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    MARKTHEIDENFELD

    Leerstand, Lermann, Lichtspielhaus: Wie steht's um Marktheidenfeld?

    Wohin geht die Reise in Marktheidenfeld? Inge Albert (links), Abteilungsleiterin für Kultur, Tourismus und Stadtmarketing, und Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder im Gespräch mit der Main-Post. Foto: L. Lenzen

    „Marktheidenfeld, da ging's dir gut.....“ So umformuliert ist der Werbeslogan der Stadt immer wieder mal als kritischer Kommentar in den sozialen Netzwerken zu lesen. Wie viel ist dran an der Kritik? Und was tut sich in der Stadt? Im Interview stellen sich Bürgermeisterin und Marketing-Chefin den Fragen.

     

    FRAGE: Beim Bummeln durch die Stadt fallen viele Leerstände auf. Vor fünf Jahren hatte die CIMA Beratung + Management GmbH in Marktheidenfeld 127 Betriebe mit 44 000 Quadratmetern Verkaufsfläche gezählt. Wie sieht es heute aus?

    Inge Albert: Ich habe mal analog gezählt wie 2014 und bin auf 136 Händler im Stadtgebiet gekommen. Man kann also sagen, dass sich die Einzelhandelssituation gegenüber damals nicht zum Negativen verändert hat. Von der Verkaufsfläche her ist sogar einiges dazugekommen, rund 4000 Quadratmeter, wenn man nur an den Hagebaumarkt denkt. Auch leerstehende Verkaufsflächen sind in die Berechnung einbezogen.

    Nach der Lermann-Schließung lautete ein Facebook-Kommentar: „Wo ist das Stadtmarketing in Häde? Warum schauen alle nur zu, wie ein Geschäft nach dem anderen schließt?" Was kann die Stadt beitragen, wo sind ihre Grenzen?

    Helga Schmidt-Neder: Generell muss man sagen, dass im Einzelhandel ein stetiger Wandel ist und wir aktuell eine Umbruchsituation haben, da die Einkäufe im Internet erheblich zugenommen haben. Ja, es ist bedauerlich, dass Udo Lermann das Kaufhaus schließen musste,aber es war abzusehen. Kaufhäuser in dieser Größenordnung und mit diesem Sortiment verschwinden nicht nur in unserer Stadt. Der Einzelhandel, die Gastronomie und wir als Stadt stellen uns diesem Wandel. Mit unserem Online-Schaufenster Marktheidenfeld Live gehen wir den richtigen Weg.

    Albert: Natürlich sind durch die Schließung des Kaufhauses einige Sortimente weggebrochen. Wir sind dabei, aktiv auf verschiedene Branchen zuzugehen, um diese Lücken zu schließen. Aber da gibt es natürlich keine Lösungen von heute auf morgen.

    Mit Lermann ist ein wichtiger Magnetbetrieb weggefallen. Solche Anziehungspunkte braucht es aber in einer Stadt. Was versuchen Sie da?

    Albert: Da, wo die Stadt Einflussmöglichkeiten hat, ist sie tätig. Bestes Beispiel ist die Stadtbibliothek, die definitiv ein Magnet-Ort geworden istund zu ihrem einjährigen Bestehen die Marke von 60 000 Besuchern erreichen wird.

    Schmidt-Neder: Das war eine ganz bewusste Entscheidung, die Bibliothek in der Innenstadt zu bauen. Das magische Dreieck Volkshochschule – Franck-Haus – Stadtbibliothek bringt Menschen in die Stadt. Dazu kommen das Rathaus mit der Touristinfo und das Fränkische Haus mit dem neuen Familienstützpunktund VdK. Wir unterstützen die Mobilität der Menschen mit dem Stadtbus. Wenn die Menschen in der Stadt sind, dann werden sie auch hier einkaufen, davon gehe ich aus.

    Albert: Die Studie von 2014 hat ja auch hinterfragt, was die Menschen in die Stadt bringt. Und da hat sich gezeigt, dass es ganz viele unterschiedliche Anlässe sind. Wegen dieses Facettenreichtums hat der Gutachter von einer gesunden Struktur in der Innenstadt gesprochen. Diese gesunde Struktur ist ja nach wie vor vorhanden. Natürlich gibt es Leerstand, aber nicht mehr Leerstand als früher. Es fand eine Verlagerung statt: Die Anzahl der Objekte ist gleich geblieben, die leerstehenden Flächen haben sich vergrößert.

    Noch einmal zum Thema Lermann: Das Areal liegt mitten in der Stadt, soll laut Stadtplanern entwickelt werden. Welche Optionen stehen im Raum, welche Gespräche laufen?

