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    Lohr

    Nazi-Schläger im Zug: Eine Prozess-Nachlese

    Warum melden sich nicht mehr Zeugen? Warum drängen sich neun Personen um ein Laptop? Warum wehrte sich das Opfer nicht? Nicht alle Fragen im Prozess wurden beantwortet.
    Hier wurde der Fall aus Lohr verhandelt: im Justizzentrum Würzburg. Foto: Thomas Obermeier

    Am 15. Juli im Regionalexpress nach Lohr tat ein Mann aus Main-Spessart das,  was der Bundespräsident bei seiner Neujahrsansprache forderte: Er zeigte Zivilcourage. Er stand buchstäblich auf gegen zwei Neonazis. Sie sollten ihre Nazi-Musik ausmachen, forderte er. Sie reagierten ohne Vorwarnung mit brutalen Fauststößen. Am Mittwoch nun schickte das Schöffengericht beide Schläger für zwei Jahre und vier Monate hinter Gitter. Nachbetrachtungen zu einem achtstündigen Prozess, dessen Details aufschlussreich sind.

    Was waren das für Männer?

    Der lange Hesse mit der Blood&Honour-Tätowierung auf dem Bauch: 40 Jahre alt, trägt den Namen des Ziehvaters, ledig, zwei Kinder bei der Mutter. Hauptschule abgeschlossen, Maurerlehre abgebrochen, zuletzt als Gerüstbauer tätig. Privatinsolvenz, elf Vorstrafen. Die Verlobte in Köln ist schwanger. Vor Gericht in Jeans und Sweatshirt, wirkt ausgesprochen ruhig, gelassen, sparsam mit Worten, bleibt als einziger auf seinem Platz sitzen, während alle anderen Beteiligten die Beweis-Videos gucken.  

    Der muskulöse Sachse mit Glatze, trägt sportliche Freizeitklamotten, kleinen Ring im Ohr. 35 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder bei der Mutter. Realschulabschluss mit 2,2. Schlosserlehre abgebrochen, 18 Vorstrafen, illegale Drogen nach kaltem Entzug durch Alkohol ersetzt, eigenen Angaben zufolge "in keiner politischen Organisation" und erst "in den letzten Monaten" im rechten Spektrum unterwegs. 

    Wie haben sie ihre Tat gerechtfertigt?

    Gar nicht. "Das ist durch nichts zu rechtfertigen", ließ der lange Hesse seinen Anwalt sagen.

    Welches Musikstück löste den Konflikt aus?

    Das blieb offen. "Zecken schlagen" war die Phrase, die der 64-Jährige gehört hatte. "Zecken" sei ein menschenfeindlicher Begriff, sagte er, sei entmenschlichend. Für den Zugbegleiter war es "ganz normale Rapper-Musik". Bei der auf dem Handy gespeicherten Musik sei die "Sympathie zu Rechtsextremismus" unverkennbar, so der Kripo-Beamte. Stücke der Rechtsrock-Band "Landser" waren dabei, von "Krawallbrüder", „Kommando Skin“ und "Harte Worte". Letztere stehe nicht auf dem Index, sagte er, sei aber dem rechten Milieu zuzurechnen. "Es gibt auch rechtsextremen  Punk." Der Polizist hatte nicht alles abgehört. Sein Eindruck zusammengefasst: viel Gitarrengeschrubbe und (oft unverständliches) Geschrei.

    Wie der Nebenkläger seinem Peiniger auf den Zahn fühlte

    "Assi, Ossi, Nazi!" So habe der 64-Jährige sie provoziert, behauptete der muskulöse Sachse. Stunden später, bei seinem Plädoyer, hakte der Nebenkläger nach. Er war sich sicher, kein Schimpfwort benutzt zu haben. Ob er den Vorwurf aufrecht erhalte, wollte er von dem 35-Jährigen wissen – die Nagelprobe. Letzterer gab klein bei: "Ich nehme das zurück." Die Taktik seines Verteidigers war nicht aufgegangen. 

