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    Hafenlohr

    Umgehung Hafenlohr: Wer profitiert, wer hat das Nachsehen?

    Nächtliche Ruhe in der Hafenlohrer Hauptstraße: Mit dem Bau der Umgehungsstraße erhofft man sich auch tagsüber eine entspanntere Verkehrssituation in der Ortsmitte.  Foto: Roland Pleier

    Die Planungen für  Umgehungsstraße und Hochwasserschutz in Hafenlohr laufen. Auf den betroffenen Flächen stecken bereits die  Markierungen für den Hochwasserschutz. Am ehemaligen Bahndamm, auf dem zukünftig die Straße verlaufen wird, sind die letzten Zauneidechsen abgesammelt und umgesiedelt. 1300 Einwohner hat Hafenlohr ohne Windheim. Wer ist Gewinner, wer Verlierer der geplanten Umgehungsstraße?  

    Thorsten Schwab, Bürgermeister der Gemeinde, tut sich schwer mit der Frage. Zirka 120 Anwesen gibt es, die heute noch im Hochwasserbereich HQ100 liegen. Nach dem Bau der Umgehungsstraße und dem mit ihr verbundenen Hochwasserschutz sind diese Anwesen nicht mehr vom über die Ufer steigenden Main bedroht. "Das bedeutet sicher auch eine Wertsteigerung für das eigene Grundstück", so Schwab. 

    Situation Hauptstraße: Parkstress und fliegende Außenspiegel 

    "Aber es gibt auch noch ganz viele Bürger, die einen Nutzen haben, obwohl sie nicht direkt an der Straße wohnen", führt er weiter aus. Kindergarten und Arzt lägen direkt an der Ortsdurchfahrt. Morgens und mittags gehe es da schon ein wenig chaotisch zu, bis alle Eltern ihre Kinder gebracht und wieder geholt hätten. "Direkt nebenan fahren täglich 10 000 Fahrzeuge. Parkmöglichkeiten gibt es wenige, des Öfteren fliegen Außenspiegel von geparkten Pkws", beschreibt Schwab. Zudem werde das Queren der Straßen immer schwieriger. Ampel und Zebrastreifen seien nicht möglich. Um so etwas genehmigt zu bekommen, müssten 300 Fußgänger in einer Stunde an einer bestimmten Stelle die Straße überqueren. 

    Die Parksituation sieht er auch für die Hafenlohrer Geschäfte kritisch. "Ich kenne einige ältere Mitbürger, die lieber nach Marktheidenfeld zu den nahegelegenen Supermärkten fahren, weil es dort keinen Parkstress gibt", so Schwab.

    Wollen ihre Filiale schließen, wenn die Umgehung da ist: Die Metzgerei Mathes aus Marktheidenfeld. Foto: Lucia Lenzen

    Wie sehen Bäcker und Metzger selbst ihre Zukunft? Seit 47 Jahren gibt es die Metzgerei Mathes in der Hauptstraße. 1972 eröffnete der Familienbetrieb sein Geschäft an dieser Stelle und betreibt es seit dem. Doch die Tage der einzigen, noch verbliebenen Metzgerei im Ort könnten gezählt sein. "Wenn die Umgehungsstraße da ist, werden wir die Filiale schließen", sagt Geschäftsinhaberin Anja Mathes. Gemeinsam mit den Eltern betreibt sie den Hauptsitz der Metzgerei in Marktheidenfeld. Der Laden in Hafenlohr lebe zu 90 Prozent vom Durchgangsverkehr, sprich von Lkw-Fahrern, die sich auf der Durchfahrt bei ihnen eindecken. "Allein von den Hafenlohrern können wir nicht leben", erläutert die Inhaberin. Daran habe sich auch nicht viel geändert, nachdem die zweite Metzgerei im Ort, die Metzgerei Franz, im vergangenen Jahr geschlossen hat. 

    Bäckerei Fischer rechnet mit Einbußen von rund 40 Prozent

    Auch die Bäckerei Fischer direkt nebenan profitiert in erster Linie vom Durchgangsverkehr. Am meisten los sei zwischen 5.30 und 10.30 Uhr, erläutert Ludwig Fischer. Der 57-Jährige führt den Familienbetrieb, den er wiederum von seinem Vater übernommen hat. Derzeit beschäftigt er drei Gesellen, einen Auszubildenden und drei Angestellte im Verkauf. Wenn die Umgehungsstraße fertig ist, rechnet er mit Umsatzeinbußen um die 40 Prozent. Ob sich sein Geschäft dann noch trägt? Er kenne kaum eine Ortschaft mit Umgehungsstraße, die noch Bäcker und Metzger habe, kommentiert er. 