    Schmidt-Neder: Mein letztes Gespräch war im Dezember. Ich habe damals den Eigentümer darauf hingewiesen, dass, sofern es Investoren oder Projektentwickler gibt, diese sich eng mit der Stadt abstimmen sollen. Ganz klar ist: Die Planungshoheit hat die Stadt. Seit diesem Gespräch habe ich keine neuen Informationen. Das Kaufhaus vorne steht jetzt leer; ich denke hier wird eine Überplanung kommen.Aber der hintere Bereich wird weiter genutzt. So eine Quartiersentwicklung kann man nicht aus dem Ärmel schütteln.

    Was wird aus dem Lermann-Areal? Schon die ISEK-Gutacher hatten das Gebiet 2016 im Blick. Foto: Grafik Heike Grigull

    Dass die Stadt von sich aus auf den Eigentümer zugeht und Möglichkeiten aufzeigt, das ist aktuell keine Option?

    Schmidt-Neder: Selbstverständlich werde ich bei Gelegenheit auf den Eigentümer zugehen und fragen, ob es schon Ideen gibt. Mein letzter Stand ist, dass man auf die Stadt zukommt. Aktuell sind wir auf Verwaltungsseite in der Vorbereitung und sondieren, was das Quartier betrifft und was nach Baugesetz dort möglich ist. Diese Information geht dann auch zur Beratung in die Stadtratsfraktionen.

    Das schließt auch das angrenzende Gelände, den Festplatz mit ein?

    Schmidt-Neder: Ja, der Festplatz sollte mit eingebunden werden.

    Anderes Thema: Lichtspielhaus. Auch hierzu ein Facebook-Kommentar: „Ich hoffe nur, dass die Stadt es einsieht, dass die Jugend hier in Marktheidenfeld nichts Attraktives mehr hat, um etwas zu unternehmen.“ Wie sehen Sie das?

    Schmidt-Neder: Es haben im Zusammenhang mit dem Thema Baumarkt und Diskothek viele Gespräche stattgefunden und da kam von Seiten der Diskothekenbetreiber die deutliche Aussage, dass die Stadt Marktheidenfeld für eine Diskothek wie sie sich junge Leute heute wünschen, also als Event-Diskothek, vom Einzugsgebiet her zu klein ist. Das sei wirtschaftlich nicht darstellbar.

    Das Lichtspielhaus hat in seinem Gebäude ein besonderes Flair und es tut mir selbstverständlich leid, dass es so nicht mehr weitergeführt werden konnte. Aktuell wird es noch betrieben, aber nur bis 22 Uhr. Aber man muss wissen: Das Lichtspielhaus war nie als Diskothek genehmigt, sondern als Kleinkunstbühne für Kabarett oder Tanzveranstaltungen. Und als solche könnte man es weiter betreiben.

    Weiterleben als Kleinkunstbühne oder Auslaufmodell? Was passiert mit dem Lichtspielhaus in Marktheidenfeld? Foto: Benedict Rottmann

    Für eine Diskothek ist die Stadt zu klein, sagen Sie. Aber wir haben ja noch die Auflage, dass in Zusammenhang mit dem Hagebaumarkt eine Disko entstehen soll. Das ist bis Ende 2019 aufgeschoben. Hat sich hier die Einstellung hierzu auf politischer Seite verändert?

    Schmidt-Neder: Ich habe der Zeitung entnommen, dass die Vision Lichtspielhaus 2.0 nicht zum Tragen kommt.Natürlich müssen wir uns Gedanken machen, wie verfahren wir mit dem Vorhaben bezogenen Bebauungsplan weiter. Ich kann mir viel für diese Stadt wünschen, aber wenn die fachkundigen Menschen sagen, das ist nicht realistisch, dann muss ich das auch akzeptieren. Dafür gibt es die Oberzentren. Wir haben viele Dinge in Marktheidenfeld, aber manches können wir als Mittelzentrum nicht bieten. Das sind die Tatsachen. Bedauerlich finde ich, dass man damit die Stadt schlecht redet, hier sei nichts mehr los, es sei eine Schlafstadt, eine Seniorenstadt. Das ist nicht gerechtfertigt. Wir haben nach wie vor viele Anlaufstellen für junge Menschen in unserer Stadt.

    Fehlt es an Leuten, die kreativ mit Ideen umgehen? Wird viel gemeckert, aber wenig vorangetrieben?

    Schmidt-Neder: Etwas zu bemängeln ist einfacher als kreative Lösungen beizutragen. Für jede Idee, für jede kreative Lösung haben wir im Rathaus ein offenes Ohr – vorausgesetzt: Es ist realisierbar, von den Investitionen her, von der Wirtschaftlichkeit und unter den vorgegebenen Auflagen.

    Gab es in den vergangenen Jahren Personen, die mit solchen Ideen gekommen sind?

    Schmidt-Neder: Selten.

    Weil Sie das mit der Stadt der Senioren angesprochen haben. Im Krankenhaus setzt man auf die Geriatrie, Barrierefreiheit in der Stadt wird vorangetrieben, das Kulturangebot ist toll. Warum nicht daraus eine Marke entwickeln: Marktheidenfeld als Stadt für ältere Menschen?

