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    Zellingen

    Sterben die traditionellen Wirtschaften aus?

    Jürgen Keller (rechts) mit Referent Gerrit Himmelsbach. Foto: Roland Reuchlein

    Gut besucht war der von der Zellinger SPD organisierte Vortrag von Gerrit Himmelsbach zur Geschichte der „Wirtshäuser“ in Unterfranken. „Wandel ist Normalität“, so begann der Historiker seine Ausführungen. Die Gastronomie sterbe nicht aus, sie sei im Wandel. Pizza, Döner, Asia erlebten einen Boom, viele Dorfwirtshäuser schließen. Die fränkische Dorfwirtschaft mit den traditionellen Speisen werde aber nicht aussterben. Es werde sie aber nicht immer und automatisch nebenan geben, sie werde exklusiv.

    „Den Menschen fehlt die Zeit zum Essen“, so Himmelsbach. Das Leben sei so eng getaktet, dass das klassische Mittagessen bei den meisten ausfalle. Da die Menschen ihre Zeit effektiv nutzen, bediene diesen Lifestyle ein Schnellimbiss laut Himmelsbach passgenau: Rein in den Laden, essen auf den Teller – fertig. Auf die Spitze getrieben werde diese Verhaltensweise mit der „to go“-Kultur. Gegessen und getrunken wird im Gehen, auf dem Weg zum nächsten Termin. „Das war bis vor 30 Jahren undenkbar“.

    Neben diesen kulturellen Veränderungen sieht Himmelsbach auch in der Struktur der Betriebe einen Grund für die Schließungen. 80 bis 90 Prozent der Wirtshäuser waren und seien Familienbetriebe. Die Wirtsleute fänden in ihren Familien keine Nachfolger mehr. Arbeiten, wenn die anderen feiern, am Wochenende und in der Nacht, schrecke viele Kinder der Wirtsleute ab, sie würden häufig in Industrie, Handwerk und ins Dienstleitungsgewerbe ziehen, wo sie mit offenen Armen empfangen werden, so Himmelsbach.

    Arbeitsgruppe gegründet

    Keineswegs dramatisch sieht Himmelsbach die Entwicklung. Die Veränderung werde nicht dazu führen, dass die fränkischen Wirtshäuser auf der Landkarte verschwinden. Er zeigte das am Beispiel gut geführter Häuser auf, die mit traditionellen Speisen und Getränken, aber auch mit Schafkopfrunden ihre Wirtschaften von Montag bis Sonntag voll bekommen, so voll, dass am Wochenende immer, aber auch an den Wochentagen, sichere Plätze nur mit Reservierungen zu bekommen seien.

    Garniert war der Vortrag mit vielen Anekdoten und Bildern über fränkische Wirtshäuser, fränkische Wirtsleute und fränkische Speisen. Bei der anschließenden Diskussion erinnerten  sich viele Besucherinnen und Besucher an die vielen Zellinger Wirtshäuser.

    Groß war auch das Interesse an der Arbeitsgruppe, die die Geschichte der Wirtshäuser in Duttenbrunn, Retzbach und Zellingen erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich machen will. Ein erstes Treffen dieser Gruppe, findet am Mittwoch, 24. Juli, um 19 Uhr im Nebengebäude des Ankergartens an der Mainlände in Zellingen statt.

    Bearbeitet von Lena Bayer

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