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    Karlstadt

    Lothar Ziegler: Kindheit vom Krieg geprägt

    Erzählten beim Historischen Verein von früher: Linda Schirm (von links), Horst Bartl und Lothar Ziegler. Foto: Karlheinz Haase

    Nach dem Krieg setzten die Amerikaner einen Mann namens Londzen in Karlstadt als Polizeichef ein. Er war in der Nazizeit im KZ gewesen. Damit galt er als "sauber". Doch war er dort nicht aus politischen Gründen, sondern weil er ein Ganove war. Das berichtete Lothar Ziegler im Gasthaus Weinbau Frank bei einem Treffen des Historischen Vereins in der Reihe "Zeitzeugen erzählen" gehört.   

    "Ich wurde im Dezember 1939 im Gendarmeriegebäude geboren", begann Ziegler seinen Bericht. Sein Vater war Polizist. Die Familie hatte die Dienstwohnung im Erdgeschoss. Der Krieg zerstörte auch das Familienleben der Zieglers. Ab 1943 war der Vater im von Deutschland besetzten Polen als Polizist eingesetzt. "1944 besuchten wir ihn für drei oder vier Wochen." Lothar Ziegler war damals vier Jahre alt. "Danach sah ich ihn nie wieder." Der letzte Brief stammt vom 11. Januar 1945. Noch zehn Jahre danach hoffte die Mutter immer noch, dass aufgrund Adenauers Verhandlungen mit dem Osten der Vater doch noch heimkehren könnte. Was mit ihm passiert ist, weiß niemand.  

    Der "Partisan" brachte ihn zurück

    Während des Besuchs der Familie in Polen durfte Lothar Ziegler das Haus nicht verlassen. Zu groß war die Angst, dass dem Besatzersöhnchen etwas zustoßen könnte, dass ein Partisan ihm etwas antun könnte. Doch als der Wachhabende einmal nicht aufpasste, stahl sich der kleine Lothar davon. "Bei den polnischen Kindern bin ich anfangs auf wenig Gegenliebe gestoßen, aber dann spielten wir zusammen."

    Ausgerechnet ein "Partisan" brachte Lothar schließlich zurück ins Polizeigebäude. "Ich sehe noch das Gesicht des Wachhabenden, als mich der Pole reintrug." Dieser Eindruck gehört zu den frühesten Erinnerungen Lothar Zieglers.

    Fledermäuse mit Haselnussstecken geweckt

    Der Keller des Karlstadter Polizeigebäudes war vermietet an Most-Siegler, der im Eckhaus Kellereigasse/Fischereigasse (später Fahrrad-Bartl) seine Mosterei hatte. Er machte im Polizeikeller Versuche, wie man Apfelsaft haltbar macht. Lothar Ziegler und andere Buben drangen in den Keller ein. Im selben Augenblick zerplatzte dort ein Ballon, ohne dass einer der Buben ihn berührt hatte. Lothar wurde erwischt und musste die Strafe einstecken für etwas, wofür er eigentlich nichts konnte.

    Spannend war es auch im Dachgeschoss, denn dort hingen Fledermäuse. "Wir wollten sie fliegen sehen und haben versucht, sie mit Haselnussstecken aufzuwecken." Und im zweiten Stock gab es ein Kleinkalibergewehr. "Damit hätten wir gerne geschossen, aber es gab keine Munition."

    Panzer ratterten durchs Dorf

    Lothar Ziegler erinnert sich an die Nacht der Bombardierung Würzburgs. Der Keller im Polizeigebäude diente als Luftschutzraum. Als die Menschen dort wieder herausstiegen, war es im Hof der Polizei vom Würzburger Feuer so hell, dass man hätte Zeitung lesen können.

    Lothar Zieglers Vater war ein Bauernsohn aus Gauaschach. Da gegen Kriegsende auch Karlstadt beschossen wurde, waren die Zieglers nach Gauaschach gegangen und warteten dort auf die Amerikaner. Als die Panzer durchs Dorf ratterten, waren die Menschen in den Gewölbekeller des Nachbarn geflüchtet. "Meine Schwester hat neben mir gezittert wie Espenlaub." Lothar dagegen war nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen und wollte irgendwann schauen, was sich auf der Straße tut. Er machte die Tür einen Spalt auf und erblickte direkt vor sich "einen Neger", wie er sagte. "Der Begriff hatte damals überhaupt nichts abwertendes, sondern war einfach nur eine Bezeichnung", fügte er bei seiner Erzählung hinzu. Lothar fiel vor Schreck rückwärts die Treppe runter.

    Einmannpackung gestohlen

    Nach dem Krieg wohnte er an der Mainbrücke. Diese wurde von Amerikanern bewacht. Sie hatten ein Zelt im Garten stehen. Daraus stahl Lothar eine Einmannpackung mit einer Soldaten-Essensration für einen Tag. Die Mutter verlangte, dass er sie zurückbringt. Als er sie heimlich wieder ins Zelt schmuggeln wollte, erwischte ihn ein Soldat. Doch statt ihn zu bestrafen, schenkte er ihm die Hälfte der Einmannpackung.

    Als es um die Berufswahl ging, wollte sich Lothar Ziegler seinen Onkel zum Vorbild nehmen. Der war ein sehr guter Schlosser. Wie dieser lernte er bei der Brunnenbohr-Firma Hegewald, die gleich neben dem Altstadtfriedhof ansässig war. Die Gebäude stehen noch. Bei der Prüfung bei Koenig und Bauer in Würzburg verwechselte er an einem Werkstück die Richtung und bohrte an der falschen Stelle. Ein Kollege steckte ihm heimlich das richtige Werkstück zu.     

    Lothar Ziegler lernte technischer Zeichner und schloss ein Ingenieur-Studium an, um dann seine Lebensstellung bei Draht-Bremer in Marktheidenfeld anzutreten.

    Weitere Erzähler waren Linda Schirm und Horst Bartl. Bericht folgt.

    Bearbeitet von Karlheinz Haase

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