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    Karlstadt

    Lehrerpersönlichkeit schlägt Tablet

    Der Professor für Schulpädagogik Klaus Zierer sprach auf Einladung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes in der Mittelschule Karlstadt über moderne Lehrmethoden und den Einsatz von Laptops und Smartphones. Foto: Günter Roth

    Professor Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, ist ein Freund von Zahlen und Statistiken, wenn diese Aufschluss geben können über die Effektivität von Unterrichtsmethoden und wenn es damit gelingt, diesen Unterricht zugunsten der Schüler zu verbessern. Bei einem Doppelvortrag in der Aula der Mittelschule Karlstadt überraschte er rund 80 Lehrerinnen und wenige Lehrer mit teilweise verblüffenden Ergebnissen und Schlussfolgerungen. Initiator des Vortrags waren die Kreisverbände des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV).

    In seinem ersten Vortrag "Visible Learning – auf den Punkt gebracht" räumte Zierer gleich mit Lieblingsmythen der modernen Schulpädagogik auf. Basierend auf 1600 Meta-Analysen und 91 000 Primärstudien, die rund 300 Millionen Lernende einschlossen, wurde unter dem Begriff "Effektstärke" der Lernerfolg verschiedener Faktoren im Schulalltag gemessen.

    Dabei kamen eine ganze Reihe von Lieblingskindern der gegenwärtigen Entwicklungen nicht besonders gut weg: Klassengröße, finanzielle Ausstattung, Laptop-Einzelnutzung, Team-Teaching, und jahrgangsübergreifende Klassen oder "offene Klassenzimmer" zeigen eine deutlich geringere Effektstärke auf als die traditionellen – oft schon verpönten – Faktoren wie bewusstes Üben und der Einsatz von meta-kognitiven Strategien. Am wichtigsten, so die Analyse, sind die personenbezogenen Effekte: Lehrer-Schüler-Beziehung, die Klarheit und vor allem die Glaubwürdigkeit des Lehrenden.

    Dialog statt Monolog

    Für erfahrene Pädagogen wahrlich nichts neues, aber Professor Zierer warnte sofort vor einseitigen Kurzschlüssen. "Moderne Unterrichtsmethoden und strukturelle Veränderungen sind gut und wichtig, sie können aber erst ihre Wirkung erzielen, wenn die Lehrpersonen die Strukturen zum Leben erwecken und ihr Handeln darauf abstimmen." Der Einfluss von Methoden kann sehr groß sein. Vieles hängt von den Lehrpersonen ab, die nicht nur entsprechende Kompetenzen brauchen, sondern auch die Haltungen, um Methoden sinnvoll in den Unterricht integrieren zu können.

    So fordert der Schulpädagoge: "Ich entwickle positive Beziehungen. Ich sehe Lernen als harte Arbeit. Ich setze die Herausforderung. Schülerleistungen sind eine Rückmeldung für mich über mich. Ich informiere alle über die Sprache des Lernens. Ich benutze Dialog anstelle von Monolog. Ich bin ein Veränderungsagent und ein Evaluator." Und zum Schluss: "Ich rede über Lernen, nicht über Lehren."

    Unterricht braucht nach Zierer Geborgenheit, Vertrauen, Zutrauen und eine positive Fehlerkultur, die Fehler als Chance zur Verbesserung ansieht. Lehrer sollten an ihren eigenen Haltungen arbeiten, alte und nicht-effektive Praktiken verwerfen, Kapazitäten schaffen und neue effektive Praktiken umsetzen.

    Mensch steht im Zentrum

    In seinem zweiten Vortrag ging Professor Zierer mit "Lernen 4.0" auf Mythen, Wahrheiten und Chancen einer Digitalisierung im Bildungsbereich ein. Den gegenwärtigen Technik- und Informatik-Hype setzte er wie oben in Beziehung zur persönlichen Begegnung. Man solle hier weder in Euphorie verfallen, noch die Apokalypse heraufkommen sehen. Die Digitalisierung gehöre mittlerweile einfach zur Lebenswelt der Lernenden und der Lehrpersonen. Aufgabe der Schule ist hier eine praxisorientierte Medienerziehung: Wissen wie man Medien richtig nutzt, wie man sie gestaltet und letztendlich wie man auch kritisch damit umgeht.

    Dazu die spannende Frage: Was wissen wir über den Einfluss neuer Medien auf die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen? Zierers umfassende Studien zeigten hier positive Möglichkeiten beim intelligenten Tutoringsystem, bei interaktiven Lernvideos, beim Schreiben und beim individuellen Förderbedarf. Wenig Effekte wurden bei Laptop-Einzelnutzung, beim Lesen und beim Einsatz von Power-Point ermittelt.

    Bei allen hervorragenden Einsatzangeboten der Medien stellt der Pädagoge klare Forderungen, bei denen der Mensch im Zentrum steht. Es ist die Frage des "Warum" zu klären, denn der Ort der Bildung ist die Interaktion zwischen Menschen. Ende des Vortrags war dann ein Goethe-Zitat: "Denn es ist zuletzt doch nur der Geist, der jede Technik lebendig macht."

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