    Der gescheiterte Trick und ein Geständnis auf Raten

    Dies galt auch für ein Dementi: "Sieg Heil" habe sein Mandant am Nürnberger Bahnhof nicht gerufen, stritt ein Verteidiger ab. Stimmt bedingt. Tatsächlich teilten sich die beiden den Hitler-Gruß: Der eine  schrie "Sieg!", der andere "Heil!", wie ein Video belegte. "Möglicherweise, um den Straftatbestand zu umgehen", interpretierte der Kripo-Beamte. Gleichmaßen skandierten sie "White Power", was der Sachse ebenfalls abstritt. "Kann so sein", räumte er auf Nachfrage des Richters später ein. Erst als dieser insistierte, kam schließlich das bekennende "Ja". 

    Was hat das halbe Jahr Untersuchungshaft bewirkt?

    Er habe "an seiner Einstellung gearbeitet", wolle sich ändern und distanziere sich von Rechtsextremismus, sagte der Anwalt des langen Hessen.  Als Gefangenensprecher habe  er auch mit Ausländern zu tun. Das Tattoo wolle er entfernen. In einem Nebensatz bemerkte der Richter allerdings, dass der Angeklagte dies auch schon vor Jahren angekündigt habe. Bereits Ende Juli hatte er einen Entschuldigungsbrief an sein Opfer geschickt. "Man rutscht rein, man rutscht auch wieder raus", sagte er. "Ich habe was gelernt in den letzten sechs Monaten." Kommentar des Staatsanwalts: "Ich glaub kaum noch an Beteuerungen." Reue könne man vielleicht unterstellen. "Aber ich bin skeptisch, hab' Zweifel."

    Der muskulöse Sachse hatte sich erst im Dezember zu einem Weihnachtsgruß durchgerungen. Angekommen war dieser bis dato nicht. Er entschuldigte sich persönlich im  Prozess und danach sogar mit Handschlag. Er werde das Gefängnis erst verlassen, wenn er sein Alkoholproblem gelöst habe, zitierte ihn sein Anwalt, der auch eine lange, sehr positiv klingende Stellungnahme über die Teilnahme seines Mandanten an einem Anti-Aggressionstraining verlesen ließ. Dieses wolle er noch intensivieren, versicherte der 35-Jährige. Er habe auch eine Lehre als Baugeräteführer angefangen, "damit ich endlich 'was in der Hand hab'". Kommentar des Richters: "Entschuldigungen kommen meist dann, wenn man lange in Haft gesessen hat."

    Warum hat sich der 64-Jährige nicht gewehrt?

    Er wollte verhindern, dass die beiden Neonazis den öffentlichen Raum besetzen, suchte die Auseinandersetzung aber mit Worten. Auch wenn er nach Fauststößen wegsackte, rappelte er sich wieder auf. "Ich wollte mich nicht einschüchtern lassen." Auf den Entschuldigungsbrief des 40-Jährigen habe er nicht reagiert, weil er keine "Änderung der Einstellung" herausgelesen habe. "Wenn es bewirkt, dass ein Umdenken einsetzt und sie sehen, wozu die brutale Diktatur eines grausamen Regimes geführt hat, dann war für mich alles letztlich doch positiv", sagte er in seinem Plädoyer. 

    Das Dilemma der Polizei

    An jenem Montagabend im Juli hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. Eine Schlägerei mit drei Personen hatte die Einsatzzentrale nach Lohr gemeldet. Für den "ersten Angriff" standen lediglich ein routinierter Streifenpolizist und ein Polizeipraktikant mit eineinhalb Jahren Erfahrung zur Verfügung. Alle anderen waren im Einsatz. Die beiden taten, was möglich war: Mit den "leicht aufgebrachten" Schlägern am Gleis 3 "deeskalierend" reden; aufpassen, dass sie nicht fliehen; Täter und Opfer getrennt halten; Zeit gewinnen, bis Verstärkung aus Marktheidenfeld und von der Bahnpolizei eintrifft. In dieser Situation "noch Zeugen finden, war schwierig", machte der Polizist deutlich.  

    Warum schauten in Nürnberg, Würzburg und Lohr so viele weg?

    Mit im Wagon oben saßen mindestens drei Frauen. Eine von ihnen ahnte, dass Ärger droht und suchte sofort den Zugbegleiter, als die beiden Schläger aufsprangen. "Ich hab richtig Angst gehabt", sagte die 40-Jährige vor Gericht. Von der Musik hatte sie nichts mitbekommen: Sie hörte selbst über Kopfhörer laute Musik. Von den anderen Frauen im Abteil meldete sich keine als Zeugin. Auf den Zeugenaufruf reagierte nur eine weitere Frau, die im unteren Stockwerk des Regionalexpress gesessen hatte und lediglich berichten konnte, wie der 64-Jährige "mit blutigem und verschwollenem Gesicht" nach unten kam.

