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    Karlstadt

    Moderne Behandlungsoptionen sichern die Lebensqualität

    Dr. Peter Kraft, Chefarzt für Neurologie am Klinikum Main-Spessart, widmete seinen Vortrag der Krankheit Multiple Sklerose. Foto: Jürgen Kamm

    Oft ist eine plötzliche leichte Sehschwäche das erste Symptom. Doch auch zeitweise Lähmungen und unerklärliche Schmerzen können auf Multiple Sklerose (MS) zurück gehen. Dr. Peter Kraft, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Main-Spessart, stellte Beschwerden, Diagnosemöglichkeiten und Verlaufsformen an den Anfang seines Vortrages "Leben mit MS" in der Volkshochschule Karlstadt.

    MS ist eine autoimmune, chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, bei der die Markscheiden, die elektrisch isolierende äußere Schicht der Nervenfasern im Zentralnervensystem (ZNS), angegriffen werden. Trotz intensiver Forschung sind die genauen Ursachen der nach Epilepsie häufigsten neurologischen Erkrankung noch nicht geklärt.

    Zur Diagnose erklärte Peter Kraft, dass viele Patienten tatsächlich vom Augenarzt zum Neurologen geschickt werden. Standarduntersuchungen sind MRT-Bilder von Gehirn und Rückenmark, in denen entzündete Nerven erkannt werden können. Auch Blut und Nervenwasser (per Lumbalpunktion) werden üblicherweise untersucht. Dazu kommen weitere Tests wie die elektrische Spannungsänderung von Muskeln auf Reize. Letztlich ist es eine Ausschlussdiagnose, weil es keinen eindeutigen Laborwert oder sichere bildgebende Verfahren gibt. Auffällige MRT-Ergebnisse könnten auch durch einen Vitamin-B12-Mangel oder die Geschlechtskrankheit Syphilis entstehen.

    Dass MS oft schubweise verläuft, ist schon fast Allgemeinwissen. Typisch sind Symptome und Ausfälle für wenige Tage mit mindestens 30 Tage Pause dazwischen. Anfangs bilden sich die Symptome komplett zurück, im Laufe der Zeit aber nicht mehr. Es gibt auch Verlaufsformen mit schleichender Verschlechterung sowie auch in Kombination mit Schüben.

    Wie häufig ist MS? Dr. Peter Kraft sprach von 130 000 Betroffenen in Deutschland und 2,5 Millionen weltweit, die Zahlen steigen wegen besserer Diagnosemöglichkeiten. Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer. Meist erfolgt die Erstdiagnose zwischen dem 20 und 30 Lebensjahr, aber auch über 60-Jährige erkranken. 

    Es scheint auch eine erbliche Komponente zu geben. Bei Studien mit eineiigen Zwillingen betrug die Wahrscheinlichkeit, dass beide an MS erkranken, eins zu vier gegenüber eins zu 700 in der Bevölkerung. Für die Kinder erkrankter Eltern liegt sie bei eins zu 25.

    Weiter ist eine MS-Erkrankung auch kein Grund, auf Impfungen zu verzichten. Totimpfstoffe (etwa gegen Grippe und Hepatitis B) sind generell unproblematisch, Lebendimpfstoffe außerhalb der Schübe möglich. Wichtige Risikofaktoren sind laut Studien Rauchen (auch Passivrauchen) und deutliches Übergewicht insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Als Präventionen erscheinen eine Ernährung mit viel Fisch und Vitamin D  sowie Prä- und Probiotika  sinnvoll. Gering bleiben sollte der Salzkonsum. Bei der medikamentösen Behandlung von Schüben ist Cortison die erste Wahl.

    Der Chefarzt ging ausführlich auf die unterschiedlichen Medikamente und ihre Nebenwirkungen ein. Dabei unterschied er zwischen der Basis- und der Eskalationstherapie. Mittel der Basistherapie  müssen typischerweise täglich eingenommen werden. Bei Medikamenten für die Eskalationstherapie (Bekämpfung akuter Beschwerden) gibt es Substanzen, die zweimal für fünf Tage eingenommen werden und dann ein Jahr nicht mehr. Ein anderes Mittel wird einmal monatlich per Infusion verabreicht. Weil die Eskalations- deutlich wirksamer als die Basistherapie ist, geht der Trend zur Strategie "hit hard und early" (früh und heftig).

    Manche Medikamente haben so schwere Nebenwirkungen, dass sie nur eine begrenzte Zeit genommen werden können. Andererseits treten viele Nebenwirkung nicht bei allen Patienten auf.

    Unterm Strich sprach Dr. Peter Kraft am Ende von einer häufigen neurologischen Erkrankung, die zwar schwierig zu diagnostizieren sei, für die aber gute Behandlungsoptionen zur Verfügung stünden. Ziel sei, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten und dank geringer Symptome eine gute Lebensqualität zu erhalten.

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