• aktualisiert:

    Langenprozelten

    Langenprozeltener Spessartgrotte: So lief die Premiere von "Die Niere"

    Womit hat der Anrufer Arnold (Steve Walter, links vorne) die anderen derart in Verwirrung gestürzt?
    Womit hat der Anrufer Arnold (Steve Walter, links vorne) die anderen derart in Verwirrung gestürzt? Foto: Simon Hörnig

    Nach 50 Minuten Spielzeit klingelt ein Handy. Doch die Störung kommt nicht etwa von einem unaufmerksamen Premierenbesucher aus dem Zuschauerraum, sondern direkt von der Bühne der Langenprozeltener Spessartgrotte. Während sich die drei übrigen Akteure nicht in ihrem Disput beirren lassen, beantwortet Pilates-Trainerin Kathrin (Iris Katzer) den Anruf – und erstarrt.

    Dass Helga Hartmanns Inszenierung von Stefan Vögels "Die Niere" es nicht wagt, das Ende des Stücks auf das darauffolgende famose Gruppenbild vorzuverlegen, mag als einziger Wermutstropfen eines ansonsten vollauf gelungenen Theaterabends durchgehen.

    Der Titel verweist dabei direkt auf den Casus knacksus, der in der Diagnose einer Niereninsuffizienz ab Szene eins die Handlung bestimmt. Davon betroffen ist Kathrin, die dies ihrem Mann Arnold (Steve Walter) in dem Moment offenbart, als er selbstverliebt und siegestrunken um ein Modell seines neusten Architekturprojekts, dem "Diamond Tower", tanzt. Als sie ihm dann auch noch nonchalant erklärt, dass ihre einzige Chance eine Lebendspende von einem ihr nahestehenden Angehörigen sei, ist Arnolds Feierstimmung passé. Größer als das nahezu mannshohe Wolkenkratzermodell steht nämlich plötzlich die unausgesprochene Frage im Raum, ob Arnold gewillt ist, Kathrin eine seiner Nieren zu schenken. Fünf Minuten benötigt der zaudernde Ehegatte um immer aufgeregter schwadronierend zwar "nicht nein", aber eben auch nicht "ja" zu sagen und seine Frau damit noch vor dem terminierten Besuch des befreundeten Ehepaars Diana (Andrea Feuchtenberger) und Götz (Mike Gerhard) davon zu überzeugen, dass sie seine Niere nicht einmal annähme, wenn er sie sich eigenhändig mit dem Taschenmesser aus dem Rücken schneide.

    "A, wieso?", erwidert Götz auf die Frage nach seiner Blutgruppe. Und mehr bedarf es nicht, um den Stein direkt vor der Pause erst so richtig ins Rollen zu bringen. Im Gegensatz zu Arnold kommt Götz‘ Angebot, Kathrin eine seiner Nieren zu spenden, abseits der Bühne nämlich offensichtlich wie aus der Pistole geschossen. Nun ist es also an Nadja, sich über die angebliche Verantwortungslosigkeit ihres altruistischen Partners zu echauffieren. Der Beginn eines munteren Vexierspiels, das, nach dem empfohlenen Ende in Minute 50, in sich zusammenstürzt und die dünnen Fassaden menschlicher Beziehungen mit sich reißt.

    Dass es sich bei der Beziehungstragödie dennoch um eine Komödie handelt, dafür sorgen Vögels bewusst überzeichnete Charaktere, skurrile Dialoge und Wortspiele sowie das spielfreudige Ensemble. Walter als mal manisch, mal depressiver Workaholic mit Gottkomplex, Katzer mit dem reduzierten Spiel der heimlichen Strippenzieherin, Feuchtenberger als skrupellose Apothekerin, die bereit ist, die Niere ihres Mannes für den guten Schein zu verschachern und Gerhard, der den Intellektuellen Götz als treudoofen Sympathieträger verkörperte, entlockten den 40 Premierengästen reichlich Szenengelächter und einen zufriedenen Schlussapplaus.

    Wer das Kammerspiel vor ausgesprochen gelungenem Bühnenbild erleben möchte, hat dafür bis Juli noch achtmal die Gelegenheit.

    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Main-Spessart-Newsletter!

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!