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    Karlstadt

    Tabuthema Wochenbett-Depression: Auch Väter immer öfter in der Krise

    Ungefähr 80 Prozent aller jungen Mütter leiden unter dem Babyblues, auch Heultage genannt. Von einer Wochenbett-Depression spricht man, wenn die Symptome mehr als zwei Wochen andauern. Foto: Getty Images

    Sie ist gelernte Hebamme. Dann hat sie auch die psychologische Seite der Mutterschaft interessiert und ein Psychologie-Studium angehängt. Seit vielen Jahren gibt die Kleinostheimerin Dagmar Weimer selbst Fortbildungen zum Thema postpartale Depression, auch Wochenbett-Depression genannt. Am  23. Mai kommt sie auf Einladung der Schwangeren-Beratung Main-Spessart zu einem Vortrag nach Karlstadt. 

    Frau Weimer, was genau ist eine Wochenbett-Depression? Und wie unterscheide ich sie vom ganz normalen Babyblues?

    Dagmar Weimer: Ungefähr 80 Prozent aller jungen Mütter leiden unter dem Babyblues, auch Heultage genannt, die oft am dritten Wochenbetttag beginnen. Der Zustand ist völlig normal, ist also keine Erkrankung und gehört zur Umstellung nach der Geburt. Der Babyblues muss aber nach 14 Tagen vorbei sein. Von einer Wochenbett-Depression spricht man, wenn die Symptome mehr als zwei Wochen andauern. 

    Was sind Symptome? 

    Weimer: Die Frauen können oft ihr Baby nicht genießen, haben Schlafstörungen, obwohl das Baby gut schläft, sind antriebslos. Leiden unter innerer Unruhe, eventuellen Ängsten oder Gedanken, die immer wieder kommen.  

    Dagmar Weimer, Diplom-Psychologin und Hebamme aus Kleinostheim, hält am 23. Mai in Karlstadt einen Vortrag zum Thema "Krise nach der Geburt. Mutterliebe darf Zeit brauchen!". Foto: Weimer

    Wie finden Sie heraus, ob jemand wirklich betroffen ist?

    Weimer: Indem ich den Frauen viele Fragen stelle, zum Beispiel, wie lange sie warten mussten, bis sie schwanger wurden? Wie der Schwangerschaftsverlauf war? Ob es negative Geburtserlebnisse gab? Dann frage ich auch immer, ob die Frauen ihr Baby schon lieben können? Manche können das noch nicht.  Auslöser können aber auch partnerschaftliche Probleme sein, zum Beispiel die mangelnde Wertschätzung, auch von Eltern und Schwiegereltern. In einzelnen Fällen können auch Schilddrüsenprobleme die Ursache sein. Aber meist sind die Hormone nicht allein zuständig, sondern nur ein Aspekt. 

    Wie helfen Sie den Frauen dann weiter? 

    Weimer: Ich frage immer: Was könnte ihnen helfen? Dann mache ich mit allen Frauen eine Art Selbsthilfeplan. Darin kann man klären: Wer kann das Baby noch nehmen, um die Frau zu entlasten? Kann der Partner mehr machen? Viele Frauen sind erleichtert, wenn sie verstanden werden. Verwandte können das oft nicht leisten. Wenn ich aber merke, dass die Frauen keine eigenen Ideen, keinen eigenen Antrieb mehr haben, um sich selbst zu helfen, handelt es sich oft um eine schwerere Krise. 

    Was hilft dann?

    Weimer: Stützende Gespräche, Selbsthilfe, aber auch eine Psychotherapie. Die wirkt allerdings langsam. Bei schweren Depressionen helfen auch Antidepressiva. Die sind oft nicht so schlimm, wie ihr Ruf. Sie machen nicht süchtig und verändern auch nicht die Persönlichkeit.  

    Was ist, wenn die Depression nicht behandelt wird?

    Weimer: Unbehandelt kann eine Wochenbett-Depression ungefähr nach einem halben Jahr vergehen. Aber es ist sowohl für die Frauen als auch für die Kinder sehr schade und belastend, wenn sie die Zeit zusammen nicht genießen können. Zudem können sich zum Beispiel Ängste der Mutter auf die Kinder übertragen. 

