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    Karlstadt

    Nahverkehr in Main-Spessart soll besser werden

    Monika Mützel, die Nahverkehrsbeauftragte im Landkreis Main-Spessart: "Wir haben jetzt Gestaltungsmöglichkeiten, die es vorher nicht gab." Foto: Karlheinz Haase

    Während in den Ballungsgebieten das Auto gerade unter jungen Leuten eine immer geringere Rolle spielt, weil dort der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut ist, nimmt in Main-Spessart die Zahl der zugelassenen Pkw immer noch zu. 2007 waren es 23 164 Autos, fünf Jahre später 24 257 und 2017 dann 25 330, also alle fünf Jahre mehr als 1000 zusätzlich. Doch auch in Main-Spessart soll das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln attraktiver werden. Ab November ist der Landkreis unter Federführung der Nahverkehrsbeauftragten Monika Mützel für die Buslinien in Main-Spessart verantwortlich. Vorher waren es die Busunternehmer. Der Landkreis kann auch Fahrten ermöglichen, die keinen Gewinn abwerfen. Ab November wird der neue Fahrplan mit einem erweiterten Angebot gelten. 

    Frage: Frau Mützel, es ist immer wieder die Rede davon, dass ÖPNV nur in Ballungsgebieten gut funktionierten kann. Im ländlichen Raum werde man weiterhin aufs Auto angewiesen sein. Stimmt das?

    Monika Mützel: Die Schüler kommen in Main-Spessart zu 100 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule. Und wir sind dran, das auch für die Berufstätigen zu verbessern. Unser Angebot ist in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden – aber vielleicht unbemerkt. Bei den Bürgern ist oft nicht bekannt, wie gut das Angebot tatsächlich ist. Es gibt aus früheren Zeiten auch oft noch den Glauben: Das ist ein Schulbus, mit dem darf ich nicht fahren. Dabei wurde das schon vor rund 30 Jahren geändert.

    "Bei den Bürgern ist oft nicht bekannt, wie gut das Angebot tatsächlich ist."
    Monika Mützel, Nahverkehrsbeauftragte für die Buslinien in Main-Spessart
    Dennoch steigen die Zulassungszahlen für Kfz in Main-Spessart weiter. Ist denn da eine Kehrtwende denkbar?

    Mützel: Autofahrer sind verwöhnt. Die sagen: Ich will nicht eine halbe Stunde warten, ich will jetzt gleich losfahren. In den Ballungszentren ist der Druck da: Wo stelle ich mein Fahrzeug hin? Aber auch hier auf dem Land braucht nicht jeder ein Auto. Wir versuchen besonders die Jugend mobil zu halten, indem wir Rufbusse einsetzen, die nach Bedarf fahren und nicht ständig Kosten verursachen. 

    Der Rufbus ist aber erheblich teurer. Dabei gelten die Nahverkehrsfahrten ohnehin schon als teuer – wenn man mal den Vergleich zieht zu einer Fahrt mit einem Sparticket nach München oder Berlin.  

    Mützel: Momentan kostet der Rufbus das Doppelte der einfachen Busfahrkarte. Aber wir sind gerade dabei das zu ändern. Er soll dann auch nicht teurer als der normale Linienbus sein. Wir haben jetzt gerade den Wechsel, dass von den Landkreislinien nur noch wenige von den Busunternehmern eigenwirtschaftlich betrieben werden. So haben wir Gestaltungsmöglichkeiten, die es vorher nicht gab. Vorher hat der Unternehmer zum Beispiel immer klar vorgegeben: Ich kann nur fünfmal am Tag fahren, damit es kostendeckend ist. Jetzt kann der Landkreis sagen: Ich brauche Fahrten zu bestimmten Zeiten. Und der Landkreis kann die Prioritäten anders setzen – sich um die Daseinsvorsorge kümmern, etwas für den Klimaschutz tun, den steigenden Anteil älterer Personen berücksichtigen und versuchen, dass mehr Berufstätige mit dem ÖPNV fahren. 

    Welche Linien bleiben im eigenwirtschaftlichen Betrieb? 

    Mützel: Das ist die von Lohr über Karlstadt nach Würzburg, außerdem die im Sinngrund nach Jossa und die kleine Linie von Marktheidenfeld nach Böttigheim. Und dann noch die Stadtverkehre in Lohr und Marktheidenfeld.

