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    Marktheidenfeld

    Marktheidenfeld: Wie man Senioren die Angst vor dem Internet nimmt

    Dreimal in der Woche kann man in die Stadtbücherei gehen und sich alle Dinge rund um Technik erklären lassen. Foto: Martin Hogger

    "Wo geht es hier zum Senioren-Internet?", flüstere ich zur Bibliothekarin über den Empfangstisch. Besonders leise, wie es sich ja in einer Bibliothek gehört. Sie zeigt mir den Weg. Also schlendere ich vorbei an den Zeitungen, die linke Treppe hoch bis auf die Empore, wo die Computer stehen.

    Während ich die 42 Holzstufen hochsteige, frage ich mich, ob dieser Weg für einen Senior komplett anders ist als für mich. Ich bin 25 Jahre alt und mit aller möglichen Technik aufgewachsen. Das Internet ist für mich normal. Obwohl ich bei einer "Zeitung" arbeite, lese ich Nachrichten meistens online. Für lange Fahrten habe ich Hörbücher auf das Handy heruntergeladen. Ist man etwas älter als ich, ist man sehr wahrscheinlich komplett anders aufgewachsen – und zwar mit all dem Papier, das die Stockwerke füllt, an denen ich vorbeigehe. So gehört es sich ja eigentlich für eine Bibliothek. Wenn ich in Richtung der Computer gehe, gehe ich Richtung Normalzustand. Viele Senioren gehen am Normalzustand vorbei, in Richtung Neuland.

    Walter König (oben) und Walter Zimmermann scrollen durch die Internetseite des Senioren-Internets. Sie ist besonders übersichtlich gestaltet. Foto: Martin Hogger

    Ältere Menschen brauchen ganz andere Technik als Junge

    Mein einziger Berührungspunkt mit Senioren im Internet war bisher, als wir Kinder unserer Oma mal ein Handy geschenkt haben. Sie sollte die Bilder in unserer Whatsapp-Familiengruppe sehen können. Nach wenigen Wochen haben wir aufgegeben. Wie sollen Senioren also das hinkriegen, was wir Jungen nicht hinkriegen? Und wenn sie das schaffen, wie können wir Jungen das nachmachen?

    Das sind die Fragen, die ich Werner König stellen werde. Der 66-Jährige ist Teamsprecher bei "Senioren Internet Marktheidenfeld". Vor einigen Jahren kam er selbst mit Fragen zum "Senioren-Internet", inzwischen ist er Teamleiter. Als ich auf der Empore ankomme, versucht er gerade einer Seniorin dabei zu helfen, den richtigen Laptop zu kaufen. Zwischen den Computer stehen Kekse und Kaffee, untypisch für eine Bibliothek. Die Frau sitzt vor dem Bildschirm und scrollt durch die Internetseite eines Online-Händlers für gebrauchte Computer. Später wird König dazu sagen: "Wir helfen denen, die zu uns kommen, genau dabei, was sie wollen und brauchen." 

    Werner König: "Bei uns ist das Zwischenmenschliche wichtig."

    Als König fertig ist, setzen wir uns an einen Tisch. Dreimal in der Woche, am Mittwoch- und Donnerstagmorgen und am Donnerstagnachmittag, sind er und seine Kollegen da. Alle sechs machen das ehrenamtlich und kostenlos. Etwa sechs bis sieben Senioren kommen pro Termin, aufs Jahr gerechnet mache das etwa 800 bis 1000 Besucher, sagt König.

    Königs Kollege, Walter Zimmermann, fragt uns nach Kaffee. "Bei uns ist das Zwischenmenschliche wichtig", erklärt König. "Wir wollen eine lockere Atmosphäre schaffen, ohne Druck." Und das gehe eben am besten bei Kaffee und Kuchen. Die Senioren sollen sich nicht gezwungen fühlen, lernen zu müssen. König sagt: "Die Leute sollen nur begreifen, was sie interessiert." 

    Nur 67 Prozent der Deutschen über 65 Jahren nutzen das Internet regelmäßig. In allen anderen Bevölkerungsgruppen liegt die Zahl bei beinahe 100 Prozent.
    Statistisches Bundesamt

    Bei vielen hilft da nur Geduld. Viele kommen über Monate immer wieder, manchmal mit demselben Problem. "Der Wissensstand und die Lerngeschwindigkeit sind bei allen unterschiedlich", sagt König. Manche müssten lernen, wie man einen PC anschaltet. Andere wollen schon Kontakte über die Cloud synchronisieren. König erzählt, dass jemand mal mit seinem Laptop zu ihm kam, weil ja bald die Zeitumstellung sei und er nicht wusste, wie das geht. Als er das sagt, schaue ich ihn etwas ungläubig an: "Das geht doch automatisch." Dann sagt König etwas, das er an diesem Nachmittag oft wiederholt: "Woher sollen Senioren denn das wissen?"

    Senioren haben Angst, Dinge falsch zu machen

    Mit derselben Geduld, mit der König Senioren Technik erklärt, erklärt er mir, wie Technik auf Senioren wirkt. "Die meisten Senioren haben Angst, etwas falsch zu machen", sagt er. Wo ich mir heute ein Youtube-Video anschauen würde, um das Problem zu lösen, ging man früher in den Laden. Das können die Läden erstens heute nicht mehr leisten, sagt König. Zweitens wüssten viele Senioren gar nicht von den Möglichkeiten, die das Internet bietet: "YouTube zum Beispiel befürworte ich sehr, das ist super zum Lernen und zu Unrecht als 'für Jugendliche' verschrien". Damit hätte letztens eine Seniorin gelernt, wie man eine Tomatensuppe macht.

    Wegen der Hilfe aller Freiwilligen hätten nur die wenigsten hätten bisher aufgegeben, sagt König. Zum Beispiel kam vergangenen Oktober eine Seniorin auf die Empore, ihre Enkelin hatte ihr einen Laptop geschenkt und irgendwann aufgegeben, ihrer Oma zu helfen. "So läuft das bei vielen ab, die zu uns kommen", sagt er. Ich komme nicht umhin, die Parallelen zu meiner Situation zu sehen. Die Frau gab jedoch nicht auf, setzte sich ein vermeintlich einfaches Ziel: bis Weihnachten wollte sei eine E-Mail schreiben. "Wir haben's geschafft, obwohl uns die Enkelin keine Chance gab."

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