    Profitiert in erster Linie vom Durchgangsverkehr: Ludwig Fischer (Mitte) Inhaber der Bäckerei Fischer in Hafenlohr mit den Verkäuferinnen (von links) Madeleine Roth und Sabine Schiffer. Foto: Lucia Lenzen

    Aber er ist auch als Bewohner betroffen. Seit er acht Jahre alt ist lebt er im Wohnhaus, das an die Bäckerei hinten anschließt. "Das Schlafzimmer und die Terrasse gehen nach hinten raus, wegen der Ruhe", sagt er. Zukünftig wird dort in zirka zwölf Metern Abstand die Umgehungsstraße verlaufen. Vor dessen Geräuschkulisse schützen soll eine Lärmschutzwand. "Wie die wirkt? Mal schauen", gibt sich der Hafenlohrer skeptisch. Generell sei er gegen die Straße, aber er habe auch auf gewisse Weise resigniert. Aufgrund der bevorstehenden Lärmbelastung habe er Einwände erhoben. "Daraufhin bekam ich dann den Bescheid, dass die Lärmschutzwand höher wird. Was soll ich dann noch sagen?", erzählt er. 

    Mit dem Thema Hochwasser habe er bisher noch keine Probleme gehabt. Durch einen erhöhten Sockel sei das Haus gut geschützt. Einzig in den 70ern habe es mal drei Zentimeter in der Backstube gestanden. "Ich lasse das jetzt alles mal auf mich zukommen", fasst er zusammen. Schließlich werde er auch nicht mehr ewig arbeiten. Vielleicht werde er dann verpachten. Oder nur noch vormittags öffnen. Seine Kinder wollen den Betrieb nicht übernehmen. 

    Wummernde Motoren und Abgase, die durch die Wohnung ziehen

    Seit 13 Jahren wohnt Thomas Witzel in der Hauptstraße 15. Er hat zwei Hochwasser erlebt. Weiß wie es ist, nur über Stege ins Haus zu gelangen. Wie aufwändig und anstrengend das große Aufräumen danach ist, wenn Schlamm und Dreck aus den Räumen und Ritzen geputzt werden muss. Und wie Fassade und Mauerwerk unter dem Wasser leiden. Und er kennt die Stoßzeiten des Durchgangsverkehrs auf der Hauptstraße genau. Wie es täglich zwischen fünf und acht Uhr morgens und nachmittags zwischen 15 und 18 Uhr vor der Türe dröhnt und wummert. Wie die Abgase durch das Fenster in die Wohnung ziehen, wenn die Lkw-Fahrer den Motor laufen lassen, wenn sie zum Bäcker gehen. "Ich begrüße die Umgehungsstraße und den Hochwasserschutz", sagt er. 

    Befürwortet den Bau der Umgehung und den Hochwasserschutz: Thomas Witzel, Anwohner in Hafenlohr, zeigt wie hoch das Hochwasser an seinem Haus bereits stand. Foto: Lucia Lenzen

    Die damit verbundenen Aktionen nimmt er in Kauf. So zum Beispiel, als der Bahndamm gerodet wurde. "Viele Leute haben Angst, dass sich der Lebensraum am Main negativ verändert", erzählt er. Wie viele Menschen es hier in der Mittagspause, nach Feierabend oder am Wochenende hin zieht, bekommt er hautnah mit. Schließlich laufen sie alle an seinem Haus vorbei. "Vor allem im Sommer herrscht hier großer Betrieb", erzählt er. Angefangen vom Stand Up-Paddler über die Main-Bader bis zu den Sonnenanbetern. Sogar Hochzeiten würden hier unten gefeiert. Wie es nach der Umgehung hier aussieht? "Es heißt ja immer, dass nichts weggenommen werde", sagt er. 

    Schwab: Keinerlei Gefahr für den Erhalt des Badestrandes

    Stimmt das? Ja, sagt Thorsten Schwab. Und: Das sage nicht nur er, das könne man auch in sämtlichen Plänen nachlesen. So werde die Mainwiese nur während der Bauzeit beeinträchtigt, später aber wieder in gleicher Form zur Verfügung stehen. Zudem sei der Böschungs-Fuß der bisherigen ehemaligen Bahnlinie  identisch mit dem Böschungs-Fuß der künftigen Umgehungsstraße. "Die Böschung wird auch wieder begrünt. Muss sogar wegen der Fledermäuse mit Büschen bepflanzt werden", so der Bürgermeister. Somit besteht aus seiner Sicht keinerlei Gefahr für den Erhalt des Badestrandes. 

