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    Arnstein

    Mehrgenerationentage: Sorgende Gemeinschaft als Roter Faden

    Dass beispielsweise die Goldgasse in Arnstein ein schwieriges Pflaster für Personen mit Rollstuhl oder Rollator ist, erfuhren die vier Landratskandidaten Pamela Nebach, Sabine Sitter, Christian Baier und Christoph Vogel am eigenen Leib. Dahinter eine Gruppe Rollstuhlfahrer. Foto: Günter Roth

    Aus Sicht der Veranstalter und der überwiegenden Mehrzahl der Besucher war die Premiere der Arnsteiner Mehrgenerationentage ein voller Erfolg, der Mut zum Weiterarbeiten macht. Zwar lag der Fokus der Erstauflage auf den Senioren, aber in späteren Auflagen sollen andere Generationen stärkere Beachtung finden.

    Nach der Podiumsdiskussion der Landratskandidaten zur Frage "Muss ich Angst vorm Alter haben?", ging es am Sonntagnachmittag im Garten des Arnsteiner Pfründnerspitals um allgemeinere Aspekte des Alt-Werdens und Alt-Seins. Bürgermeister Franz-Josef Sauer bescheinigte – wie alle folgenden Redner – dem Heim ein exzellentes Niveau mit professioneller Betreuung durch die Mitarbeiter und vorbildliche Unterstützung durch eine Vielzahl von ehrenamtlichen Helfern. Pflege-Experte Claus Fussek schwärmte sogar enthusiastisch: "Diesem Altenheim würde ich meine Mutter bedenkenlos anvertrauen!"

    Eigenverantwortung und sorgende Gemeinschaft

    Als "Roten Faden" sah Sauer die Dualität der Eigenverantwortung aktueller und künftiger Senioren und ermunterte diese, sich ein Leben lang in die Gesellschaft einzubringen. Genauso wichtig sei es aber auch, dass man sich rechtzeitig auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet, finanziell und mental. Auf der anderen Seite steht die "sorgende Gemeinschaft" der Kommune. Sie muss nach Kräften dazu beitragen, die Stadt für jedes Lebensalter zu entwickeln und attraktiv zu machen. Das fange mit Begegnungsstätten und mit der Gestaltung von Wohnraum an. Es gelte vor allem, ein selbstbestimmtes Leben lange Zeit zu ermöglichen.

    Auch die frühere Landtagspräsidentin Barbara Stamm lobte in ihrem sehr ausführlichen Grußwort das soziale Miteinander des Pfründnerspitals, "auch wenn hier noch Luft nach oben ist". Kritisch setzte sie sich mit den mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinander, besonders für die Pflege älterer Angehöriger. Bei der Betreuung im Heim komme der Zeitfaktor dazu: "Ich brauche diese Zeit", so die Klage vieler Pflegenden.

    Wie fühlt sich alt-sein an? In der Stadthalle konnten dies die Besucher am eigenen Leib erfahren. Foto: Günter Roth

    Der praktische Arzt Dr. Christian Raab sprach davon, das alte Menschen neben ihren körperlichen Einschränkungen auch oft das Gefühl hätten, nicht mehr gebraucht zu werden und zunehmend vom sozialen Leben abgeschnitten zu sein. Dabei sei es eine Dummheit der Gesellschaft, wenn sie sich nicht des riesigen Erfahrungsschatzes der Alten bediente. Die Alten seien eine Herausforderung und eine Chance für die Gesellschaft, denn Alter sei keine Krankheit, sondern ein Teil des Lebens.

    Sehr lebhafte Diskussion

    Lebhaft wurde es dann bei der von Eberhard Schellenberger geleiteten Podiumsdiskussion mit den vier Landtags- und Bundestagsabgeordneten  Alexander Hoffmann, Bernd Rützel, Kerstin Celina und Thorsten Schwab, die sich oft gegen Harald Ebert von der Caritas und Pflegefachmann Claus Fussek zur Wehr setzen mussten. "Die Situation ist dramatisch!", klagte letzterer. Zwei Drittel aller Pflegekräfte arbeiteten am Anschlag, 500 000 Frauen aus Osteuropa hielten das Pflegesystem notdürftig aufrecht. Auf der anderen Seite betreibe die Regierung im Pflegebereich nur Symbolpolitik. Die Maßnahmen seien so, als wolle man einen Waldbrand mit einer Wasserpistole löschen. Ebert sprach konkrete Versäumnisse wie fehlende Barrierefreiheit an, die meist absichtslos erfolgten: "Man denkt halt nicht daran!"

    Die gescholtenen Politiker wehrten sich nach Kräften. Hoffmann verwies auf "gewaltige Schritte nach vorn", beispielsweise beim Thema Kurzzeitpflege, sein Kollege Rützel räumte ein, dass das für "viele zu wenig" sei und forderte, vom Teilkasko zum Vollkasko zu kommen. Für Celina standen verschiedene Wohnformen und Begegnungsräume im Vordergrund und Schwab verwies als Bürgermeister auf die Möglichkeiten einer funktionierenden Dorfgemeinschaft: "Wir müssen mehr aufeinander schauen!".

    Bei der Podiums mit Politikern und Pflegefachleuten um die Situation der Altenpflege gab es manch heftigen Schlagabtausch. Foto: Günter Roth

    Alexander Hoffmann brachte aber auch ein echtes Dilemma ins Spiel. Die von Claus Fussek angeprangerte überbordende Bürokratie und Dokumentationspflicht sei auch eine Folge der gestiegenen Ansprüche. Jeder schimpfe über den Aufwand, aber wenn etwas passiere, seien die Vorwürfe groß. Die Bürger müssten sich fragen, ob sie bereit seien, für eine würdige Versorgung der Alten mehr zu bezahlen. Wenn es an den Geldbeutel gehe, würden die Stimmen immer leiser, so Hoffmann. Einig waren sich alle, dass auf die Gesellschaft eine Riesenaufgabe zukommt, den Betroffenen, aber auch den Pflegenden gerecht zu werden.

    In der Stadthalle gab es fühlbare und erlebbare virtuelle Begegnungen mit dem Alter: Eine schwere Bleiweste  vermittelte das Gefühl eingeschränkter Mobilität, klobige Handschuhe ließen schwindende taktile Funktionen nachempfinden und spezielle Brillen simulierten verkleinerte Blickfelder. Auf dem "Wackelboden" wurden unsichere Schritte nachvollziehbar. Vor der Halle boten Sanitätshäuser verschiedene Rollatoren und Rollstuhlmodelle an. Im Hof des Altenheims waren Hilfsorganisationen und Hersteller von Therapieartikeln vertreten.

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