    Schmidt-Neder: Marktheidenfeld ist eine junge, dynamische Stadt, die junge Familien anzieht. Die Zahlen in unseren Kitas steigen. Wir sorgen für ein super Betreuungs- und Bildungsangebot. In dieser Stadt soll es allen Generationen gut gehen. Wir haben auch deshalb 2012 die Abteilung Kulturamt-Tourismus-Stadtmarketing geschaffen, um hier ein entsprechendes Angebot machen zu können und das zu forcieren. Nein, sich auf eine Altersgruppe zu fokussieren wäre falsch.

    Karlstadt und Lohr haben große, attraktive Fußgängerzonen, Marktheidenfeld hat eher viele schöne, kleine Ecken. Man geht quasi von einer Insel zur nächsten. Wie verbessern wir die Aufenthaltsqualität in der Stadt?

    Schmidt-Neder: Sie wissen ja noch, dass ich 2008 in den Wahlkampf gezogen bin mit dem Bestreben, eine große Fußgängerzone zu realisieren in einem Karree mit Mitteltorstraße, Marktplatz, Bronnbacher Straße. Das ist daran gescheitert, weil der Einzelhandel nicht mitgegangen ist.

    Albert: Lohr und Karlstadt sind über Jahrhunderte gewachsene Städte. Das kann man nicht mit Marktheidenfeld vergleichen. Wir haben dafür einige spannende oder auch lauschige Plätze. Wir wollen diese noch stärker verknüpfen, was sich beim Rundweg zur Skulpturenausstellung schon bewährt hat.

    Schmidt-Neder: Und wir sorgen für einen gut begehbaren Plattenweg in der Innenstadt, der nicht nur für Menschen mit Rollator, sondern auch für Kinderwagen schiebende Eltern attraktiv ist. Dazu kommen Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen.

    Marktheidenfeld lockt die Menschen: So zum Beispiel zum Maimarkt 2018. Foto: Elfriede.streitenberger (est)

    Der Mainkai mit Stadtgärtchen und Biergarten ist ein Idyll, doch dann kommen zum Fluss hin Parkplatz und Schotterpiste. Warum entwickelt man das nicht attraktiver?

    Schmidt-Neder: Das haben wir über einige Jahre mit der Projektgruppe Mainufergestaltung und dem Landschaftsarchitekten Struchholz bereits entwickelt. Da sind wirklich tolle Ideen herausgekommen. Beispielsweise der Stadtbalkon mit darunter liegenden Parkplätzen, die man nicht sieht. Wir haben den Bereich von der Nordbrücke bis zum Felsenkeller in vier Abschnitte unterteilt und wollten mit dem Bereich 4 vom Felsenkeller bis zum Biergarten beginnen. Da wir private Flächen nicht für die Umsetzung bekommen haben, ist das etwas in Stocken geraten.Und die Abschnitte 2 und 3 müssen warten, bis die alte Mainbrücke saniert ist. Da wird eine Großbaustelle eingerichtet. Wir wissen aber nicht, wann und wie das sein wird.

    Das kann noch Jahre dauern...

    Schmidt-Neder: Mitder Erweiterung des Mehrgenerationenspielplatzes im Abschnitt 4 machen wir aber jetzt schon einen Schritt, bieten mit Beachvolleyball, Chill-out-Area und interaktiven Spielen etwas für die Jugend ab 14 Jahre. Das wertet den Platz auf. Mit der Schließung der Baustraße und der Beschränkung der Parkplätze auf Anwohner und Hotelgäste könnte ein nächster Schritt folgen. Innenstadtnahe Parkplätze gibt es genug und wir planen eine Erweiterung der Parkplätze am Lohgraben.

    Die ISEK-Analyse 2016 hat ergeben: Marktheidenfeld hat eine positive Außenwahrnehmung, aber bei den Bewohnern ist eine wenig selbstbewusste, teils negative Selbstwahrnehmung der eigenen Stadt feststellbar.

    Schmidt-Neder: Wir bedauern das. Die Marktheidenfelder könnten viel selbstbewusster sein, stolz auf ihre Stadt. Wir haben immer gut daran getan, Veränderungen zu akzeptieren, nach vorne zu schauen und auch als Chance zu sehen.

    Wer sind denn die Stimmungsmacher? Und sind Sie im Gespräch mit denen?

    Schmidt-Neder: Wir versuchen das über verschiedene Kanäle wie Homepage, Brücke zum Bürger, Bürgerversammlungen, öffentliche Beiratssitzungen; auch über Facebook sind wir jetzt aktiv. Und das Online-Schaufenster ist der nächste große Schritt, mit dem wir die Vielfalt von Marktheidenfeld kommunizieren. Ich selbst bin nicht in den Sozialen Medien. Ich schätze Bürger, die zum Telefonhörer greifen, die mir eine Mail schicken, die sich einen Termin geben lassen, um mit mir über Themen zu diskutieren. Dafür nehme ich mir auch Zeit.

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