• aktualisiert:

    GEMÜNDEN

    Radtour nach Gemünden: Trotz Multipler Sklerose mobil

    Radler gehören auf dem Gemündener Marktplatz zum gewohnten Bild. Einheimische, die auf einen Kaffee oder ein Eis kommen, aber auch viele Auswärtige, erkennbar ihren großen Packtaschen, die an einem der drei Flüsse der Stadt entlangradeln. Am Sonntagmittag bot sich jedoch ein nicht alltägliches Bild, als eine Gruppe Liegeradler in Gemünden einrollte.

    Die Räder haben drei Reifen und Sitze in unterschiedlicher Höhe. Liegend oder etwas aufrechter sitzend lässt sich damit fahren. Ein Elektroantrieb hilft. Für die Frauen und Männer ist das wichtig, denn die eigenen Muskeln sind schwach geworden. Viele von ihnen leiden unter Multipler Sklerose (MS), einer Muskelschwächekrankheit, die in Schüben ausbricht.

    Sechs Etappen an Sinn und Saale

    Gertraud Koch aus Geroda lebt seit 1984 mit MS. „Ich habe mich dazu durchgerungen, das anzunehmen“, erzählt die 65-Jährige in Bad Brückenau von ihrem Umgang mit der Erkrankung. Die Tour von der Kurstadt aus sinnabwärts nach Gemünden und saaleaufwärts bis Bad Kissingen mit dem Liegerad ist eine Premiere für sie.

    „Wenn andere mitfahren, denen es schlechter geht als mir, kann man das ja mal ausprobieren“, sagt sie. Zumindest bis zum Sonntag möchte sie alle Touren mitfahren. Insgesamt sind von Bad Brückenau aus Etappen an sechs Tagen geplant. Am Sonntag waren die Radler der Selbsthilfe-Gruppe von Obersinn über Burgsinn und Rieneck bis Gemünden unterwegs.

    Nach dem Mittagessen gab es für die Teilnehmer eine Führung durch die Gemündener Innenstadt, die mit den Liegerädern absolviert wurde. Die Räder durfte die Gruppe über Nacht in der Scherenberghalle abstellen. Am Montagmorgen verließen die Radler Gemünden wieder, saaleaufwärts in Richtung Hammelburg.

    Weit angereist

    Eine Freundin, die in Bad Kissingen lebt, schickte Edith Fern einen Artikel über die Radtour der MS-Selbsthilfegruppe Bad Brückenau. Sie war sofort begeistert. Mit ihren 77 Jahren ist sie die älteste Mitfahrerin – und auch die am weitesten gereiste. Mit dem Zug kam sie von Hennef/Sieg bei Bonn bis Fulda. Nachdem sie zweieinhalb Stunden gewartet hatte – in Bayern war Feiertag – kam doch noch ein Bus, der sie sicher nach Bad Brückenau brachte. Die Diagnose Multiple Sklerose begleitet Fern seit 44 Jahren. Warum sie trotzdem Sport macht? „Ich fordere das einfach von mir. Ich bin immer gern Fahrrad gefahren und möchte aktiv bleiben, solange es geht.“

    Das Fahrradfahren ist für Manfred Manowarda nicht nur ein Hobby. Es ist auch das Fortbewegungsmittel, das ihm noch geblieben ist. Etwa drei Kilometer schafft er noch zu Fuß, mit dem Rad sind gut noch zwischen 15 und 20 Kilometer drin. Früher ist er mehr als 100 Kilometer an einem Tag gefahren. Sein Arzt kennt ihn schon als begeisterten Radler. Er war es auch, der Manowarda auf die Radtour der MS-Selbsthilfegruppe Bad Brückenau hingewiesen hat. „Er hat zu mir gesagt, da müssen Sie mitfahren! Da war für mich sofort klar, dass ich das mache“, erzählt der 62-Jährige. Zudem leitet Manowarda die MS-Selbsthilfegruppe in Bad Neustadt.

    Wiederholung angedacht

    Mit viel Eigeninitiative hat André Pfister aus Bad Brückenau die Radtour organisiert. Zusammen mit seiner Frau Sonja, die schon lange an MS erkrankt ist, hat er schon mehrere ähnliche Erlebnisse mitgemacht. Er will diese Erfahrung nun auch anderen ermöglichen. „Die Freude und das Strahlen in den Gesichtern zu sehen, das ist mein Antrieb“, sagt er. Im nächsten Jahr soll es wieder eine Radtour durchs Sinntal geben, kündigte er jetzt schon an.

    Kontakt: Wer die MS-Selbsthilfegruppe kennenlernen möchte, für den ist Sieglinde Griebel aus Detter Ansprechpartnerin, Tel. (0 97 44) 9 30 00 03.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!