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    Karlstadt

    Sack Zement: Biotope für die Steinlaus

    Der Pschyrembel. Foto: Karlheinz Haase

    Den Pschyrembel ist ein grünes Buch, ein dickes Buch. Zumindest jedem Mediziner ist es geläufig. Für Nichtmediziner: Benannt ist das Nachschlagewerk nach dem Frauenarzt Willibald Pschyrembel (1901 bis 1987). Es ist das Lexikon der medizinischen Begriffe. Wer darin blättert, findet fast auf jeder Seite hässlichste Bilder von Krankheiten wie Dakryadenitis, Erythematodes integumentalis oder Frambösie, und das auch noch in Farbe. Da mischt sich die Dankbarkeit, diese Krankheiten nicht zu haben, mit der Furcht, sie zu bekommen. Eigentlich ist es ein Lexikon des Grauens.

    Doch darin findet sich auch die Steinlaus. Auch hierzu eine kleine Erlärung: Es handelt sich keineswegs um eine Krankheit, sondern um ein von Loriot erfundenes Tierchen, das Eingang in dieses klinische Wörterbuch gefunden hat. Wissenschaftlich erklärt wird die Steinlaus im Pschyrembel folgendermaßen: Kleinstes einheimisches Nage­tier mit ei­ner Größe von 0,2 bis 0,4 Millimetern aus der Familie der La­pivo­ra (Erst­be­schreibung 1983). "Bei der Steinlaus handelt es sich um einen ubiquitär vor­kom­men­den, in der Regel apatho­genen und stimmungs­aufhellen­den Endoparasiten." Nachdem der Verlag diesen Scherzeintrag in einigen Auflagen weggelassen hatte, kam es zu heftigen Protesten. Inzwischen ist die Steinlaus wieder fester Bestandteil des Lexikons.   

    Die Steinlaus im Pschyrembel. Foto: Karlheinz Haase
    Schotter am Schnellertor. Foto: Karlheinz Haase

    Nun gibt es Menschen, deren Tierliebe sich auf junge Kätzchen und treudoof dreinblickende Hunde beschränkt. In der Stadtverwaltung Karlstadt und im Landratsamt Main-Spessart betrachtet man das Thema Tier- und Naturschutz dagegen nüchtern und realistisch. Da wird auch etwas für den auf den ersten Blick wenig ansehnlichen, für die Ökologie aber enorm wichtigen Endoparasiten Steinlaus getan. Wo immer möglich, werden für die Laus Schotterflächen angelegt, zum Beispiel zunächst entlang des Schnellertors, aber auch in der "Roten Allee", sprich im Krönleinsweg. Genau dort wetteifert nun der Landkreis mit der Stadt um die "geschottertste Fläche". So kam jüngst eine Gartenbaufirma zu dem Internat, um großflächig Steine zu verteilen. Das Ambiente macht jedem Bahndamm Konkurrenz.

    Schotter am Brauerinternat des Landkreises. Foto: Karlheinz Haase
    Schotter im Krönleinsweg. Foto: Karlheinz Haase

    Respekt, so viel Aufwand für die Steinlaus, mag sich mancher denken. Doch vielleicht steckt auch ein anderer Gedanke dahinter. Wollen sich Stadt und Landkreis für den Titel "Garten des Grauens" bewerben? Den hat die Jury zum Beispiel an die Stadt Hörstel vergeben - neben Ibbenbüren, links von Osnabrück, rechts von Nordhorn und oberhalb von Münster. Keine Chance dagegen haben Städte wie Heilbronn, Xanten, Halle, Herford, Dortmund und Darmstadt. Dort wurden Schottergärten irrsinnigerweise gesetzlich verboten. Gut, dass Karlstadt da nicht mitmacht. Und das Brauerinternat bekommt mit viel Glück für sein Biotop vielleicht sogar die grüne Hausnummer.  

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