    Rodungsarbeiten am ehemaligen Bahndamm in Hafenlohr für den Bau der Umgehungsstraße Foto: Thomas Witzel

    Bleibt nur die Frage, wie sich die Atmosphäre hier ändert. Wie laut oder leise die Straße zukünftig wird? Fakt ist, dass auf ihr zulässige Geschwindigkeiten einer nicht beschränkten Landstraße entsprechend der Straßenverkehrsordnung gelten, also für Pkw Tempo 100, am Anschluss Süd Innerorts Tempo 50 und am Anschluss Nord Tempo 70. "Um Anwohner vor den Verkehrsgeräuschen zu schützen, fordert der Gesetzgeber in erster Linie Baumaßnahmen wie Lärmschutzwände und Fenster", erläutert Falk Piller vom Staatlichen Bauamt.  Die Geschwindigkeit zu drosseln sei keine Option.

    Stand der Planungen Ortsumgehung und Hochwasserschutz
    Laut Regierung von Unterfranken ist mit dem Erörterungstermin am 23. Juli das Anhörungsverfahren zum Planungsstand abgeschlossen. Die Auswertung der eingegangenen Einwendungen und Stellungnahmen sowie des Erörterungstermins dauere derzeit noch an. Es sei jedoch bereits erkennbar, dass diverse Planänderungen von den Vorhabensträgern in das Verfahren eingebracht werden müssen. Da diese Änderungen unter anderem den Lärmschutz betreffen, sei aller Voraussicht nach auch eine erneute Auslegung der geänderten Planunterlagen erforderlich. 
    Welche Erfahrungen haben andere mit Ortsumgehungen?
    Michael Gram, Bürgermeister von Rothenfels, bezeichnet den Bau der Ortsumgehung Rothenfels als "Glücksfall". "2000 wurde die Umgehung eröffnet. Seit dem habe sich der Zustand der Häuser im Altort stark verbessert. "Die Leute haben Geld in ihre Häuser gesteckt und renoviert", so Gram. Auch sei die Innenstadt wieder belebter. Auch Rosemarie Richartz, die damalige Bürgermeisterin, kann sich nicht erinnern, dass die Umgehung ortsansässigen Wirtschaftsbetrieben zu schaffen gemacht hätte. Brauerei und Gastronomie gebe es nach wie vor in Rothenfels.  
    Stephan Morgenroth, Bürgermeister von Neustadt am Main, blickt derzeit höchst interessiert nach Hafenlohr. Schließlich steht auch in Neustadt die Ortsumgehung an. Auch hier leiden die Bewohner unter den knapp 10 000 Fahrzeugen, die täglich durch den Ort rauschen.  "Wir forcieren die Planungen und das Projekt steht auf Dringlichkeitsstufe eins", so Morgenroth. Auch, da befürchtet wird, dass zukünftig mit der B26n das Verkehrsaufkommen noch wächst. Wie der Ort hinter den Plänen steht? Die Bevölkerung sei gespalten, allerdings kämen die Bedenken in erster Linie aus dem Ortsteil Erlach. Dadurch, dass die Trasse auf den höher gelegenen alten Bahndamm soll, erwartet man dort eine höhere Lärmbelastung.  Da es in Neustadt keinen Metzger, Bäcker oder Wirtschaft mehr gibt, seien keine Wirtschaftsbetriebe betroffen und "alle froh, wenn der Verkehr draußen ist."
    In Stadtprozelten im Landkreis Miltenberg gab es zur geplanten Ortsumgehung 2017 einen Bürgerentscheid. Mit drei Stimmen Mehrheit gewann dabei das Ratsbegehren, das den Bau der Umgehungsstraße und einen Hochwasserschutz zum Ziel hatte. Kritik gab es vor allem an der  geplanten Straße, die durch das Naherholungsgebiet Mainvorland führen soll. Die Befürworter sehen in der Umgehung hingegen Chancen, Stadtprozelten weiterzuentwickeln. Im Rathaus plant man nun mit dem Planfeststellungsverfahren Anfang 2020.   

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