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    GEMÜNDEN

    Ohne Zulassung weitergearbeitet

    „Ich liebe diesen Beruf“ sagte ein Jurist vor dem Amtsgericht Gemünden, der sich als Angeklagter selbst einen Anwalt genommen hatte. Vor knapp einem Jahr war er an eben diesem Gericht als Anwalt in Zivilprozessen aufgetreten, obwohl ihm die Anwaltskammer wenige Tage zuvor die Zulassung entzogen hatte. „Missbrauch von Berufsbezeichnungen“ warf der Oberstaatsanwalt deshalb dem 73-Jährigen aus dem Landkreis vor.

    Er bezog sich damit auf vier anwaltliche Vertretungen in Zivilprozessen im November 2014 sowie zwölf Schreiben an das Gericht vom November und Dezember. Die trugen den Briefkopf der Kanzlei samt dem Wort „Anwalt“.

    „Das wird im vollen Umfang eingeräumt“, sagte der Verteidiger, der betonte, dass es sich bei den Fällen um keine neuen Mandate handelte. „Ich wollte den Leuten helfen“, so der ehemalige Anwalt, „das war mein großer Fehler“. Es seien seit Jahren laufende Verfahren vor dem Familiengericht gewesen, die teilweise immer noch nicht beendet wären.

    Am 10. Dezember habe er endgültig die Reißleine gezogen, Tage bevor ihm die Kammer jegliche anwaltliche Tätigkeiten untersagte und die Polizei seine Kanzlei durchsuchte. Dabei wurde er auch mit dem Ermittlungsverfahren gegen ihn konfrontiert.

    Ob er sich Gedanken über mögliche Auswirkungen seiner Auftritte vor dem Familiengericht gemacht habe, fragte Richter Christian Spruß. „Ich wollte die Verfahren zu Ende bekommen“, antwortete der ehemalige Anwalt. Eine Besonderheit dabei ist, dass er ab dem Entzug der Zulassung keine Rechnungen mehr schreiben konnte, seine Mandanten bekamen also die Arbeit eines ehemaligen Anwalts mit über 40 Jahren Berufserfahrung umsonst. Sein derzeitiges Einkommen gab er mit „weniger als 1000 Euro im Monat“ an.

    „Niemand hatte Rechtsnachteile, das kann man nicht so hoch hängen.“
    Der Verteidiger bittet um Milde bei der Urteilsfindung

    Auf die Frage des Staatsanwaltes, warum die Zulassung entzogen wurde, antwortete der Jurist, das gehe auf einen Steuerstreit mit dem Finanzamt zurück, wodurch ihn die Anwaltskammer als überschuldet eingestuft habe, obwohl es aus seiner Sicht keinen Vermögensverfall gebe. Aufgrund des vollumfassenden Geständnisses des Angeklagten war in der Verhandlung keine aufwändige Beweisaufnahme nötig.

    Trotz des Geständnisses und des hohen Alters des Angeklagten kam für den Oberstaatsanwalt nur eine Freiheitsstrafe in Betracht, weil es insgesamt um 16 Taten ging. Bei vier Monaten für jede Tat beantragte er eine Gesamtstrafe von einem Jahr und drei Monaten.

    „Niemand hatte Rechtsnachteile, das kann man nicht so hoch hängen“, argumentierte der Verteidiger. Nach Jahrzehnten als Anwalt die Zulassung entzogen zu bekommen sei ein Desaster gewesen, das sich menschlich gut nachvollziehen lasse. Insgesamt seien die Taten nicht so schlimm, dass der Angeklagte eingesperrt werden müsse.

    Der Angeklagte entschuldigte sich für seine Taten. Er hofft, mit dem Finanzamt klar zu kommen, um wieder als Anwalt arbeiten zu können.

    Ein Jahr und drei Monate auf Bewährung wegen Missbrauchs von Berufsbezeichnungen lautete das Urteil von Richter Spruß. Ihn habe das Geständnis und die Reue des 73-jährigen überzeugt. Als Bewährungsauflage verfügte der Richter die Zahlung von 3600 Euro in 48 Monatsraten, was dem Bewährungszeitraum von vier Jahren entspricht, an die Dorfgemeinschaft Hohenroth. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht.

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    Von unserem Mitarbeiter Jürgen Kamm

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