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    Gemünden

    Stadtrat in Gemünden vor Sitzung kurzzeitig in Handschellen

    In Gemünden klickten am Montag die Handschellen - vor dem Rathaus. Foto: Friso Gentsch

    Einen Stadtrat, der auf Strümpfen vor der Polizei durch die Fußgängerzone flüchtet und vor der Stadtpfarrkirche zu Fall gebracht wird, erlebt man nicht alle Tage. In Gemünden (Lkr. Main-Spessart) erregte dieser Vorfall am vergangenen Montagabend Aufsehen. Im Mittelpunkt: ein fraktionsloser Stadtrat aus Langenprozelten, der sogar kurzzeitig in Handschellen gelegt wurde. Das Spektakel hatte einen zivilrechtlichen Hintergrund: das Vollstrecken einer Zahlungsforderung. Ein strafrechtliches Nachspiel wird jetzt folgen.

    Erzwingungshaftbefehl vor dem Rathaus vollstreckt

    Auf Nachfrage der Redaktion nennt der 53-Jährige das Vorgehen der Polizei dem Anlass nicht angemessen und überzogen. Er ist selbstständiger Zahnarzt und Bezirksvorsitzender des Gesundheits- und Pflegepolitischen Arbeitskreises der CSU (GPA). Die von allen Zahnärzten zu entrichtenden Zwangsbeiträge an die Landeszahnärztekammer empfindet er als ungerecht. Deshalb, so der Stadtrat, habe er sie einige Zeit nicht bezahlt. Die Kammer erwirkte einen Erzwingungshaftbefehl. Den vollstreckte am Montag eine Gerichtsvollzieherin mit Hilfe einer Polizeistreife - vor dem Rathaus am Gemündener Marktplatz, als der Zahnarzt auf dem Weg zur Stadtratssitzung war.

    "Ich habe sie lauern sehen", berichtet er. Er habe sich "zu 50 Prozent gedacht", dass die Polizisten auf ihn warten würden. Als das Trio ihn ansprach, habe er einerseits aus Überraschung und andererseits, weil sich die Gerichtsvollzieherin auf keine Diskussion eingelassen habe, Fersengeld geben wollen: Er habe den Dreien seine Laptop-Tasche zugeworfen, sich seiner Schlappen entledigt und sei davongerannt. Schon 50 Meter weiter an der Stadtpfarrkirche war die Flucht auf Strümpfen zu Ende. Dort habe sich ein etwa 100 Kilogramm schwerer Polizist auf ihn geworfen und zu Fall gebracht, schildert der Langenprozeltener: "Der hat mich quasi als Airbag benutzt."

    Schulden bezahlt, Haftbefehl hinfällig

    Mit auf den Rücken gefesselten Händen wurde der Stadtrat in einen Streifenwagen gebracht. Erst auf der Fahrt ins Würzburger Gefängnis habe er sich beruhigt und die Zahlung der geforderten vierstelligen Summe angeboten. Er sei sich durchaus bewusst gewesen, dass die Zwangsabgabe formal nicht abzuwenden war. Mit der Bezahlung der Schulden hatte sich der Haftbefehl erledigt. Und die Augenzeugen der Rangelei am Gemündener Marktplatz erlebten, dass eine knappe Stunde danach der Stadtrat erneut erschien und diesmal ungehindert das Rathaus betrat.

    Die Stadtratssitzung habe er jedoch nach wenigen Minuten wieder verlassen, so der 53-Jährige - der Schmerzen wegen, die sich nach dem Sturz vor der Kirche eingestellt hätten. Seither laboriere er an zahlreichen Prellungen und Schürfwunden und humple.

    Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken begründet auf Nachfrage das Vorgehen damit, dass "sich der Mann tätlich gegen die Maßnahmen der Gerichtsvollzieherin zur Wehr gesetzt hat". Gegen den 53-Jährigen seien "Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung, eingeleitet" worden.

    Der Vorwurf der Beleidigung bezieht sich laut dem Stadtrat auf das bekannte Götz-von-Berlichingen-Zitat, das er gebraucht habe. Ob dies eine Beleidigung sei, werde noch zu klären sein. Er seinerseits überlege, den Polizeibeamten, der ihn angesprungen habe, wegen unangemessener und überzogener Härte anzuzeigen. Er hätte sich, so der Stadtrat, bei dem Sturz an der Kirchentreppe lebensgefährliche Verletzungen zuziehen können.

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