    Die Strecke zwischen Lohr und Marktheidenfeld wird beschleunigt. Foto: Roland Pleier
    Wo wird es Verbesserungen geben? 

    Mützel: Es gibt mehr Fahrten. Und es gibt Erweiterungen, indem beispielsweise der Bahnhof Retzbach auf der Linie zwischen Marktheidenfeld über Zellingen nach Karlstadt angeschlossen wird. Und wir beschleunigen die Strecke von Lohr nach Marktheidenfeld, indem nicht alle Seitenäste wie Bergrothenfels oder Windheim angefahren werden. Die sind durch die Linie von Marienbrunn-Glasofen als Zubringer angebunden. Und der Fahrplan ist so gestaltet, dass diese Anbindung funktioniert.

    "Die gute Botschaft ist, dass wir nicht schlechter werden."
    Monika Mützel, Nahverkehrsbeauftragte für die Buslinien in Main-Spessart
    Wie wird der ÖPNV finanziert? 

    Mützel: Im vergangenen Jahr haben wir 1,1 Millionen Euro für den Nahverkehr im Landkreis ausgegeben. Der Freistaat Bayern unterstützt jetzt den Landreis Main-Spessart. Im Jahr 2017 war es ein Zuschuss von 600 000 Euro. Es gibt also Bestrebungen, mehr Förderung in die ländlichen Gebiete zu bringen.

    Interessant wäre es, wie viel es kosten würde, in Main-Spessart alle Orte wie in der Schweiz im Stundentakt anzufahren.

    Mützel: Das ist noch nicht eruiert worden. Es gibt bayernweit eine Richtschnur, in welchem Takt die Orte angefahren werden sollen. Das ist einwohnerabhängig. Diese Richtlinie müssen wir als Aufgabenträger als Grundlage nehmen. Davon werden aber auch nicht nur die Fahrten subventioniert, sondern beispielsweise auch barrierefreie Haltestellen und Busse.    

    Ob Stadtbus-Linien wie die in Lohr europaweit ausgeschrieben werden müssen oder nicht, hängt von den Kosten ab.  Foto: Johannes Ungemach
    Ich reite mal auf meinem Lieblingsbeispiel Heßlar herum. Dort gab es bisher in den Ferien nur eine einzige Busverbindung, obwohl das ein Stadtteil von Karlstadt ist. Wenn Karlstadt ähnlich wie Lohr einen Stadtbus einführen würde, müsste das dann auch europaweit ausgeschrieben werden?  

    Mützel: Dafür gibt es eine Wertgrenze, die bei 443 000 Euro im Jahr liegt. Darunter muss nicht europaweit ausgeschrieben werden. Und man kann darunter bleiben, indem man einen Bürgerbus einführt.

    Warum verursacht ein Bürgerbus geringere Kosten? 

    Mützel: Den können auch Minijobber oder Ehrenamtliche fahren. Es gibt noch weitere Unterschiede: Der Bürgerbus kann an viel mehr Punkten halten. Er ist nicht an offizielle Haltestellen gebunden. Der Linienbus dagegen muss fest ausgewiesene Haltestellen abfahren, die abgenommen sein müssen. Grundsätzlich ist der Bürgerbus ein Element aus der Reihe Linienbus, Bedarfsbus, Bürgerbus, Taxi. Wo es sich nicht lohnt, mit einem großen Bus zu fahren und man mit einer anderen Bedienform dasselbe Ziel erreicht, sind wir völlig offen. Aber wenn ein Bürgerbus eingerichtet wird, ist es auch gut, wenn er in den anderen Nahverkehr eingebunden ist. Wenn also jemand aus Heßlar in Würzburg arbeitet, muss er zum Bahnhof in Karlstadt kommen und sollte die Strecke mit einer Fahrkarte fahren können. So ein Bus soll die Menschen zu Umsteigepunkten bringen und nicht nur hin- und herfahren.

    Wie kann der ÖPNV Main-Spessart in zehn Jahren aussehen?

    Mützel: Die gute Botschaft ist, dass wir nicht schlechter werden. Wir wollen den Bestand sichern und die Qualität verbessern und auf ein höheres Niveau kommen. Wir können mit jedem Fahrplanwechsel – also jährlich – etwas ändern. 

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