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    Lohr

    Prügel im Zug bei Lohr wegen Beschwerde über Nazi-Musik

    Es geschah im oberen Abteil des Main-Spessart-Expresses: Karl R. wollte verhindern, dass zwei Männer Musik mit gewaltverherrlichenden Texten abspielten – und wurde dafür gewalttätig attackiert.
    Foto: Roland Pleier

    Die beiden Männer, die ihn im Zug kurz vor Lohr mit massiven Faustschlägen mehrere Gesichtsknochen brachen, waren Neo-Nazis. Dessen ist sich Karl R. (Name von der Redaktion geändert) sicher. Nach dem, was der Berufspendler am Montagabend auf der Heimfahrt von Würzburg im Regionalexpress 54 erlebte, spricht zumindest vieles für diese Einschätzung des 64-Jährigen aus dem Main-Spessart. 

    Die Musik aus mobilen Lautsprechern sei ihm zu laut gewesen, weshalb er die Männer aufgefordert habe, die Lautstärke zu verringern, schreiben die Bundespolizeiinspektion und Staatsanwaltschaft Würzburg in einer am Freitag veröffentlichten Pressemitteilung. Karl R. hingegen stellt klar: Es war nicht die Lautstärke, die ihn aufstehen ließ, als der Zug durch den Gemündener Stadtteil Langenprozelten rollte. Es war der Inhalt. "Rechtsrockzeug", nennt es Karl R. im Gespräch mit der Redaktion. Von "Zecken schlagen" sei in den Liedtexten die Rede gewesen. Zecke ist ein fester Begriff der Nazi-Sprache. Gemeint sind damit – vereinfacht – Andersdenkende aus dem linken Spektrum. 

    "Die wollen den Leuten Angst machen – und ich wollte ihnen zeigen, dass ich keine Angst habe."
    Karl R.

    "Es kann nicht sein, dass Rechtsextreme öffentlichen Raum mit diesem gewaltverherrlichenden Zeug besetzen", macht Karl R. aus seiner Einstellung kein Geheimnis. Deshalb stand er auf. Bis dahin hatte er die beiden Männer aus Sachsen hinter der Rückenlehne seines Sitzplatzes nur gehört. Jetzt stand er ihnen gegenüber und forderte sie auf: "Macht die Nazi-Musik aus!" Bestimmt sei er aufgetreten, aber nicht Streit suchend, sagt er drei Tage später, noch im Krankenhaus.

    Karl R. schildert den weiteren Verlauf gegenüber der Redaktion so: Der kleinere der beiden, hellblaues T-Shirt, Glatze, erhob sich und schubste ihn zurück. Karl R. machte wieder einen Schritt nach vorne. Keinen Raum preisgeben, so sein Credo. Während er den Schubser im Auge hatte, schlug der andere zu. "Ich war total überrascht", so der 64-Jährige. "Ich hab nicht mit dieser Brutalität gerechnet." Karl R. sagt, er sei stehengeblieben. Zurückschlagen wollte er nicht, sondern sich mit Worten auseinandersetzen. "Ich habe noch nie einem Menschen einen Schlag versetzt", beteuert er und fügt hinzu: "Die wollen den Leuten Angst machen – und ich wollte ihnen zeigen, dass ich keine Angst habe."

    Ausriss aus dem Arztbericht: Diagnose Karl R. Foto: Roland Pleier

    "Fünf-, sechsmal mindestens" habe sich dieses Szenario in etwa wiederholt in den acht Minuten, die der Zug von Langenprozelten nach Lohr braucht. Mal schlug der eine, mal der andere, so der 64-Jährige.  Karl R. blieb standhaft, steckte die massiven Schläge weg. Erst als der Regionalexpress im Lohrer Bahnhof einfuhr und der Zugbegleiter kam, ließen die beiden von ihm ab. Die alarmierte Polizei nahm die beiden Schläger vorläufig fest, tags darauf ordnete der Haftrichter Untersuchungshaft an wegen des "dringenden Verdachts auf gefährliche Körperverletzung". Anfragen an die Anwälte der beiden brachten am Freitag kein Ergebnis.

    Das Tröpchen, das das Fass zum Überlaufen brachte

    Die Musik war offenbar das letzte Tröpfchen, welches das Fass für Karl R. zum Überlaufen gebracht hat. Kaum hatten die beiden Sachsen etwa zwei Minuten nach der Abfahrt des Main-Spessart-Expresses in Würzburg Platz genommen hinter ihm im oberen Stockwerk, hätten sie sich lautstark bemerkbar gemacht, "sehr eindeutig", wie Karl R. meint. "Hier stinkt's, hier sind Zecken", zitiert er sie. Dass sie schon vier Polizeikontrollen hinter sich hatten, hätten sie gefeixt. "Da wusste ich schon, was das für Typen sind. Ich hab schon geahnt, dass sich da was entwickelt." Wobei seine Sorge eher der Frau ihm schräg gegenüber gegolten habe, die eine etwas dunklere Hautfarbe hatte. Obwohl der Berufspendler ansonsten oft im Zug noch arbeitet, klappte er seinen Laptop an diesem Abend bald wieder zu.

    Am Lohrer Bahnhof, wo der Zug letztlich eine Stunde lang stand, brachte der Zugbegleiter Karl R. zur Sicherheit in ein anderes Abteil. Noch bevor der Rettungsdienst kam, ging er zu den beiden Polizeibeamten, die am Bahnsteig die Personalien der Schläger aufnahmen. Die beiden Sachsen, 34 beziehungsweise 40 Jahre alt, waren offenbar im Zug sitzen geblieben. 

    Staatsanwaltschaft gibt sich zurückhaltend

    Polizei und Staatsanwalt geben sich zurückhaltend, was einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund angeht. Ein T-Shirt könnte ein optischer Hinweis darauf sein, so Peter Wolf, Pressesprecher der Bundespolizei in Würzburg. Anhand der eingezogenen Handys versuche man herauszufinden, welche Musik tatsächlich gespielt worden sei. Diese Ermittlung laufe noch. Ebenso die Auswertung des sichergestellten Videomaterials. Fraglich sei, ob auch die Tonaufzeichnung im Hintergrund verwendbar sei, so Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen. Über die Vorstrafen der beiden Schläger machte er keine Aussagen. Dass die beiden alkoholisiert gewesen sein sollen, wie Karl R. in Erfahrung gebracht haben will, bestätigte die Staatsanwaltschaft am Freitagmittag nicht. 

    Mit diversen Frakturen von Gesichtsknochen und einer genähten Platzwunde in der Oberlippe verbrachte Karl R. vier Nächte im Lohrer Krankenhaus. Ihm ist es wichtig, dass der aus seiner Sicht eindeutig rechtsnationale Hintergrund des Vorfalls nicht verschwiegen wird. "Das wollen sie wissen: Wie weit können sie gehen." Dem habe er eine Grenze setzen wollen, betont er. "Wenn's um Gerechtigkeit geht oder auch darum, dem Schwächeren beizustehen, kann ich nicht zurückstecken."

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