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    Stetten

    Sack Zement: Der Grand Canyon von Stetten

    Demarkationslinie in Stetten Foto: Günter Roth

    Seit die unerbittlichen Bagger mit den Pfeilern die letzten Reste der altehrwürdigen Bahnbrücke abgerissen und verschleppt haben, ist Stetten endgültig ein geteilter Ort. Für mindestens ein ganzes Jahr sind jetzt Oberdorf und Unterdorf getrennt und die Befürchtung wird laut, dass das zur Entfremdung beider Teile führen könnte.

    Weil aber die Stettener das Unheil beizeiten dräuen sahen, trafen sie sich am Maifeiertag auf der noch stehenden Brücke, um dort mit einer Trauerfeier Abschied voneinander zu nehmen. Seitdem zerrissen die Maschinen der Abbruchfirma unbarmherzig ein Stück nach dem anderen von dem, was Stetten einst jahrzehntelang verbunden hat.

    Wehmütig blicken auch die ehemaligen Jugendlichen auf ihre Brücke zurück, in deren Deckung am "Bahnree" – hinter Pfeilern und Hecken – sie einst, alleine oder in der Clique,  heimlich rauchten oder auch mal was tranken. Die neuen schlanken Stützen und die abgeholzten Hänge werden die heutigen Teenies schutzlos den Blicken preisgeben. Andererseits, welcher Halbgare raucht und trinkt heute noch heimlich?

    Herausforderung Drehkreuz

    Wie geht man nun in Stetten um mit dieser Trennung? Schüler müssen endlose Wege über das Drehkreuz an der Vorgartenstraße gehen. Manche Eltern sollen schon einen Shuttle-Service als Zubringer zum Schulbus gefordert haben. Doch könnten zumindest die Grundschüler gleich zu Fuß durch die Buchenhölle in die Schule nach Thüngen marschieren. Mancher "Prinzenrolle" würde das richtig gut tun.

    Gravierende Umsatzeinbußen befürchtet der Bäcker. Wo sonst gerade mal 500 Meter durch die Bergstraße zum Ziel geführt haben, muss die Kundschaft nun viermal so weit durch die Bundesstraßenunterführung fahren. Dort gibt's aber am frühen Morgen keine Parkplätze wegen der vielen Bauarbeiter, die ihren Coffee-to-go dort holen. Da wartet doch so mancher lieber auf den mobilen Bäcker aus Thüngen.

    Auch die Werntalklause spürt die Trennung: Was früher ein Katzensprung war, wird zur Weltreise. Vor allem wenn, man wegen der vielen Schoppen das Auto stehen lassen muss. Letzthin hat einer von denen wegen zahlreicher Promille den Ausgang am Drehkreuz nicht mehr gefunden. Nach fünf Dutzend Runden wurde er schließlich völlig erschöpft aufgefunden. Da kann man doch gleich die zwei Kilometer weiter über den Berg laufen und in Retzbach einkehren.

    Rettung kommt ausgerechnet von der "Münchener Freiheit"

    Mental halten die Stettener aber noch eisern zusammen. Es gibt Berichte von heimlichen Botschaften mit Rauch- oder Blinkzeichen, auch ein Schnurtelefon über den Großen Graben ist schon in Arbeit, womöglich sogar eine Seilbahn. Eine echte Herausforderung wird dann das Weinfest im Juli bieten. Weil ja Hochstetten vom neuen Festplatz abgeschnitten ist, sollen mehrere Holder-Ladungen an Bockbeuteln als Schoppen-Care-Pakete am "Grand Canyon" vorbeigeschleust werden. In der Buchenhöllstraße wird dann bei Werner Amthor und seiner Frau Helau ein Miniweinfest mit Public-Viewing und Liveübertragung vom Torbogen gefeiert.

    "Ein Jahr ist schnell vorüber" sang einst die Gruppe "Münchner Freiheit" – aber was ist dann? Finden wir Stettener dann wieder zusammen? Ganz klar! Es laufen schließlich schon Vorbereitungen für die Feier zur Wiedervereinigung. Und die "Münchner Freiheit" hat auch schon die Antwort darauf: "Versuchen wir es wieder. So lang' man Träume noch leben kann!"  

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