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    Lohrer Selbsthilfe expandiert

    Frank Klein, neuer Mitarbeiter seit Juli, im Gespräch mit Bistroleiter Ulf Würfel. Foto: Pat Christ

    Frank Kleins Ja zur freien Stelle im Bistro der Lohrer Selbsthilfe war für Bistroleiter Ulf Würfel ein »Jackpot«. »Wir haben ziemlich lange nach einem Mitarbeiter gesucht, nun fanden wir einen ausgebildeten Koch«, freut sich der Küchenmeister. Seit dem 15. Juli verstärkt Frank Klein das Bistroteam. Die Entscheidung, hier einzusteigen, war für den 41-Jährigen nicht ganz leicht. »Direkt ums Eck befindet sich die Station, auf der ich selbst behandelt wurde«, erzählt der Eußenheimer, der einen schweren Burnout hatte.

    Das wird alles schon irgendwie zu schaffen sein: Nach dieser Devise lebte Frank Klein ein ganzes Jahr lang weit über seine Kräfte. »An meiner ehemaligen Arbeitsstelle bekamen wir einen neuen Küchenchef, der hat noch mehr verlangt als sein Vorgänger«, erzählt der leidenschaftliche Koch, der in der »Alten Brauerei« in Karlstadt seinen Traumberuf erlernte.

    Massiver Zusammenbruch

    Frank Klein mobilisierte alle Energien, um den Anforderungen zu genügen: »Gleichzeitig war ich als Musikjournalist tätig und spielte in einer Band.« Das war zu viel. Irgendwann konnte Klein nicht mehr. Sein Zusammenbruch war so massiv, dass er für ein halbes Jahr lang ins Bezirkskrankenhaus musste.

    Heute ist sich Frank Klein über die Folgen einer permanenten Überforderung im Klaren. Deshalb macht er langsam. 30 Stunden ist er derzeit in der Woche im Bistro tätig. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit braucht er Zeit, um in neue Verantwortlichkeiten hineinzuwachsen. Bald soll er, in Vertretung von Ulf Würfel, die Speisekarte selbstständig gestalten können. Doch das darf nicht überstürzt geschehen, weiß sein Chef. Wäre doch nichts schlimmer als ein nächster Burnout.

    Viele nicht belastbar genug

    Heute, am Dienstag, ist es zum Glück nicht allzu hektisch. Doch gegen Ende einer Woche kann es im Bistro äußerst betriebsam zugehen. »Den ganzen Sommer über hatten wir an fast jedem Wochenende eine Veranstaltung«, schildert Würfel. Dann kommen oft 60 Menschen zusammen, um einen runden Geburtstag oder sonst ein privates Fest zu feiern. Solche Feiern erfordern von allen Beteiligten körperliche Kraft und starke Nerven. Aus diesem Grund ist es für das Team des Lohrer Bistros seit einer geraumen Weile schwer, die Arbeitsplätze, die für seelisch erkrankte Menschen vorgesehen sind, zu besetzen: Viele Kandidaten sind einfach nicht belastbar genug.

    Ein neues Angebot für Privatpatienten, die im psychiatrischen Krankenhaus liegen, soll in nächster Zeit zwei zusätzliche Inklusionsarbeitsplätze für weniger belastbare Menschen mit einem psychischen Handicap schaffen. »Wir wollen einen Roomservice anbieten«, verrät Bernd Ruß, Geschäftsführer der Lohrer Selbsthilfe. Die Verhandlungen mit den privaten Krankenversicherungen sind im vollen Gange.

    Die Privaten sind bereit, dem BKH künftig einen bestimmten Betrag zur Verfügung zu stellen, der für Maßnahmen verwendet werden soll, die das Wohlgefühl der Patienten steigern. »Die Mehreinnahmen wollen wir komplett in die Wohlfühlkräfte investieren«, so Ruß.

    Aufgaben der Wohlfühlkräfte

    Menschen, die in eine schwere Krise geraten sind und sich deshalb in der Psychiatrie behandeln lassen müssen, werden durch das neue Projekt auf Menschen treffen, die genau wissen, was sie gerade durchmachen. Die Wohlfühlkräfte waren entweder selbst schon einmal als Patient im BKH. Oder sie wurden anderswo stationär oder ambulant behandelt. Sie sind damit, sollten die Patienten das wünschen, ideale Gesprächspartner. Daneben besteht ihre Aufgabe darin, sich um die vielen Kleinigkeiten zu kümmern, die einen Aufenthalt in der Klinik angenehmer machen. Sie pflegen zum Beispiel Blumen, sorgen für saubere Handtücher oder erledigen kleine Botengänge.

    2018 schaffte es die Lohrer Selbsthilfe, fast eine halbe Million Umsatz zu erwirtschaften. Ein Erfolg, auf dem man sich allerdings nicht ausruhen will. Neben dem Aufbau des Roomservice bereiten Bernd Ruß und Ulf Würfel gerade ein zweites Großprojekt vor. »Wir werden voraussichtlich ab 1. Dezember einen Bestellservice für Patienten der Forensik anbieten«, so Ruß. Jeder der rund 150 forensischen Patienten, die hinter dem Zaun leben, soll sich einmal in der Woche etwas aus dem Laden der Lohrer Selbsthilfe bestellen können. Das neue Angebot aufzubauen, bedeutet eine enorme logistische Herausforderung.

    Lohrer Selbsthilfe
    Die gemeinnützige Lohrer Selbsthilfe wurde am 15. März 1990 vom Bezirk Unterfranken und dem Förderverein Leinreiter für seelische Gesundheit gegründet. Zweck des Unternehmens ist es, Arbeitsplätze für psychisch kranke Menschen zu schaffen und damit deren soziale und berufliche Integration zu fördern.
    Die Organisation betreibt ein Bistro sowie einen Verkaufsladen. Die Arbeitsplätze werden vom Inklusionsamt, der Arbeitsagentur und den Rentenversicherungsträgern gefördert. Zum wiederholten Mal gelang es 2018, schwarze Zahlen zu schreiben. 2005 wies die Lohrer Selbsthilfe noch ein Defizit von fast 190000 Euro auf.
    Das Bistro der Lohrer Selbsthilfe bietet seelisch erkrankten Menschen Arbeit. Weitere Projekte sind in Planung. Foto: Pat Christ

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