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    Zellingen

    Rathaus Zellingen von Schimmel betroffen

    Wegen Schimmel im Dachaufbau muss der Neubau des Zellinger Rathauses saniert werden. Konkretes erfuhren die Gemeinderäte mit der Vorstellung des Gutachtens vom Institut Peridomus durch dessen Leiter Gerhard Führer. Foto: Jürgen Kamm

    Dass die Luft im Archiv des Zellinger Bauamts dem dortigen Mitarbeiter nicht bekam, war der Anlass für eine Untersuchung auf Schadstoffe. Wie Gerhard Führer, Leiter des Instituts Peridomus und einziger vereidigter Sachverständiger für Innenraumbelastungen in Unterfranken, dem Zellinger Gemeinderat erklärte, fanden er und seine Mitarbeiter Schimmelbefall im Dach und im Fußboden.

    Wie der Experte erläuterte, gibt es inzwischen Leitlinien, um die Luft in Wohn- und Büroräumen standardisiert zu untersuchen. Dabei werde angesichts von rund 1000 bekannten Schadstoffen nicht nach einzelnen Stoffen, sondern nach bekannten schädlichen Stoffgruppen gesucht. Im Zellinger Rathaus wurden in insgesamt sechs Räumen Luft- und Staubproben genommen, verteilt auf das Dach- und Obergeschoss des Neubaus und den Altbau.

    Die Konzentration der chemischen Stoffe liegt deutlich unter der gesundheitlich bedenklichen Schwelle. "So sollte es sein", lautete Führers Fazit. Mittels Gaschromatograph und Massenspektrometer hatte er einzelne Stoffe nachgewiesen und quantifiziert. Es handelte sich um Ethanol (Alkohol), vermutlich aus einem Glasreinigungsmittel, Glanzvermittler aus einem Bodenpflegeprodukt, typische Inhaltsstoffe von Raumbeduftungssprays und Flammschutzmittel aus Bauschäumen, letzteres aus einer Staubprobe.

    Schimmel an verschiedenen Stellen

    In vielen Räumen auffällig erhöht waren aber gasförmige Verbindungen, die typischerweise als Stoffwechselprodukt von Schimmelpilzen entstehen und auch für den typischen Schimmelgeruch sorgen. Um die Quelle zu finden – wo sitzt der Schimmel? – bediente sich der Gutachter eines inzwischen anerkannten "Messinstruments": einer Hundenase. Ähnlich wie Drogenspürhunde gibt es auf Schimmel trainierte Vierbeiner, die 95 Prozent Trefferquote erreichen. Im Fall des Zellinger Rathauses handelte des sich um einen dunklen Schäferhund. "Im Neubau zeigte er praktisch an allen Fugen zwischen Fußboden und Wänden an", erinnerte sich Gerhard Führer, "im Dachgeschoss zudem in allen Räumen auch noch oben" (also in Richtung Dach).

    Daraufhin wurde der Dachaufbau an insgesamt acht Stellen von unten geöffnet. Hier fand sich laut Führer ein typisches Bild: Hinter den Gipskartonplatten folgten eine Dampfsperre und Mineralwolle als Dämmung, die durchfeuchtet war und damit Quelle des Schimmels. Das Wasser kam von den Dachziegeln. Bei Starkregen und insbesondere zusammen mit Wind sind diese nicht wirklich dicht. Zur Bauzeit dieses Gebäudeteils war das die übliche Bauweise, inzwischen wird zwischen Ziegel und Dämmmaterial längst eine Unterspannbahn installiert, die solchen Schäden vorbeugt.

    Auch Untersuchungen im Boden wiesen durchfeuchtete Dämmschichten nach, besonders dramatisch wieder im Archiv. Dort war eine Trennlage Wachspapier vom Schimmel praktisch komplett aufgelöst worden. Dieses Schadensbild weist auf einen Wasserschaden in der Vergangenheit hin. Das Archiv war auch der einzige Raum mit gesundheitlich bedenklichen Werten.

    Kräftig lüften

    Die Empfehlungen aus dem Gutachten klingen recht einfach: Als Sofortmaßnahme staubbindende Maßnahmen wie Staub saugen mit feinen Hepa- und Aktivkohlefiltern. Und ein optimiertes Lüftungsverhalten – oft (mehrmals täglich), kurz und kräftig. Langfristig muss das Dach saniert werden – auch wegen der gefundenen bautechnischen Mängel. Dabei wird auch das schimmelnde Dämmmaterial ausgetauscht.

    Die Fußböden können dagegen bleiben. Hier liegt das Dämmmaterial unter dem schwimmenden Estrich. Es wird abgeschottet, der Einbau der speziellen Randstreifen zwischen Boden und Wänden mit Filtersystem läuft bereits.

    Viele Gebäude betroffen

    Der Experte wies auch darauf hin, dass Schimmel in Gebäuden gleichermaßen ein altbekanntes Problem wie auch eines mit Zukunft ist: Bei einer Studie im Jahr 2003 mit 5500 untersuchten Wohnungen wurde bei zehn Prozent Schimmel nachgewiesen, bei 20 Prozent Schimmel und Feuchtigkeit. Fachleute gingen inzwischen von verdecktem Schimmel in mehr als jeder zweiten Wohnung aus.

    Weiter gab Gerhard Führer zu bedenken, dass es jährlich rund 1,1 Millionen Wasserschäden in Deutschland gibt. Er riet auch allen Bauherren, ihre Neubauten untersuchen zu lassen. Bei einer Studie mit 300 Objekten sei in allen Schimmel gefunden worden. Das sei auch kein Wunder, mit Mörtel und Putz würden beim Bau in ein typisches Einfamilienhaus rund 10 000 Liter Wasser eingebracht. Architekten und Bausachverständige wollten dieses Problem oft nicht wahrhaben.

    Lüftungsanlagen kommen meist zu spät

    Diskussionen und Fragen zu dem Gutachten, das den Mitarbeitern der Verwaltungsgemeinschaft Zellingen schon vor Wochen vorgestellt wurde, gab es kaum. Gemeinderätin Barbara Gehrig wollte wissen, ob man mit immer dichteren Bauen und besserer Dämmung nicht in ein Extrem verfalle. Dazu sagte Gerhard Führer, zu besserer Dämmung gebe es keine Alternative, aber je besser gedämmt werde, um so kritischer würden die Fehlstellen.

    Zu Lüftungsanlagen bemerkte der Experte, diese könnten die typischen Neubauschäden nicht verhindern, weil sie dafür viel zu spät eingebaut und eingeschaltet würden: Noch nach der Elektroinstallation. Da sei das Wasser längst eingebracht und auch der Schimmel meist schon da.

    Wegen Schimmel im Dachaufbau muss der Neubau des Zellinger Rathauses saniert werden. Konkretes erfuhren die Gemeinderäte mit der Vorstellung des Gutachtens vom Institut Peridomus durch dessen Leiter Gerhard Führer. Foto: Jürgen Kamm

    Bearbeitet von Jürgen Kamm

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