    Dass die beiden auch wegen ihrer Sieg-Heil-Rufe verurteilt wurden, ist allein dem 64-Jährigen zu verdanken. Nicht bekannt geworden wäre auch, dass die beiden sich im ICE nach Würzburg schon rüpelhaft benommen hatten: Sie drängten sich in den ICE, während noch Fahrgäste ausstiegen, und belästigten Leute mit lauter Musik sowie Schimpfworten wie "schwule Sau" und "Bimbo". Deshalb wurden sie in Würzburg auch aus dem ICE komplimentiert, erläuterte der Kripo-Beamte. Der Zugbegleiter allerdings hatte den Vorfall nicht gemeldet. 

    "Zugbegleiter haben sich ein dickes Fell angeschafft. Da wird so manches ausgehalten oder unter den Tisch gekehrt." Wollte man alles ahnden, müsste viel öfter die Bahnpolizei eingeschalten werden, käme es öfter zu Verspätungen. "Ich wundere mich schon, dass sich in Nürnberg oder Würzburg keine anderen Fahrgäste gemeldet haben", sagte Richter Mark Kurzawski.

    Welche Rolle spielte der Alkohol?

    Keine. Zumindest nicht für das Urteil. Mindestens fünf Stunden waren die beiden unterwegs von Mittelsachsen bis Lohr – und hatten dabei Bier und Whiskey getrunken. 2,2 Promille hatte der eine, 1,1 der andere. Natürlich argumentierten beide, sie seien ja betrunken gewesen. Doch dies war allenfalls zu riechen. Geschwankt oder gelallt habe keiner, sagten etliche Zeugen aus. "Keine Ausfallerscheinungen", sagte der Polizist, der sie vorläufig festgenommen hatte. "Wer sich betrinkt, der muss auch die Verantwortung dafür tragen", machte der Richter deutlich. 

    Gedränge hinter dem Richter und den beiden Schöffen: der Staatsanwalt, einer der Angeklagten, das Opfer und drei Anwälte betrachten Videos mit hoher Beweiskraft auf einem kleinen Laptop. Dilettantische Zeichnung eines Reporters während der minutenlangen Prüfung des Beweismaterials.  Foto: Roland Pleier

    Welch bizarre Situation ein Gerichtszeichner hätte festhalten können

    Bei dieser Situation am Nachmittag hätte man sich einen Gerichtszeichner gewünscht: Sechs Personen drängten sich hinter Richter Kurzawski und die beiden Schöffen, um auf dem kleinen Bildschirm eines Laptops das Video der Überwachungskamera im Zug und Videoschnipsel vom Handy des 40-Jährigen anzuschauen. Die Pressevertreter fragten an, ob sie denn auch einen Blick auf die Aufzeichnungen werfen dürfen – was einer der Verteidiger abblockte mit einem barschen "Natürlich nicht!" Was so nicht stimmt: Es ist durchaus üblich, dass Videos für alle sichtbar auf eine Leinwand projiziert werden. Nur hatte dieser Sitzungssaal keinen Beamer und ein größerer Bildschirm schied als Ersatz aus, weil er keinen USB-Anschluss hatte.

    Sind die beiden in ein Netzwerk eingebunden?

    Bei der Verhandlung gab es keinerlei Hinweise darauf. 

    Was ist mit dem Teil der Anklage, der an die Staatsanwaltschaft Chemnitz abgegeben wurde?

    "Wir haben die beiden schon im Visier", erklärt die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Chemnitz, an die ein Teil des Verfahrens abgegeben wurde. Es richtet sich gegen den 40-Jährigen, wurde im Hinblick auf die Würzburger Verhandlung jedoch vorerst eingestellt. Nach Angabe der Pressesprecherin geht es um einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und den möglichen Besitz einer Schusswaffe. Ein Foto von dieser hatten die Ermittler auf dem Handy des 40-Jährigen gefunden. Sobald das Urteil rechtskräftig ist, entscheidet der dortige Staatsanwalt, ob er das abgetrennte Verfahren wieder aufnimmt oder nicht.

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