achtjährige Edith konnte schon durch ihren Vater etwas Englisch, das sie jetzt ausprobierte, als die Soldaten den Kindern Schokolade und Kaugummis schenkten.

    Vom Kriegsgeschehen hatten die drei Schwestern hier nichts mitbekommen bis auf die Flieger, die regelmäßig in großer Höhe vorbeizogen und von den Erwachsenen mit sorgenvoller Miene beobachtet wurden. "Heimweh hatten wir nicht, wir waren ja zu dritt", erinnert sich Adele Hauck. Sie fühlten sich gut aufgehoben, es gab immer richtig was zu essen und die älteren Geschwister halfen auf dem Bauernhof.

    "Sicher machten sich meine älteren Schwestern viele Sorgen, aber sie sprachen nicht darüber. Jedenfalls nicht mit mir", beschreibt Edith Diehl die Zeit fern von zuhause. Nach 14 Tagen, in denen sie keinen Kontakt mit ihren Eltern hatten, wollten sie wieder zurück zur Familie.

    Der Weg zu Fuß zurück begann gleich mit einer großen Überraschung. Kaum hatten sie den Ort hinter sich gelassen, trafen auf sie ihren Vater, der ihnen entgegenkam und seine Töchter nach dem Ende der gefährlichen Zeit wieder nach Hause bringen wollte.

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    Bearbeitet von Wolfgang Weismantel

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