    Sie sind seit 25 Jahren Hebamme. Wie wird und wurde das Thema Wochenbett-Depression in dieser Zeit wahrgenommen? 

    Weimer: Das Thema ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Dabei sind die Frauen sehr bereitwillig zu erzählen, wenn man ihnen die richtigen Fragen stellt. Um etwas in Bewegung zu bringen, hat die Techniker Krankenkasse eine gute Initiative gestartet. Sie hat sich gefragt, warum offiziell 15 Prozent der Frauen in Deutschland als betroffen gelten, aber nur fünf Prozent Hilfe bei den Kassen in Anspruch nehmen. Daraufhin hat sie ein Heft mit Maßnahmen herausgebracht, um das Thema aus dem Tabubereich herauszuholen.  

    Viele Frauen holen sich heutzutage auch Hilfe im Internet.

    Weimer: Ja, durch das Internet gelangt man leichter an Informationen. Und auch der ein oder andere Prominente outet sich heutzutage öffentlich. Danach stellt sich den Frauen aber oft die Frage, was sie mit den Informationen anfangen.

    Was halten Sie von der Idee, Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt routinemäßig auf Depressionen zu untersuchen, wie derzeit diskutiert wird? 

    Weimer: Das würde Sinn machen. Es gibt einen Fragebogen, mit dem sich feststellen lässt, ob eine Frau gefährdet ist, der Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale. Das Problem ist nur, dass der Gynäkologe, der der Frau den Test aushändigt, seine Zeit für die Auswertung und das dazugehörige Gespräch nicht vergütet bekommt. Insofern gibt es kaum Angebote. Die Schwangerschaftsberatungen bieten stützende Gespräche bis zum dritten Geburtstag des Kindes an. Aber es fehlt an Psychiatern und Psychotherapeuten, die im Ernstfall dann aufgesucht werden sollten. Da gibt es Wartezeiten bis zu einem halben Jahr. Für eine akute Hilfe ist das zu spät. 

    Mittlerweile betrifft die Wochenbett-Depression auch Männer. Wodurch kommt das?

    Weimer: Das stimmt. Ungefähr fünf bis acht Prozent der Väter sind betroffen. Und das ist noch ein viel größeres Tabu. Eine Rolle spielt dabei die Elternzeit, durch die Väter die gleiche Rolle übernehmen wie Mütter. Dann kann sich einiges aufstauen: Zum Beispiel wenn Babys viel weinen, der Tag unstrukturiert ist und es keine Erfolgserlebnisse gibt. Auch Vorerkrankungen spielen eine Rolle. Wer vor der Geburt eines Kindes unter Depressionen oder Panikattacken litt, hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, auch nach der Geburt davon betroffen zu sein. Wie bei den Frauen ist auch bei den Männer wichtig, sie zu verstehen und zu entlasten und eine geeignete Therapie zu finden. 

    Vortrag und Schwangerschaftsberatung MSP
    "Krise nach der Geburt. Mutterliebe darf Zeit brauchen!" heißt der Vortrag, den die Diplom-Psychologin und Hebamme Dagmar Weimer am 23. Mai um 19 Uhr in der Kantine des Alten- und Pflegeheims Otto und Anna Herold in Karlstadt in der Rudolph-Glauber-Str. 26 halten wird. Der Vortrag richtet sich an Betroffene, Angehörige, Fachleute und Interessierte und ist kostenfrei. Veranstalter ist die Staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen im Gesundheitsamt Landratsamt Main-Spessart.
    Die Schwangerschaftsberatung MSP besteht aus Diplom-Sozialpädagoginnen mit langjährigen Berufserfahrungen in der Bereichen Schwangerenberatung, Paarberatung, Sexualpädagogik, Krisenbewältigung und ist auch Ansprechpartner für Krisen rund um die Geburt. Beraten wird vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym. In besonderen Fällen machen die Mitarbeiterinnen auch einen Hausbesuch, um auf akute Situationen reagieren zu können. Sie bieten Unterstützung und suchen mit der Mutter nach Lösungen und Entlastungen. Sie begleiten so lange wie nötig und vermitteln bei Bedarf an Fachstellen weiter.

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