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    Hohenroth

    Ministerin Schreyer: Die Barrieren in den Köpfen abschaffen

    Staatsministerin Kerstin Schreyer besuchte am Mittwochabend die SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth. Ihr zur Seite Waltraud Asbahr (Zentrum Bayern Familie und Soziales, links) und Margret Grottenthaler (Bereichsleiterin Wohnen in Hohenroth, rechts). Foto: Michael Fillies

    Kritischer Fragen hatte sich Kerstin Schreyer am Mittwochabend nicht zu erwehren, in einer Diskussionsrunde in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth. Die progressivsten Thesen zum Thema Teilhabe(-rechte) von Menschen mit Behinderung kamen von der Bayerischen Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales selbst: "Der Mensch ist mehr als seine Behinderung", "Die Unterschiedlichkeit der Individuen ist als Bereicherung zu empfinden" und beim Thema Barrierefreiheit: "Mir ist wichtig, die Barrieren in den Köpfen abzuschaffen.".

    Eingeladen zu dem Besuch der 47-jährigen Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Familientherapeutin hatte die Würzburger Hochschulgruppe der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Rund 40 Stipendiaten hatten sich am Mittwoch unter dem Motto "Hohenroth – ein Ort zum Leben" in der Behinderteneinrichtung als "einem außergewöhnlichen Modell" umgesehen. Ministerin Schreyer, die selbst Stipendiatin in München war und heute stellvertretende Vorsitzende der Stiftung ist, freute sich am Abend im Festsaal der Dorfgemeinschaft über die Exkursion der Studenten: "Es ist sehr schön, dass Sie sich dieses sozialen Themas annehmen."

    Das Hohenrother Orchester spielte zur Begrüßung der Staatsministerin Kerstin Schreyer. Foto: Michael Fillies

    "Beschützende Dorfgemeinschaft"

    Die Leiterin des "Bereichs Wohnen" der Dorfgemeinschaft, Margret Grottenthaler, hatte die Staatsministerin und ihre Begleiter in Empfang genommen, darunter Waltraud Asbahr, die Leiterin der Regionalstelle Unterfranken des Zentrums Bayern Familie und Soziales aus Würzburg. Das Orchester der Dorfgemeinschaft spielte einige Stücke im Festsaal; die Begrüßung dort übernahm die Vorsitzende des Bewohnerrats, Heidi Kochanek.

    Margret Grottenthaler stellte kurz das 1977 gegründete Dorf für zurzeit 162 Erwachsene "mit Assistenzbedarf" vor, die in 20 Hausgemeinschaften leben und je nach ihren Fähigkeiten in der Land- und Forstwirtschaft oder in Werkstätten einer Arbeit nachgehen. Diese Form des Zusammenlebens mit fast ebenso vielen Hauseltern und Betreuern geht auf den Grundgedanken zurück, eine "beschützende Dorfgemeinschaft" zu bilden. Noch leben zwei der ersten Bewohner in Hohenroth, leitete Grottenthaler zum jüngsten Projekt über,dem Bau eines altersgerechten Hauses, damit alte Bewohner "nicht ins Altersheim abgeschoben werden" müssen.

    "Eine sehr kluge Sache"

    Kerstin Schreyer lobte das Engagement, das ihr Ministerium unterstütze. Den Wunsch der Bewohner zu erfüllen, sie im Alter nicht von der gewohnten Umgebung und ihren Freunden zu trennen, sei "eine sehr kluge Sache". Ebenso, den Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu geben, eine sinnvolle, erfüllende Arbeit zu leisten. Dank technischen Fortschritts sei dies immer leichter zu erreichen; sie kenne ein Callcenter, in dem mithilfe von Sprachanzeigen Gehörlose arbeiten. Und ihr Ministerium beschäftige sechs schwer psychisch beeinträchtige Mitarbeiter - sie seien eine Bereicherung, obwohl der eine oder andere oft nur zwei Arbeitsstunden in der Woche leisten könne. 

    Auf dem Podium: Staatsministerin Kerstin Schreyer, Ralf Fingerhut, Margret Grottenthaler, Markus Hadwiger und Julian Wendel. Foto: Michael Fillies

    Den Abschluss des öffentlichen Teils bildete eine kurze Podiumsrunde mit dem Dorfbewohner Ralf Fingerhut, Margret Grottenthaler, dem Stipendiaten Markus Hadwiger und dem Würzburger Diplom-Psychologen Julian Wendel, der auf ständige Hilfe angewiesen ist (persönliche Assistenz) und dem Würzburger Verein "Selbstbestimmt Leben" angehört. Zum Bundesteilhabegesetz erklärte die Ministerin ihre Sicht: "Der, der den Bedarf hat, ist der Kunde: Die Fachkraft (für ihn) erbringt eine Dienstleistung."

    "Was ist uns die Arbeit am Menschen wert?"

    Zum Thema Inklusion an Schulen stellte Schreyer klar, dass sie dies unterstütze, ihrer Ansicht nach jedoch die Förderschulen beibehalten werden müssen, denn: "Manche Kinder sind besser in Förderschulen aufgehoben, weil sie dort besser betreut werden können." In den Bundesländern, in denen die Förderschulen abgeschafft wurden, "hat keiner was gewonnen". Dennoch gebe es auch in Bayern Regelschulen mit dem Profil Inklusion bzw. mit Mitarbeitern des Sozialen Dienstes als Unterstützung für die Lehrer. Allerdings könne die Schule nicht alles leisten, man müsse schon auch die Familien noch in die Pflicht nehmen. Außerdem: Generell "geht es immer um die Frage, ob das  Geld (des Staats) reicht und um die Frage: Was ist uns die Arbeit am Menschen wert?"

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